Ich glaube, jeder Mensch hat einen oder mehrere Sehnsuchtsorte. Orte, an denen sie oder er gerne sein mag. Orte, zu denen man eine besondere Verbundenheit spürt, die einem nie wirklich über werden. Wenn es in die Ferne gehen soll, ist das für mich sicherlich die kalifornische Pazifikküste, die Bay Area, Big Sur. Soll es nicht ganz so weit weg sein, ist dies für mich ohne zu zögern Bergen. Das in Norwegen, nicht das an der Dumme oder beim Truppenübungsplatz hier in der Nähe. Die Fahrt mit dem Auto von Oslo nach Bergen über die Hardangervidda zählt immer noch zu einer der schönsten Autofahrten, die ich je gemacht habe. Und die Fahrt mit der Bergenbahn ist sicherlich noch ein ganz wichtiger Punkt auf meiner Bucketlist.

Aber das sind Orte, zu denen es nur selten geht. In Deutschland ist mein Sehnsuchtsort eine Insel in der Ostsee: Fehmarn. Ich bin dort gerne. Ich verbinde einige der schönsten Momente mit dieser Insel, auch wenn meine Sehnsucht damit begann, dass ich vor 10 Jahren ins Auto gepackt worden bin, weil 2014 meine Nervosität wegen eines Fluges in die USA unaushaltbar war. Es war der erste wirklich lange Flug seit 2009 und wie ihr euch vielleicht noch erinnern könnt, ich habe latente Flugangst.

Bucketliststreichungen

Auf der schon erwähnten Bucketlist war auch, seitdem ich mit dem Langstrecken-Radfahren angefangen habe, eine Fahrt von Lüneburg oder Hamburg nach Fehmarn.

Diese Woche habe ich diesen Punkt von der Bucketliste gestrichen. Been there, done that. Lüneburg nach Fehmarn an einem Tag mit dem Fahrrad.

185 km, knapp 9 Stunden und 15 Minuten. Dabei 4037 kcal verbraucht. 26587 Pedalumdrehungen.

Rahmenbedingungen

Ich bin diese Strecke alleine gefahren mit Gepäck, das eigentlich für eine viel längere Strecke gedacht war. Ich war daher sehr schwer unterwegs. Zu meinem Gewicht kamen knappe 17 kg Fahrrad dazu plus noch mal all das Gepäck. Packsystem, Wäsche, Wasser.

Rad Das Rad

Wasser ist ein wirklich unterschätzter Gewichtsfaktor. Man kann das hier in Deutschland ein wenig reduzieren. Die nächste Tankstelle ist nicht weit. Aber etwas sollte man schon dabei haben. Zumindest eine leere Flasche. Nichts ist blöder, als Pfandflaschen umherzufahren, wegwerfen will man die ja auch irgendwie nicht.

Century ride

Die Fahrt war damit mein erster outdoor „imperial century ride”, wie es so schön heißt. 100 Meilen. Auf Zwift habe ich das schon mal gemacht. In etwas über 5 Stunden. Allerdings war das auch eine Strecke absolut ohne Steigungen mit simuliertem Fahren in einer Gruppe und damit simuliertem Windschatten.

Nun habe ich das auch “in Echt” geschafft. Sogar weit mehr. Bin ich genauso stolz drauf, wie ich danach fertig war. Und die Grafik ist deutlich besser und immersiver als bei Zwift ;) Sogar Wind wird besser emuliert als durch meinen Ventilator.

Strecke

Ich bin anfangs eine recht übliche Strecke für mich gefahren. Ich war schon vorher mal nach Mölln mit dem Rad gefahren und wieder zurück. Aber nach Mölln war alles für mich mit dem Rad unbefahrenes Land.

Ratzeburg habe ich eher lose gestreift. Durch Lübeck ging es dafür mitten durch die Stadt. Ich habe da das Routing erst nicht verstanden, habe mich aber auf das Navi verlassen. Beim Blick auf die Karte ergab die Strecke dann allerdings doch Sinn. Es ging relativ stringent in Richtung Fehmarn. Bald war die Marmeladenstadt erreicht, Bad Schwartau. Ich weiß jetzt auch, dass es zum Timmendorfer Strand auch ein Groß Timmendorf gibt. Auf die Ostseeküste bin ich dann bei Scharbeutz getroffen, um sie bei Sierksdorf wieder zu verlassen.

Strand Strand

Eigentlich hätte ich dort einfach stoppen sollen und mich an den Strand setzen wie noch einige Wochen vorher. Aber ich hatte noch einiges an Kilometern vor mir. Bis Neustadt in Holstein war ich dann zumindest noch grob in der Nähe der Ostsee. Danach ging es dann aber doch wieder durchs Binnenland. Lehnsahn.

Oldenburg Das falsche Oldenburg

Oldenburg. Das aus meiner allgemeinen Sicht falsche Oldenburg, aber in diesem Falle das völlig richtige. Das andere Oldenburg hätte erhebliche Fragen erzeugt über meine Streckenplanung.

Hier habe ich dann das erste Mal so richtig gemerkt, dass meine Kräfte langsam am Rand waren. Ich habe hier angefangen, öfter den Motor auch dann einzuschalten, wenn es nicht ganz so hügelig war.

Ich bin ja schon sehr häufig nach Fehmarn gefahren. Mir ist jedes Mal dieser ehemalige Radarturm aufgefallen, der schon weithin sichtbar ist (bspw. von Scharbeutz, wenn ich mich nicht völlig verguckt habe). Meine Strecke hat mich daran vorbeigeführt. Ich weiß nicht, wie viel besser der Ausblick von diesem Turm ist, aber wenn man neben diesem Turm auf der Straße steht, versteht man sofort, warum dieser an genau dieser Stelle ist.

Ausblick Ausblick

Von hier hat man einen traumhaften Blick über diesen Teil von Schleswig-Holstein. Ich weiß gar nicht, ob ich mir das noch extra geben muss, für noch mehr Blick zu bezahlen. Man kann es auf dem Bild ganz schlecht sehen. Aber der Ausblick lohnt sich. Die Abfahrt danach auch.

Dann war ich dann auch in Bereichen, die ich schon den Touren mit dem Rad mit Tiefeinstieg kannte. Lütjenbrode, Großenbrode. Die Fehmarnbrücke war nicht mehr weit. Stellenweise schon in Sicht.

Eigentlich

Eigentlich hätte es gar nicht ganz so weit werden sollen. Meine Planung ging von etwa 7–8 km weniger aus. Als ich vor Kurzem in Großenbrode war, konnte man mit dem Rad nicht über die Fehmarnbrücke fahren. Teile der Brücke mussten repariert werden. Um dennoch Radfahrern zu ermöglichen, nach Fehmarn zu gelangen, wurde ein Busshuttle eingerichtet. Von Großenbrode nach Avendorf. Ich hatte geschätzt, dass das die Strecke um die genannten Kilometer verkürzen würde. Und da die Brücke halt nicht anders zu überqueren war, hätte ich die Situation wunderbar als Ausrede nutzen können, mich für diese Kilometer mit breitem schmerzenden Hintern in einen Bus setzen zu können.

So stand ich dann in Großenbrode an der Bushaltestelle für diesen Shuttle. Allerdings sprach mich doch recht schnell eine ältere Dame darauf an, dass die Brücke mittlerweile wieder frei wäre, und wünschte mir viel Spaß bei der Überquerung. Ja, danke. Jetzt ehrlich gemeint. Ich weiß nur nicht, ob das „viel Spaß” nicht eher sarkastisch war.

Fehmarnsundbrücke

Und dann war sie da. Die Fehmarnsundbrücke. Das Ziel. Genau genommen war gar nicht die Insel auf der Bucketliste. Sondern „Mit dem Fahrrad über die Fehmarnsundbrücke fahren”. Die Insel war da nur ein äußerst willkommener Nebeneffekt. Offiziell ist da eigentlich kein Radweg. Das ist der Betriebsweg der Deutschen Bahn zur Pflege der Brücke. Deswegen sahen die Schilder, die darauf hinwiesen, dass man doch absteigen möge, verdächtig nach Bahnhof aus.

Fehmarnsund Fehmarnsundbrücke

Selbstverständlich bin ich wie alle anderen Radfahrer bei der Überquerung der Brücke abgestiegen und habe das Rad geschoben. ;) Ich verstehe allerdings schon, warum die Bahn möchte, dass man dort absteigt. Man ist völlig ungeschützt dem Wind ausgesetzt. Das Brückengeländer ist nicht darauf ausgelegt, dass man auf einem Fahrradsattel sitzt, und ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn man mit einem blöd liegenden Schwerpunkt von einer Böe in das Geländer gedrückt wird. Allerdings war zur Zeit meiner Überquerung der Brücke die Seitenwindkomponente relativ überschaubar.

Die letzten Kilometer

Die letzten Kilometer waren die schlimmsten. Der Gegenwind nahm zu, sobald ich auf die Insel kam. Der Hintern schmerzte. Das Knie, das mich jetzt schon länger begleitet, fing an wehzutun. Die Erschöpfung nahm mit jeder Pedalumdrehung gefühlt zu.

Aber damit hatte ich gerechnet. Lange Strecken sind implizit anstrengend. Sind implizit „hart”, wie manche YouTuber so gerne berichten. Eigentlich hat das keinen Nachrichtenwert. Aber mit „Ich bin quer durch Deutschland gefahren und dank guter Vorbereitung war das Tüdelü” lassen sich halt keine Views generieren.

Ich weiß. Ich tendiere dazu, meine Fahrten zu overengineeren. Aber das hält mich dann doch nicht von Fehlern ab, die wirklich blöd und unnötig waren.

Was mich fertigmachte, war ein Fehler kurz bevor ich auf die Insel gefahren bin. Ich habe den Fehler gemacht, ein sehr blaues isotonisches Getränk an der letzten Tankstelle vor Fehmarn zu kaufen, deren Logo genauso blau wie das Getränk ist. Da ich mit relativ wenig, dafür sehr hochkalorischem Essen gefahren war, war der Magen leer (Toilettengänge sind schwierig, wenn man nicht eben jemandem sagen kann, pass mal aufs Rad auf. Ich mags ja nicht sagen, aber ich finde Toiletten für Menschen mit Handicap toll. Da kann man einfach das Rad mit aufs WC nehmen.).

Damit komme ich sehr gut klar. Ich fahre morgens immer ohne zu essen. Daran habe ich mich gewöhnt. Das ist nur einmal schiefgegangen, als ich mittags und abends vorher kaum etwas gegessen habe und auf einer 120-km-Tour 10 km vor dem Ziel zu einem Bäcker musste. Ich glaube, die Bäckereifachverkäuferin dürfte noch nie jemanden so schnell ein Franzbrötchen verzehren gesehen haben.

Ich kam letztlich mit einem Magen an, in dem sich nichts Festes mehr befunden haben dürfte. So haben sich dann Galle und blaues isotonisches Getränk zu einem Gemisch verbunden, das mich beinahe auf die Knie gebracht hätte.

Ich hätte an der Stelle aber nichts machen können. Busse fahren da nicht notwendigerweise. Der nächste Bruder wohnt 2 Stunden entfernt und hat gerade genug damit zu tun, vor wenigen Monaten Vater geworden zu sein. Also durchbeißen.

Angekommen

Ich war am sehr späten Nachmittag, eigentlich schon Abend, endlich am Ziel angekommen. Ein Apartmenthotel beim Katharinenhof. Also im Osten der Insel. Nicht allzu weit von Staberhuk entfernt. Jener Ort, mit dem ich viel Positives verbinde. Ich habe den nächsten Tag erst mal damit verbracht, mich von der Tour zu erholen.

Am Wasser Am Wasser

Leider konnte ich nicht an einige Stellen heran, die ich so mag. Es wurde dort ein Film gedreht. Keine Ahnung welcher Film. Ich habe nur Unmengen von Lieferwagen und Campingmobilen gesehen, die zu irgendwas für den Schaffensprozess des Films Relevantem umgebaut worden sind. Garderobe, Lager, Technik, Mobil für den Star. Ein Mensch am Wegesrand, der den Autofahrern erklären muss, warum sie heute irgendwo nicht langfahren können.

Keine Ahnung, ob sie noch Komparsen gebraucht hätten, um so doch noch an den Strand zu kommen. Meistens spielen ja an eher rauen Stränden zwei Arten von Szenen. Man trifft sich, gesteht sich die Liebe und geht gemeinsam in den Sonnenuntergang oder man hat ein ernstes Gespräch, trennt sich und geht in unterschiedliche Richtungen. Für beides braucht man eher weniger Komparsen. Vielleicht noch der ältere Herr oder die ältere Dame mit Hund. Ist aber meistens doch noch eine Sprechrolle, weil von dort meist der alles auflösende gute Rat kommt. Also auch nichts. Für Komparsen. Aber ich hätte eh gerade nicht die Hunde meiner Eltern parat. Hätten sowieso jede Szene ruiniert. Der eine, weil er immer bettelt, der andere, weil er durchdreht, wenn er Wasser sieht, und kaum da rauszubekommen ist.

Leider habe ich erst einen Tag nach meiner Rückkehr gelernt, dass kaum 500 m vom Hotel ein Hofcafé war, dessen Spezialität Riesenwindbeutel mit Erdbeeren sind. Mist.

Rückfahrt

Ich hatte ja eigentlich überlegt, nach Kiel weiterzufahren, vielleicht dann weiter nach Flensburg. Aber ich merkte schon am Morgen nach meiner Fahrt, dass mein Hals mich begann zu ärgern. Ich habe den folgenden Tag überlegt und als der Hals schlimmer wurde, entschloss ich mich, nach Lüneburg zurückzufahren. Ich weiß nicht, ob ich krank wurde oder ob ich durch das fortwährende Durch-den-Mund-Atmen den Hals überreizt hatte. Das fühlte sich so an, als hätte ich einen Vortrag gehalten ohne Mikrofon. Wer mich kennt, weiß, dass ich mit einiger Lautstärke sprechen kann — wenn ich möchte. Aber ich hatte kaum gesprochen. Eigentlich nur in der Tankstelle „Mit Karte bitte”. In einer weiteren Tankstelle die kurze Unterhaltung, woher ich denn kommen würde. Ich hatte also die Vermutung, dass ich krank werden würde.

Nur: Von Fehmarn ist momentan die Rückfahrt ein wenig — nunja, komplex. Der Bau der festen Fehmarnbeltquerung ist in vollem Gange. In diesem Rahmen wird auch die Bahnstrecke von Puttgarden nach Lübeck auf neue Füße gestellt. Übersetzt: Noch für mehrere Jahre fährt die Bahn nicht von Neustadt (Holstein) nach Fehmarn. Damen.

Stattdessen gibt es einen Busersatzverkehr nach Lübeck. Eine Bekannte hat den erst kürzlich benutzt. Das ist in der Woche ein zweistöckiger Reisebus mit einem Fahrradträger hintendran. Am Wochenende gibt es in jede Richtung drei Verstärker, die einen Anhänger mitführen. Erinnert ihr euch, dass ich schrieb, dass ich mit einem E-Bike gefahren bin? Das wird wichtig: Die regulären Ersatzshuttle können keine E-Bikes mitnehmen. Passt nicht auf den Träger. Das geht nur mit dem Anhänger. Es war blöderweise allerdings Freitag. Eine erste Idee war: Naja, bleib ich halt einen Tag länger. Aber der Preis einer zusätzlichen Nacht war absurd.

Mein Hals hatte mir ganz klar zu verstehen gegeben, dass die Fahrt ganz nach Lüneburg zurück auch außer Frage stand und ich vielleicht die körperliche Betätigung vorsichtshalber ein wenig einschränken sollte.

Also war schnell ein Plan gefasst, dass ich mit dem Rad zum nächsten Bahnhof fahren würde. Okay — welchen? Ich hatte drei Ideen: Alternative A war eine Fahrt nach Kiel, vielleicht mit einer Übernachtung, dann einen Tag später mit der Bahn nach Lüneburg zu fahren. Wären um die 94 km gewesen. Alternative B war, nach Neustadt Holstein zu fahren. Etwa 62 km. Das hätte zur Folge gehabt, in Lübeck und Büchen umsteigen zu müssen. Nun ist Umsteigen nicht wirklich angenehm mit einem gepackten Rad. Komme ich also zu Alternative C: Es gibt eine Regionalbahn zwischen Kiel und Büchen. Die unter anderem in Eutin hält. Etwa 72 km mit dem Rad.

In meinem Leichtsinn habe ich mich dann für Alternative C entschieden. 10 km investieren, um einmal weniger umzusteigen. Hörte sich nicht schlecht an.

Ich wusste da noch nicht, wie stark die Auswirkungen eines Busses werden würden, dessen Fahrer in Elmshorn die Höhe einer Brücke unterschätzt hatte. Ich hätte mir das eigentlich denken können. Jeder, der von Kiel nach Hamburg wollte, fuhr nun mit der Bimmelbahn von Kiel nach Lübeck, um von dort aus nach Hamburg zu gelangen.

Also bin ich eine wirklich teilweise sehr schöne Strecke von Fehmarn nach Eutin gefahren. Ich bin nicht die kürzeste Strecke gefahren, sondern wurde auf Fehmarn mit einer wunderbar aufgehenden Sonne über der Insel belohnt.

Morgens Morgens auf Fehmarn

Selbst den hässlichen Bettentürmen in Burgtiefe wohnt eine gewisse Schönheit inne, wenn sie in dieses Licht getaucht werden. Es mag aber auch an der Distanz liegen.

Türme Hässliche Türme in der Ferne

Und ich durfte noch einmal über die Brücke. Natürlich bin ich wieder wie vorgeschrieben gegangen und habe das Rad geschoben ;)

Abschied Abschied von Fehmarn

Als ich dann allerdings in Eutin ankam und ein Zug einfuhr, wusste ich sofort, dass mein Plan für den Eimer war. Der Zug war so voll wie eine Tokioter U-Bahn zur Rushhour. Meine Idee war wirklich dämlich gewesen. Habe ich wirklich erwartet, dass der Zug hinreichend leer sein würde, dass ich ein Fahrrad samt Gepäck in den Zug bekommen würde? Es besteht kein Recht darauf, das Fahrrad transportieren zu dürfen. Wenn kein Platz da ist, kommt man nicht rein, und wenn der Platz später gebraucht wird, muss das Fahrrad raus.

Mir wurde da klar, dass ich doch nach Neustadt würde fahren müssen. Der Zug startet dort und hat keine Verbindung nach Kiel. War also für die durch das Elmshorner Problem in Mitleidenschaft gezogenen Passagiere uninteressant und somit vermutlich leer. Ich hatte also nicht einmal Umsteigen gegen 10 km eingetauscht. Ich war immer noch bei zweimal Umsteigen und musste neben den Mehrkilometern nach Eutin auch noch die 16 km von Eutin nach Neustadt fahren.

Aus 63 km nach Neustadt wurden am Ende mit allen kleinen Umwegen 92 km. Und damit wäre ich auch in Kiel gewesen. Nur gebracht hätte es mir nichts. Denn bis die Züge wieder richtig fuhren, hat es noch einige Zeit gedauert. Ich hätte dann auch wieder mit dem Fahrrad nach Neustadt fahren müssen. Denn auch dort hätte ich sicherlich mein Fahrrad nicht mitnehmen können.

Zwischen Lübeck und Büchen habe ich dann leider einen Zug erwischt, in dem eine Schulklasse auf dem Rückweg war. Als mir in Büchen die Schulklasse in dieselbe Zughälfte nach Lüneburg gefolgt ist (der Zug, der in 35 Minuten erst abfahren würde), dachte ich zunächst, dass ich das auch noch aushalten würde.

Allerdings: Ihr kennt vielleicht das Problem, dass in Computerspielen bestimmte Soundeffekte sich ständig wiederholen. Ich erinnere mich mit Grauen daran, dass in einem Harry-Potter-Spiel, das meine kleine Schwester mit Hingabe gespielt hat, eine Aufgabe darin bestand, sich mit einem Zauberspruch zu wehren. An sich nicht schlimm, nur wenn man das quasi andauernd machen muss, um durch das Spiel zu gelangen, und dadurch ständig „Flipendo” hört, dreht man irgendwann am Rad und schließlich durch. Nun hatte eines der Kinder keine Videokonsole, sondern Plastikfiguren aus einem Videospiel und spielte das Spiel anscheinend ohne Computer. Mit allen Soundeffekten. Nach 10 Minuten dachte ich „Dieses Kind ruiniert mir gleich mein Karma”, nach 15 Minuten habe ich mein Rad gepackt und bin in die andere Zughälfte gegangen. Karma gerettet.

In diesem Zug und am Ende in Lüneburg am Bahnhof habe ich allerdings wahrscheinlich einen Geist gesehen. Der Mensch konnte eigentlich nicht da sein. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob mich nur meine Wahrnehmung getäuscht hat.

Am Ende hat mich das dauernde Fiepen im Sekundenabstand auch nicht mehr gestört. Während der Zug Lüneburg entgegenrumpelte, ging das eh unter, und irgendwann war ich dann auch wieder in Lüneburg. Bei der Gelegenheit habe ich gelernt, dass die Aufzüge dort unterschiedliche Tiefen haben. In den östlichen Fahrstuhl passt kein Fahrrad, in den westlichen schon.

Eigentlich — revisited

Eigentlich sollte es nicht nach Fehmarn gehen. Ich hatte was ganz anderes vor. Der Plan war, mit dem Zug nach Oberstdorf zu fahren. Ich wollte in ganz anderen Gegenden radfahren, als ich sie bisher kannte. Mal nicht plattes Land.

Oberstdorf hat aus Lüneburger Sicht den ganz großen Vorteil, dass es einen Zug gibt, der von Hamburg losfahrend in Lüneburg haltend als Endstation eben diesen Ort hat. Man wuchtet das Fahrrad einmal in den Zug und einmal aus dem Zug.

Nur: Ziemlich kurzfristig erfuhr ich, dass dieser Zug nicht fahren würde. Ausgefallen. An sich ist das ja kein Problem. Nimmt man halt einen anderen Zug. Die Zugbindung war da ja aufgehoben. Nur Fahrräder sind in Zügen reservierungspflichtig. Und Alternativen gab es keine. Die gut gemeinte Frage, ob ich denn in Oberstdorf mein Fahrrad benötigen würde, konnte ich nur mit „Ähm, ja, das ist der ganze Punkt dahinter” beantworten. Nachdem ich beschrieb, was ich vorhatte und warum das Fahrrad unbedingt notwendig war, konnte der freundliche Hotline-Mitarbeiter auch nur sein Bedauern ausdrücken und verwies mich auf meine Fahrgastrechte.

Das half natürlich für die Fahrt nicht mehr. Ich hatte keine Chance, in nächster Zeit mit Rad nach Oberstdorf zu gelangen. Und damit war mein eigentlicher Plan kaputt, im Eimer, für den Eimer. Ein lieber Mensch hatte dann noch mit mir versucht, Alternativen zu finden. Woanders starten. Andere Strecke. Doch irgendwann habe ich mich dazu entschlossen, dass das alles nicht das war, was ich eigentlich wollte. Ich hatte mir ja ein Ziel gesetzt, eine Challenge gesetzt. Ich habe dann die Fahrt ins nächste Jahr geschoben.

Aus diesem Plan ist dann die Fahrt nach Fehmarn geworden. Wenn schon der eine Bucketlisten-Punkt nicht fallen wollte, sollte ein anderer endlich von der Liste verschwinden. Und vielleicht fällt in den nächsten Tagen ein weiterer. Muss ich mal gucken.

Gelernt

Ich war am Ende sogar ein wenig dankbar, dass das mit der eigentlich geplanten Fahrt nicht geklappt hat.

Ich habe auf dieser Fahrt viel gelernt:

  • Kopf. Alles Kopf. Spätestens ab Kilometer 150 — alles Kopf. Wer 150 km schafft, schafft auch 200 km. Außer eben, wenn Kopf.
  • Die Auswirkungen des Gewichts und Gegenwinds auf den Stromverbrauch sind gewaltig. Specialized geht bei seinen Reichweitenkalkulationen von 80 kg aus.
  • Mit Gepäck als größerer, schwererer Fahrer kommt das so gar nicht hin. Sehr große Auswirkungen hatte auch der Gegenwind. Zumindest ich kann 183 km nicht in den Drops fahren. Die Geometrie des Creo ist ohnehin eher komfortabel. Man sitzt sehr aufrecht. Das heißt bei meiner Körpergröße und Schulterbau vermutlich einen sehr hohen Luftwiderstand. Und vermutlich ist dort eine kräftige Brise vom Meer her auch nicht eingeplant.
  • Ich bin mehr oder minder vieles ohne Motor gefahren, um an entscheidenden Stellen das Mehrgewicht ausgleichen zu können. Es bringt nichts, vor sich hinsummend auf einer flachen Strecke ohne Anstrengung 25 km/h zu fahren, wenn man dann mit allem Gepäck auf einer Steigung bei Kilometer 150 hängen bleibt und mit 8 km/h den Hügel hochjuckelt, weil man den Akku schon vorher leer gefahren hat. Und ja, zugegebenermaßen auf der Rückfahrt so schnell wie möglich über eine Steigung nach Neustadt zu kommen, weil ich ganz dringend irgendwo hin musste.
  • Selbst mit diesem sehr sparsamen Einsatz habe ich zwei Range Extender und den internen Akku meines Rads leergefahren. Ich werte hier gerade die von den Apps aufgezeichneten Daten aus, um ein realistisches Modell für die Reichweite zu erhalten, um dieses bei den nächsten Fahrten zu nutzen.
  • Ich trinke nie wieder dieses aggressiv blaue isotonische Getränk. Ich werde in Zukunft irgendetwas mitnehmen, um stilles Wasser aus der Tanke zu „isotonisieren”. Oder etwas anderes trinken.
  • Für einen weiteren Versuch der großen Tour werde ich meine Fahrradreservierung wahrscheinlich mit Schutzreservierungen umgeben. Eine für den geplanten Tag und den geplanten Reiseplan. Eine für den geplanten Tag, aber mit einem späteren Reiseplan. Eine für einen Tag später auf der geplanten Relation. Und eine für einen Tag später auf der Ersatzrelation. Allerdings hege ich die Vermutung, dass ich nicht der Einzige bin mit dieser Idee. Ich frage mich ja, wie viele der Fahrradstellplätze wirklich benutzt werden und wie viele just-in-need reserviert werden, um mit den Unzulänglichkeiten der Deutschen Bahn zurechtzukommen.

Ich hatte mit vielem gerechnet. Dass der Zug viel später kommt. In umgekehrter Wagenreihung, was weiß ich. Dass der Zug vorher wendet. Mit allem hätte ich leben können. Aber dass der Zug gar nicht fahren würde — damit hatte ich nicht so recht gerechnet.

Und was hats gebracht?

Ich bin für meine Verhältnisse recht braun geworden. An den Armen. Im Gesicht. Also jetzt nicht richtig braun. Nur eine gewisse Schattierung in diese Richtung. Meine Uhr zeichnet sich aber trotzdem sehr deutlich durch eine vornehme Blässe auf meinem Arm ab.

Ich bin ein wenig an meine Grenzen gegangen. Die nächste so lange Tour wird sicherlich nicht bei diesem Wetter stattfinden. Ich bin aber glücklich, den Punkt “Fehmarnsundbrücke” von meiner Bucketliste gestrichen zu haben.

Und jetzt?

Ich habe schon wieder einen Plan. Nachdem der eigentliche Plan ja bereits in Lüneburg gescheitert ist, habe ich ja noch ein wenig Zeit in meinem Urlaub. Ich hatte schon Ideen dafür, als ich wieder in Lüneburg war. Aber darüber berichte ich in einem anderen Blogeintrag.

Written by

Joerg Moellenkamp

Avid bicyclist, likes california, dreams to combine both.