Als ich gestern auf meinem Garmin die Fahrt beendet habe, habe ich für mich ganz persönlich erst einmal ein Mikrophon gedanklich fallen gelassen. Ja, um es klarzustellen: Ich bin wahnsinnig. Oder auf dem Weg in den Wahnsinn. Ja, ich meine Kilometer in der Überschrift. 154 km.

Das war wirklich die zweitlängste Strecke, die ich bisher gefahren bin. Nur eine virtuelle Fahrt ist länger gewesen. Ich bin mir gerade unsicher, ob draußen mehr geht. Obwohl man sagt, es geht immer mehr, wenn man erst mal eine bestimmte Strecke geschafft hat, gehen weitere 10 km. Nach der Fahrt fühlte sich das mitnichten so an. Auf jeden Fall nicht bei diesen Temperaturen. Bei 20 Grad und bewölkt vielleicht. Nicht beim heutigen Wetter. Vielleicht auch nicht alleine. Weil so langsam komme ich in Bereiche, bei denen der Kopf anfängt, eine wichtige Rolle zu spielen.

Speed King

Ich weiß nach den letzten sechs Stunden, warum mir Profound Mysteries III von Röyksopp so gut gefällt. Seitdem ich von jemandem diesen Tipp erhalten habe vor vielen, vielen Jahren und dabei auch herausgefunden habe, woher damals dieser Song bei der Installation von macOS kam, höre ich deren Musik extrem gerne.

Es geht eigentlich im Grunde um genau einen Track — “Speed King”. Etwa 10 Minuten lang baut sich das Lied auf. Hätte ich ein Video zu der heutigen Fahrt gemacht, hätte ich dieses Lied vermutlich als Soundtrack genommen. Was auch hinkommt — eine Weile bin ich mit diesem Stück auf Repeat gefahren. Ist weniger langweilig, als es klingt, weil beim Radfahren klinkt sich das Hirn eh irgendwann aus und ist woanders. Die Musik ist dann nur noch ein ferner Taktgeber.

So habe ich vor anderthalb Jahren die Grundzüge für eine Kundenarchitektur entworfen. Für die Eingeweihten: Ja, genau die Architektur für das Projekt, für die das Team den BoB-Award bekommen hat. Vielleicht das einzig Gute, was ich im letzten Jahr zustande gebracht habe. Etwas, an dem ich mich festgehalten habe. Das ganze Jahr über.

Die Musik klingt irgendwie entfernt nach Jean-Michel Jarre. Nur dass jener in der Phase, in der ich seine Musik gehört habe, irgendwie immer vergessen hat, dass es so was wie Bass gibt.

In Zahlen

Sechs Stunden — ja. Vielleicht ein paar Zahlen dazu: 154 km. 895 Höhenmeter. Dabei 640 Wh Akkus leergefahren (den eingebauten mit 320 Wh und zwei Range Extender mit je 160 Wh). Und trotzdem nicht bis nach Hause gekommen. 6 Stunden 40 Minuten unterwegs gewesen, davon knapp 6 Stunden in Bewegung. Der Akku im Radarrücklicht hat schon 10 km vor den Akkus des Rads aufgegeben.

3200 kcal aus der Bauchbatterie. Also etwa 3700 Wh. Nur dass die Akkus wahrscheinlich einen wesentlich besseren Wirkungsgrad hinsichtlich Leistung auf der Pedalwelle haben. Ein Elektromotor mit dem gleichen Wirkungsgrad wie Franzbrötchen-Beine-Pedal würde wahrscheinlich äußerst miese Kritiken erhalten.

Mein Energiemanagement für mich selbst ist mittlerweile gut. Aber beim Management der Akkus muss ich noch deutlich besser werden. Die Intelligenz des Rads (oder genauer der App) kommt leider nicht mit zwei Range Extendern klar. Muss man also selber einschätzen.

Bevor jemand fragt und den Scherz bringt, den irgendeiner meiner Brüder irgendwann bringt (und da ich ein paar mehr Brüder hab, heißt das fast nach jeder längeren Fahrt): Ich bin nicht pleite. Ich kann mir immer noch Benzin leisten. Danke für das Angebot, aber ich brauche kein Geld für Sprit.

Age strikes back

Von den Beinen hätte ich weiter gekonnt. Was mich aufgehalten hat, war mein Rücken. Und dass ich versprochen habe, mit meinem Vater einzukaufen. Der vereinbarte Zeitpunkt rückte ohnehin schon immer näher. Was mit dem Rücken war? Ich hatte Probleme. Interessanterweise nicht wegen der langen Radfahrt. Naja, irgendwie schon. Damit zusammenhängend. Aber eigentlich auch irgendwie nicht.

Ich hatte anderthalb Liter Wasser in einer Wasserflasche dabei, die an der Seite meines Rucksacks steckte. Der Versuch, mich so zu verbiegen, die Wasserflasche zu entnehmen, ohne den Rucksack abzusetzen, wurde prompt mit einem „User too old” quittiert, signalisiert durch stechendes Ziehen im Rücken.

Das Ganze ist bei Zernien passiert. Ich habe nicht viel später die Strecke abgekürzt. Es hat 20 km gedauert, bis die sanfte Massage der Fugen zwischen den Betonplatten des Fahrradwegs ihre Arbeit vollbracht hat, bis das also nicht mehr genervt hat.

Und als es den Stand erreicht hatte, dass ich ohne „Aua” fahren konnte, war ich schon zu nah an Lüneburg dran. Ich habe die Strecke mit allerlei Umwegen noch auf 154 km verlängert, aber ein „imperial century ride” (also 100 Meilen) war da nicht mehr so einfach möglich. Außerdem wurde es immer wärmer. Die Sonne war zu unerbittlich. Ich wollte einfach nur wieder nach Hause. Die Sonne hatte ihren Tribut gefordert und bekommen.

Wenn man es aber mal ganz rational sieht: Vielleicht war es nicht das Alter, was mich hier gestoppt hat, sondern mein äußerst verhaltenes Stretching am Anfang der Fahrt. Ich kümmere mich primär um meine Beine und vor allen Dingen Knie. Der Rücken steht da ein bisschen zurück. Und die Quittung habe ich heute dafür bekommen.

Erkenntnisse

Solo zu fahren hat einen ganz wesentlichen Nachteil. Man hat niemanden, dem man sagen kann „Pass mal auf meinen Krempel auf”. Um die Toiletten in einer der größten Ketten halbwegs sauberer stiller Örtchen (die mit dem gelben M) aufzusuchen, bedeutet das, das Rad völlig von allen Wertsachen zu befreien. Die beiden Range Extender kosten Liste knapp 1000 Euro. Und ich möchte mich nicht der Illusion hingeben, dass ein geneigter Beobachter diese für Wasserflaschen hält und ich diese am Rad lassen kann.

Beide Range Extender in den Rucksack. Radarrückleuchte, Fahrradcomputer, LED-Frontlicht, Telefon in den Helm. Handschuhe ausziehen, weil Händewaschen mit diesen ist doof. Fahrradschloss raussuchen, anketten. Das stille Örtchen aufsuchen. Sich dann halb ausziehen, weil Fahrrad Bib Shorts heißt Träger über den Schultern und die bekommt man nicht von diesen, wenn man das Shirt anbehält.

Ja, ist unpraktisch. Aber der Seelenfrieden, dass eine verrutschte Hose nicht den bloßen Hintern freilegt, ist unbezahlbar. Ich bin mittlerweile wenigstens so clever geworden, ein Shirt unter dem Radshirt und den Trägern zu tragen, um nicht vollkommen bloß dazustehen. Und wenn die Tat vollbracht ist, alles wieder retour.

Bei diesem Aufwand fragt man sich tatsächlich manchmal, ob Indoor-Fahren nicht bequemer ist, aber ist halt auch nicht ansatzweise so schön.

Unterwegs

Die Fahrt war geplant. Nicht wie die 131 km Strecke nach Uelzen von letzter Woche, die eher zufällig entstanden ist. Ich habe mir auf Komoot rausgesucht, wie ich fahren wollte. Ich bin die Strecke am Ende nicht wie geplant gefahren, aber ich wusste, was da auf mich zukommen würde. Ich habe mit etwa 5 Stunden 30 oder so gerechnet. Und das kam am Ende ganz gut hin, wenn man das falsche Abbiegen und das Suchen nach einem bestimmten Bäcker in Dannenberg abzieht.

Ich wusste also schon vorher, dass ich sehr früh würde losfahren müssen. Um halb sechs hatte ich es dann endlich geschafft, die Fahrt zu starten. Ich bin wohl 4 mal die Treppe hoch und runter gelaufen, bis ich endlich alles dabei hatte.

Trotzdem: Ich mag diese Zeit. Es ist wenig los auf den Straßen. Zu diesem Zeitpunkt kann man noch Straßen in der Gegend benutzen, von denen man zwei, drei Stunden später auf jeden Fall die Finger lassen sollte. Über dem Elbeseitenkanal ist selbst im Sommer noch ganz leichter Nebel zu sehen. Nicht so dicht wie im Herbst, wenn die Scheinwerfer auf den Schiffen in der Dunkelheit und im Nebel ein fast surreales Bild erzeugen, aber selbst dieser leichte Dunst sieht einfach gut aus.

ESK ESK bei Lüneburg

So fährt man dann mit der tiefstehenden Sonne im Gesicht Richtung Osten. Deswegen versuche ich trotz der Ruhe mich auch recht schnell auf einen Fahrradweg zu verziehen oder einen Feldweg. Wenn ich die Sonne im Gesicht habe, haben Autofahrer dieselbe Sonne in ihrem Gesicht. Und ich gebe mich keinen Illusionen hin, dass meine Rücklichter die Sonne zu überstrahlen vermögen, wenn die Sonne den Fahrern die Sicht nimmt. Auf jeden Fall nimmt man sich dann aber keine Zeit für irgendwelche Bilder. Denn man sieht eigentlich ständig nur Gefahren, verzieht sich auf irgendwelche befestigten Abfahrten, die auf Feldwege führen, um irgendwelche Autos vorbeiziehen zu lassen. Ich bin froh, dass ich vor einer Weile einen Weg von Wendhausen nach Neetze ausprobiert habe, der in den Karten als unbefestigt verzeichnet ist. Er ist erstaunlicherweise gut fahrbar. Jetzt muss ich nur noch eine Alternative für das Stück auf dem Weg nach Bleckede zwischen Elbeseitenkanal und dem Kreisel im Wald finden.

Gras Gras

Ich hatte am Anfang leichte Befürchtungen in Bezug auf mein Knie. Und am Anfang hat es sich auch ein bisschen gemeldet. Nach der Fahrt glaube ich allerdings, dass das eine Kopfsache war. Ich habe mich kurz hinter Bleckede dann mal wirklich verfahren. Was eigentlich ganz schön schwierig ist, wenn man bedenkt, dass da ein großer Pfeil auf dem Display war, der wenig Zweifel an der Richtung ließ. Zudem war da auch noch ein ziemlich großes Hinweisschild „Elbuferstraße”. Wenn man geplant hat, am Elbufer langzufahren, sollte man vielleicht wirklich dem Schild folgen und nicht seinem Tran. Auf Höhe einer Gaststätte, die sich Waldfrieden nennt und tatsächlich mehr oder weniger direkt im Wald liegt, habe ich dann meinen Fehler dann auch mal gemerkt und wollte umkehren. Naja, ich versuchte es, denn ich fand mich kurze Zeit später auf dem Boden wieder und sah meine Wasserflasche in den Wald kullern. Wie ich das hinbekommen habe, weiß ich nicht. Keine Ahnung. Ich habe anscheinend versucht, auf Fingern gestützte Liegestütze dabei zu machen. Das kann ich nicht mal, wenn ich will. Dementsprechend schmerzen die Finger jetzt. Danach waren allerdings die Kniebeschwerden weg. Deswegen meinte ich: Wahrscheinlich Kopfsache.

Aussichtsturm Aussichtsturm auf dem Kniepenberg

Apropos Kopfsache. Auf der Strecke habe ich herausgefunden: Ich habe immer noch so eine Art Höhenangst. Es gibt einen Aussichtsturm, der wahrscheinlich ein wunderbares Panorama über das Elbtal bietet. Ich werde es aber erst mal nicht herausfinden, denn ich habe mich nicht auf diesen Turm getraut. Ja schon, ein ganzes Stück hoch schon, aber es war halt noch nicht über den Wipfeln der Bäume, sodass man damit hätte was anfangen können.

Aussichtsturm Durch die Treppe scheint Licht

Man kann zwischen den Stufen durchgucken. Das „killt” mich jedes Mal bei solchen Treppen. Rockefeller Center — kein Problem. One World Trade Center. Zweimal oben gewesen. Been there, done that. Aber sie haben halt keine Treppen, durch die man durchgucken kann. Okay, die Treppe an diesem Turm ist nicht so schlimm wie eine Treppe bei einem Kunden, den ich mal besucht habe, bei dem die Treppe nicht mal so richtig den Eindruck machte, sie wäre korrekt in der Wand verankert. Wahrscheinlich war sie es, machte nur nicht den Eindruck. Außerdem bestand sie aus Gitterplatten, freier Blick nach unten. Es hatte mich echt Überwindung gekostet, sie zu nutzen. War ohnehin alternativlos. Ich frage mich bis heute, ob das ein Test für System Engineers war. Durch diese hohle Gasse, über diese klapprige Treppe muss er kommen, will er sich erdreisten, mir die Welt zu erklären.

Und Kopfsache III für diese Fahrt: 60 km/h mit dem Rad ist eine coole Sache. Aber mir dann doch zu viel auf einer kurvigen Straße. Die Strecke ist für Motorradfahrer gesperrt. Aus gutem Grund. Und ich hege wenig Lust, meine Haut auf einer Straße im Wendland zu verteilen.

Hitzacker

Bei dieser Fahrt habe ich es dann auch endlich mal geschafft, mehr als nur einen Augenblick in Hitzacker zu sein. Okay, es war nicht viel länger, aber ich bin wenigstens mal etwas länger durch die Stadt gefahren. Leider in viel zu großer Eile. Sieht man vielen Fotos leider auch an. Mir war nur zu bewusst, dass zu diesem Zeitpunkt noch über 80 km auf mich warten würden. Ich habe allerdings schon eine Strecke geplant, die Hitzacker als Ziel hat.

Dannenberg

Nächste Station war Dannenberg. Quer durch die Innenstadt gefahren. St. Johannis in Dannenberg muss eine Kirche außerordentlichen Pechs gewesen sein. Mehrfach teilweise abgebrannt, teilweise eingestürzt. Aber die Kirche stand da schon, als Kolumbus noch nicht auf der Welt war, sie wird auf 1385 datiert. Mehrere der Glocken sind sogar noch älter. Nur was die Leute sich bei der Wandfarbe gedacht haben — ich weiß es nicht.

Dannenberg St. Johannis in Dannenberg

Ich habe dann irgendwann den gesuchten Bäcker gefunden, in dem ich vor vielen Jahren mit meiner damaligen Partnerin gefrühstückt habe. Ich erinnerte mich an die recht anständigen Brötchen. Ich hätte mir auch einfach noch zusätzlich merken können: Ortsausgang Richtung Uelzen an der Bundesstraße. Aber dazu war es einfach viel zu lange her. Bald 10 Jahre.

Zernien

Dies ist der Eisenbahnviadukt bei Zernien. Ja genau, das Aua-Zernien. Ich habe diese Brücke im ersten Augenblick für einen Teil der Amerikalinie gehalten. Dann wurde mir aber klar, dass die wo ganz anders ist. Sie verläuft weiter südlich bis Uelzen. Sie trifft bei Bergen an der Dumme (da ist der Ort schon wieder) auf niedersächsisches Gebiet. Die Wendlandbahn als Alternative ist viel weiter nördlich. Was ich nicht mehr im Kopf hatte — es gab noch eine weitere Strecke.

Viadukt Viadukt bei Zernien

Diese Brücke ist Teil der Bahnstrecke von Uelzen nach Dannenberg. Da die Brücke in Dömitz nach ihrer Zerstörung 1947 nie wieder aufgebaut wurde, hängt dieser Bereich des Wendlands ein wenig im Leeren. Der letzte Zug auf dieser Strecke war tatsächlich ein Castor-Transport. Aber das war auch schon im letzten Jahrtausend. Heute kann diese Brücke nur noch mit Draisinen befahren werden. Ich denke, man hatte für dieses große Bauwerk auch andere Pläne, als dieses gebaut wurde.

Von Wittenberge bei Flusskilometer 456 bis Lauenburg bei Flusskilometer 568 gibt es keine Elbquerung mit der Bahn. Die Brücke in Dömitz war bei Kilometer 503. Aber sie steht heute halt nicht mehr und die Überreste werden heute als Aussichtspunkt verwendet. Beim Auto sieht es nicht viel besser aus. Nur dass es dort noch eine Straßenbrücke in Dömitz gibt. Das mag der Grund sein, warum die Elbe irgendwie eine Grenze nach Osten für mich ist für Radfahrten. Ja, es gibt Fähren, aber da muss man am Sonntag auch gucken, ob die überhaupt so früh fahren. Und über die Brücke bei Neu-Darchau wird seit Jahren gestritten. Ich bin da gestern durchgefahren und das scheint die Gemeinde zu spalten. Zwischen Schildern „Ja zur Brücke” und „Nein zur Brücke” ist oft nur ein Gartenzaun.

Wenn man so überlegt, es gab hier wirklich früher eine Menge Bahnstrecken. Die Zonenrandlage hat dem wohl ein Ende gemacht. Die Amerikalinie ist heute noch in Betrieb. Die Wendlandbahn ebenfalls, auch wenn dies nur noch eine Nebenbahn und der Personenverkehr eher spärlich ist.

Weiter flussabwärts sieht es nicht besser aus, die nächste Bahnbrücke ist in Hamburg. Aber darüber habe ich ja schon mal geschrieben.

Höver

Auf jeden Fall bin ich nicht viel später Richtung Bad Bevensen abgebogen, statt weiter nach Uelzen zu fahren. Dabei bin ich dann irgendwann auf diese Kapelle gestoßen. Es ist echt erstaunlich, wie viele Kirchen hier in der Gegend sind.

Kapelle Kapelle bei Höver

Sie ist in Höver gelegen. Diese ist allerdings deutlich jünger. Sie ist aus dem Jahr 1904. Der Vergleich mit der Kirche in Raven ist interessant und das hatte meine Aufmerksamkeit an sich gezogen: Ich vermute, da hatte man das mit Statik schon deutlich besser im Griff, sodass diese Kirche deutlich weniger Strebewerk hat als jene in Raven, die deutlich älter ist. Ich würde mich nicht mal wundern, wenn das Strebewerk nur Zierde ist.

Bahn

Es wurde ab dem Moment deutlich wärmer. Das Wetter deutlich unangenehmer. Ich hatte danach nur noch wenig Lust zu fotografieren.

Bahn Hamburg-Hannover nahe Medingen

Übrigens, das auf dem Bild ist eine der wichtigsten Bahnstrecken Deutschlands. Es ist die Verbindung zwischen Hamburg und Hannover. Und es wird sich immer noch darum gestritten, wie diese Strecke irgendwann mal leistungsfähiger gemacht werden soll. Denn sie ist völlig am Ende. Pläne für einen Neubau an der A7 existieren. Will man dort nicht. Drittes Gleis. Will man hier nicht. Nichts geht da gerade. Man ist gerade bei einem Konzept Alpha-E, das so richtig nichts bringt. Es liegt oft nicht an der Politik, dass nichts geht. Ich glaube, sehr häufig sind wir das, wenn nichts geht. Weil wir sehr genau wissen, was wir nicht wollen. Aber keine Vorschläge haben, was man stattdessen machen kann. Außer “Ja, nicht hier, woanders, weranders, wannanders, wasanders”.

Alles wird zu Wahnsinn. Brückenwahnsinn. Schienenwahnsinn. Autobahnwahnsinn. Hafenwahnsinn. Dabei ist es eigentlich kein Wahnsinn, sondern nur etwas, was der Wahnsinn Vorwerfende nicht will. Auch auf YouTube: Das Auto hält nicht mehr 20 Jahre bei grober Falschnutzung (ist ja so praktisch, 1 km zum Supermarkt mit dem Auto zu fahren). Dafür verbraucht die Kiste ein Drittel und stößt deutlich weniger Schadstoffe aus. Was mit der Anleitung zum Fröschekochen gemeint ist, funktioniert auch in die andere Richtung. Die Luftqualität hat sich so kontinuierlich verbessert, dass wir uns gar nicht mehr dran erinnern, wie schlecht die Luft früher war. Aber jedes YouTube-Video mit “Motorenwahnsinn” überschreiben, wenn das, was wir dazu technisch brauchen, nicht jeden Missbrauch verzeihen kann. Das Auto muss 150 PS und mehr haben, aber in der Praxis werden dann pro Zylinder vielleicht 5–10 genutzt.

Es gibt zwar häufig die Meinung, dass Politiker das machen, was sie wollen, aber da das Hauptziel eines jeden Politikers ist, wiedergewählt zu werden, sind sie nur ein Spiegelbild unserer eigenen Unfähigkeit (naja, der Minister einer Partei mit fast drei Prozent scheint da eine Ausnahme zu sein). Wir wählen jene, die uns möglichst wenig Änderung versprechen. Selbst wenn uns eigentlich völlig klar sein müsste, dass wir darüber längst hinweg sind. Aber um das Ziel möglichst wenig Änderungen an unserem Lebensstil zu erreichen, wählen wir selbst Rechte und Linke, die uns die Illusion geben. Das ist eigentlich fast das Schlimmste an der Situation: Sie halten uns für blöd und haben unter Umständen sogar damit recht.

Der nächste Tag

Der nächste Tag — ich blieb im Bett. Das Rad wollte gehegt und gepflegt werden. Ich hatte noch eine Verabredung mit einem noch größtenteils in Kartons liegenden PAX-Schrank. Ich bin nicht gefahren. Es hatte nachts stark gewittert, es regnete stark und so hatte ich mich ohnehin entschieden, dass ich an diesem Tag aus Zucker bestehe.

Ohnehin, der Finger ist mittlerweile ein wenig geschwollen. Ich könnte einem Fahrer, der meint, mit hoher Geschwindigkeit viel zu nah an mir vorbeizufahren, nicht einmal fachgerecht mittels eines „One-Finger-Salutes” über seine Missetat in Kenntnis setzen. So konnte ich natürlich nicht fahren.

Written by

Joerg Moellenkamp

Avid bicyclist, likes california, dreams to combine both.