Es war gestern einfach tolles Wetter zum Radfahren. Sonne, selbstredend Sonnenmilch, nachdem mich ein recht angenehmer Nachmittag am Hamburger Hafen leicht verbrannt hat. Eine Verabredung hatte mich nach längerer Zeit mal wieder in die HafenCity geführt. Für die Fahrt am Sonntag habe ich zu wenig zu trinken mitgenommen, viel zu teures Wasser aus der Tankstelle musste aushelfen. Es sollte eine richtig lange Fahrt werden.

Die Fahrt wurde so lang, dass sich Freunde und Verwandte wunderten. Ich habe einige Kontakte bei meinem Fahrradcomputer eingetragen, die jedes Mal, wenn ich losfahre, eine Einladung bekommen, meinen Standort live zu tracken. Inklusive Fahrdaten wie Herzschlag, Leistungsabgabe und Geschwindigkeit. Mein Vater guckt sich das regelmäßig an und berichtete bei Kaffee und Kuchen darüber, dass er sich gewundert hatte, dass ich nach vier Stunden immer noch weit weg von Lüneburg war. Drei bis vier Stunden war in der Zeit vorher meine übliche Strecke. Der Kilometerzähler stoppte letztlich bei 131,4 Kilometern nach fünfeinviertel Stunden. Und ich fühlte mich irgendwie gut.

Womit beschäftigt man sich auf so langen Fahrten? Für eine ganze Weile mit gar nichts. Ich fahre so viel Rad, um meinen Kopf frei zu bekommen. Also Musik. “Profound Mysteries” von Röyksopp auf der Sonnenbrille funktioniert deutlich besser als Progressive Metal. Der lässt einen irgendwann nur getrieben zurück und die Entspannung einer solchen Tour würde gegen null gehen. Es reichte mir, dass meine eigenen Gedanken mich vorangetrieben haben. Denn “Kopf frei” hat so gut wie gar nicht geklappt diesmal. Der Kopf war voll und wollte nicht wesentlich leerer werden.

Wobei ich momentan neben dem schon in einem Artikel erwähnten Legion von Tesseract gerade “Atonement” von Leprous auf Dauerrotation habe. Also gerade etwas härtere Musik. Apocalyptica hat tatsächlich mal wieder etwas herausgebracht, was mir wirklich gefällt: „One” mit einem James Hetfield, der seinen Text nicht singt, sondern spricht. Ich fand, nach “Seemann” (jene Version mit Nina Hagen), war da irgendwie nichts, was mich so richtig angesprochen hat. Aber diese gesprochene Version von One ist wirklich gut, die Percussion wirkt hier nicht ganz so deplatziert wie bei vielen anderen neueren Stücken von ihnen. Das Schlagzeug war glaube ich auch das, was mir an vielen neueren Sachen von Apocalyptica missfallen hat. Ist aus meiner Sicht ein Problem von vielen Musikern, die insbesondere härtere Musik covern und dann das Ganze mit einem Schlagzeug völlig ertränken. Ja, ich weiß auch, dass es in der Klassik Percussion gibt bis hin zum Hammer in der Hammerschlagsymphonie — aber das ist was anderes, weil meist wohl integriert.

Aber ich schweife ab. Üblicherweise plane ich ja meine Fahrten vorher, aber vielleicht sollte ich alle paar Tage mal eine völlig ungeplante Strecke durchziehen. Es kommen erstaunliche Dinge bei rum, zum Beispiel wirklich lange Strecken. Orte, durch die man mal mit dem Auto gefahren ist, sich aber unsicher war, wo zum Henker das gewesen sein könnte, weil man sich an den Namen nicht mehr erinnert, sie aber sofort wiedererkennt.

Von Lüneburg über Uelzen, Ebstorf, Lopau, Amelinghausen, Salzhausen, Kirchgellersen, Vögelsen, Bardowick zurück durch die Innenstadt nach Hause in Lüneburg. So kommen dann 131,4 km auf dem Tacho zustande. Es ist damit die drittlängste Fahrt mit dem Rad, die ich je gemacht habe. Allerdings waren die längste und zweitlängste Fahrten virtuelle Fahrten zu Hause vorm Fernseher mit einer fast topfebenen Strecke und virtuellem Windschatten. Zählt irgendwie nicht so richtig. Also, das Sonntag war offiziell die längste, nicht simulierte Tour auf zwei Rädern. Gefühlt dachte ich, dass meine Fahrt zur Festung Dömitz länger war, sie hat nur länger gedauert, war aber tatsächlich 10 km kürzer. Die Strecke war eher in der Distanz mit Lüneburg-Hamburg süderelbisch mit anschließender Rückfahrt nordelbisch über Geesthacht vergleichbar. Denkt man zunächst auch nicht, aber das Folgen des Flusses macht die Strecke insbesondere nordelbisch sehr, sehr lang.

Jetzt könnte man sagen, dass das eine E-Bike-Fahrt war, also auch nicht zählen würde. Energieeinsatz war allerdings praktisch genauso hoch. 2800 kcal gestern. Die zweitlängste Fahrt waren 3078 kcal auf 130,27 km. Allerdings bei nur halb so viel Höhenmetern.

Auf jeden Fall habe ich kaum Fotos gemacht. War zu sehr mit Fahren beschäftigt. So wirklich interessant ist die Gegend da unten auch nicht. Ein Foto in die richtige Richtung. Wieder mal Windräder. Sie sind hier wirklich epidemisch. Das, was Bayern an Windrädern fehlt, steht wahrscheinlich hier in der Gegend rum.

Windräder Windräder

Und ein zweites, das mich zeigt, weil ich versehentlich auf die andere Kamera umgeschaltet habe. Ein Bild, das viel zu deutlich zeigt, wie viel grauer ich im letzten Jahr geworden bin. Auch die Haare rieseln zunehmend farbloser vom Kopf, wenn ich beim Friseur bin. Auch eine Entwicklung des letzten Jahres. Diese versehentlichen Fotos zeigen wahrscheinlich eher die unverblümte Seite des eigenen Bauzustands, nachdem man 51 Jahre diesen Körper bewohnt hat. Falls nicht, zumindest sind die Gesichtsausdrücke teilweise erstaunlich dämlich darauf.

Ich kann nur noch mal wiederholen: Lasst euch nichts einreden, zum Generieren eines Kaloriendefizits ist ein E-Bike fast genauso gut wie ein Biobike. Und wie auch schon erläutert, ihr kommt mit genug Energie an, um mit dem Tag noch etwas anfangen zu können. Ich habe das Gefühl, ich wäre wahrscheinlich auch noch weitere Kilometer gefahren, aber der Tag hatte mittlerweile schon den Mittag erreicht.

Mohnblumen Mohnblumen

Ich weiß jetzt, dass nach 130 km und 600 hm noch knapp 12 % von 150 % Akku übrig sind. Beide Parameter entsprechen recht genau der längsten Etappe der geplanten Radreise. Ich bin allerdings nicht mit vollem Packsystem gefahren. Das gibt ein gutes Gefühl für die große Fahrt, dass alles so klappen wird, wie ich denke. Wenn mein Knie bis Ende August also nicht völlig in Ordnung ist, kann ich die Spitzenlasten auf der ganzen Strecke elektrisch abfedern.

Der Partner meiner besten Freundin hat korrekt angemerkt, dass ich, so weit wie ich fahre, ja nun auch mal mit dem Rad vorbeikommen könnte. Hin und zurück wären das 180 km, könnte man auf 200 km aufblasen. Reizt mich irgendwie. Und das Beste: Praktisch die ganze Strecke ist eine Bahnstrecke in der Nähe. Umstieg in Harburg nach Lüneburg. Könnte man also an jeder Stelle sagen „Damn that sh—t” und einfach in die Bahn steigen, wenn es einem zu viel wird.

Ich habe in den letzten Tagen nichts mehr geschrieben. Ich meinte ja schon, dass das hier momentan mein Ipsum Lorem Dolor ist. Und in den letzten Tagen hatte ich nichts geändert. Ich versuche gerade wieder vernünftig den Lesezeit-Indikator einzubauen. Ich bastel da auf meiner Stagingumgebung noch mit dem Layout rum. Bisher mag mir so recht nichts gefallen. Dieser Text ist jetzt erst mal der Test für eine geänderte Pipeline für die Generierung des Blogs.

Nichtsdestotrotz war ich viel unterwegs und auf den kürzeren Fahrten habe ich deutlich mehr Bilder gemacht. Ich bin häufiger vom Rad abgestiegen an diesen Tagen. Ich finde es immer noch klasse, einfach meine Hand über Getreide zu streichen. Insbesondere bei Sorten mit langen Grannen. Und bevor jemand fragt, das habe ich schon als Kind gemacht. Also lange vor Gladiator. Bin halt ein Kind vom Land, auch wenn in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, Getreide eher selten war. Mais gab es sehr viel. Wohl weil er Gülle besser verträgt als jede andere Pflanze. Und in meiner Heimat gibt es mehr Schweine, mehr Geflügel als Menschen. Viel Gülle, also viel Mais. Der Geruch ist untrennbar damit verbunden. Hier in meiner neuen Heimat hält sich das alles doch sehr viel mehr in Grenzen. Der Gestank scheint sich mehr auf die Uelzener Zuckerfabrik zu konzentrieren. Hier traut man sich dann irgendwie noch, das Getreide anzufassen, wohlwissend, dass das vermutlich auch nicht gesund ist, weil irgendwas auf dem Getreide ist.

Getreide Getreide

Irgendwann kam ich sogar auf die Idee, für einen Apfel anzuhalten, der mir aus irgendeinem Grund auf der Straße liegend sehr gefiel. So kniete ich vor einem Apfel und es ist nur der frühen Morgenstunde zu verdanken, dass mich kein Passant fragend anguckt, was ich da gerade mache.

Apfel Apfel

Aber solche Beobachtungen sind der Grund, warum ich mit dem Rad so gerne unterwegs bin. Neue Anblicke, neue Erlebnisse. So ist unter anderem ja auch der Wunsch nach der Radreise entstanden. Das Kaloriendefizit am Ende des Tages ist da nur ein willkommener Nebeneffekt.

Ja, leider keine neuen Fotos von Lopau. Das verlassene Dorf am Rande des Truppenübungsplatzes Munster war größtenteils gesperrt mit Schranken, die vor Schießen mit scharfer Munition gewarnt haben. Sehr schade. Sehr, sehr schade. Möglicherweise werde ich am 7.7. nach Munster fahren. Es ergibt sich die Möglichkeit, mit dem Rad auf dem Truppenübungsgelände zu fahren. Einmal im Jahr ist Volksradfahren. Das klingt zwar irgendwie wie Kleingartenverein oder Bundeskegelbahn. Aber wenn man anders nicht an die Planquadrate auf dem Gelände kommt, muss man sich das wohl mal geben —

Written by

Joerg Moellenkamp

Avid bicyclist, likes california, dreams to combine both.