(Ein wichtiger Hinweis: Ich bin medizinischer Laie. Ich habe nur lange mit meiner Krankheit gelebt. Ich kann alles medizinische hier falsch verstanden oder falsch wiedergegeben haben. Jede in diesem Text wiedergegebene Information ist potentiell aus dem Zusammenhang gerissen, falsch, unvollständig. Hört auf Euren Arzt! Fehler sind meine Fehler, nicht die meiner Ärzte.Meine Erfahrungen sind anekdotisch. Eure Erfahrungen können anders sein.)

Nachdem der erste Teil eher aus allgemeinen Gedanken zum Umgang mit Krankheit und Tod bestand und ein wenig erläuterte, warum ich den Text schrieb, so wird dieser Teil sich eher damit beschäftigen, wie der August dieses Jahres alles verändert hat und dabei Pläne zerstört hat.

Ein Brief im Sommer

Es ist Anfang August 2025. Erde. Europa. Norddeutschland. Lüneburg. Mein Garten. Urlaub. Die Sonne scheint. Ich stehe in der Nähe meines Briefkastens. Und setze wieder auf meine gedankliche Liste, dass ich den Briefkasten dieses Jahr austauschen muss. Etwas, das einem starken Regenguss mehr Widerstand leisten würde. Denn als ich den Kasten öffnete, fiel mir wieder dieses kleine Stück Papier auf, das am Boden meines Postfachs klebte. Es war Teil einer Werbung. Wahrscheinlich für irgendetwas, das ich nicht brauchte, das mich nicht interessierte. Sonst hätte ich es nicht im Postfach gelassen und dem Regen die Chance gegeben, es aufzuweichen. Denn mein Briefkasten ist schon einige Zeit nicht mehr ganz dicht und hatte daher etwas mit seinem Besitzer gemeinsam.

Ich habe später kurz vor der OP auch einen neuen Briefkasten gekauft. Mein Bruder baute ihn auf, während ich im Krankenhaus lag. Mit einer schönen großen Paketbox. Leider habe ich mich bei der Gesamtgröße ein wenig verschätzt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich daher demnächst eine Anfrage einer Laienschauspielgruppe erhalten werde, ob diese an meinem Briefkasten in Affenkostümen proben dürfen. Der Hund gibt sicherlich auch gerne einen Knochen her.

Urlaub

An diesem Tag regnete es allerdings nicht. Und das war für einen Urlaub eigentlich eine ziemlich gute Sache. Ich hatte einen langen Urlaub und viele Pläne. Ich habe mittlerweile lieber einen langen Urlaub als viele kurze Urlaube. Ich brauche mindestens eine Woche, um den Kopf von fast allen beruflichen Gedanken zu befreien und mich auf Urlaub einzustellen.

Selbst jetzt - so in der zehnten Woche meiner Krankschreibung zur Rekonvaleszenz - sitze ich manchmal auf dem Sofa und frage mich „Hast Du daran auch gedacht?“ und „Hast Du damals nicht etwas vergessen?“. Ich habe mittlerweile wieder angefangen, Mails zu lesen. Beobachte schon wieder interne Kommunikationskanäle.

Es braucht also bei mir eine Zeit, bis mein Kopf weitestgehend frei ist. Habe ich nur zwei Wochen Urlaub am Stück, bleibt da nur eine echte Urlaubswoche, die aber spätestens am vorletzten Urlaubstag vom drohenden Urlaubsende schon wieder überschattet wird. Also bevorzuge ich mittlerweile lange Urlaube.

Trotz mangelnden Regens hatte ich keine besonders gute Laune. Ich erwartete einen Brief, dessen Inhalt ich in Teilen schon kannte. Und ahnte, dass mich auch der Rest des Textes nicht wirklich entzücken würde. Ich hatte nur keine Ahnung, wie sich die Aussagen genau gestalten würden.

Auch ansonsten war dieser Urlaub nicht wirklich gut verlaufen. Ich hatte eine Vielzahl von Ideen, wie ich diesen Urlaub verbringen wollte. Von den Plänen habe ich in diesem Urlaub leider nichts umsetzen können. Wirklich gar nichts. Ich wollte zu einem Jean-Michel Jarre-Konzert in Stuttgart. Ging aus privaten Gründen nicht. Ich habe die Karten aber fast ohne Verlust verkauft. Was den Schaden in Grenzen hielt. Ich wollte Freunde in Mannheim besuchen. Ging auch nicht, an dem Tag, an dem ich unterwegs war, waren diese zu einem Konzert in einer ganz anderen Ecke Deutschlands. Es hatten sich kurzfristig dafür doch Karten materialisiert. Ein, zwei Sachen am Haus machen. Das hat allerdings geklappt. War nur nicht sonderlich spaßig, sondern eher dreckig. Es gab noch einen weiteren Plan für den Urlaub. Einen, über den ich gleich ein wenig ausführlicher schreiben werde. Nichts davon passierte.

Dieser ganze Sommer war komisch. Als würde er zu irgendwas ausholen. Und er hat ausgeholt. War ein ziemlich mieser linker Haken, den mir der Sommer verpasst hat.

Soooooo … ich warne dich noch mal. Ein letztes Mal. Nicht lesen, wenn Du in gesundheitlicher Ecke mental angegriffen bist. Wirklich!

Alle Jahre wieder

Okay, wo war ich … ach ja … es war ein sonniger Tag. Ich war am Briefkasten. Ein Tag mitten in meinem Urlaub. Ich war einige Tage vorher bei meinem jährlichen MRT im Krankenhaus gewesen. Du fragst dich bestimmt, warum ich jedes Jahr wieder ins MRT muss?

Etwas in meinem Körper bedurfte ständiger Überwachung. Da CT durchaus aufgrund der Röntgenstrahlung mit Vorsicht zu genießen ist, war die Überwachung mit dem CT nicht wirklich wünschenswert. Ich will schließlich nicht ein gut beobachtetes Problem haben, mir dafür aber so viel Röntgenstrahlung einfange, dass ich andere Probleme bekomme. Es gibt mittlerweile Studien, die einen Zusammenhang der massenhaften Verwendung von Computertomographen und Krebs nahelegen. Es blieb mir da nur das MRT. Und das suchte ich einmal im Jahr auf.

Es ging um die Beurteilung, ob in mir etwas größer wurde oder im Vergleich zum letzten Mal gleich blieb. Dass es kleiner wird, ist bei der Erkrankung, die ich in mir trug, leider völlig ausgeschlossen. Es gibt da kein Medikament. Kein Lebenswandelwechsel wird da irgendetwas verkleinern. Mehr zu dieser Untersuchung in einem späteren Teil.

Ich erwartete auf jeden Fall den dazugehörigen Arztbrief, in dem die Befundung des neuesten Bildmaterials aus meinem Körper steht. Die Konsequenzen der letzten 12 Monate Leben. Die Zusammenfassung der gesundheitlichen Versäumnisse der letzten 12 Monate. Zusammengefasst in die Sprache der Medizin und einer Zahl.

Dieser Brief ist eigentlich von Arzt zu Arzt geschrieben. In diesem Berufsstand eigenem Jargon. Aber ich habe über die Jahre leider viel zu viel Wissen über die Angelegenheit angesammelt. Ich vermag mittlerweile sehr gut zu verstehen, was dieser Brief meinem Arzt über den Zustand meines Körpers sagen will.

Ist auch ein ganz wesentlicher Hinweis von mir im Umgang mit jedweder Krankheit, die nicht binnen zwei Wochen verschwindet. Lernt den Jargon. Ich halte einen informierten Patienten für wesentlich. Aber dazu muss man die Damen und Herren der medizinischen Profession erst einmal verstehen.

Dieser Brief wurde mir wie jedes Jahr am Ende der Untersuchung im MRT angekündigt. Aber auch ohne diese Ankündigung hätte ich ihn erwartet. Weil er immer kurz nach der Untersuchung im MRT kommt. Alle Jahre wieder, kommt der Radiologe geschwind, blickt auf die Bilder nieder, wo wir Patienten drauf sind.

Wie in jedem Jahr seit 2018 zuvor. Ich kann mittlerweile ganz gut abschätzen, wann dieser Brief geschrieben wird und wann dieser bei mir im Briefkasten liegt. Das heißt, ich weiß recht gut, wann ich mit etwas misstrauischen Augen in den Briefkasten gucken muss.

Ich ging zum Briefkasten. Rechnung. Werbung. Werbung. Rechnung. Brief vom Krankenhaus. Keiner dieser Briefe war von jener Art, auf die man sich freut. Briefe, auf die man sich freut, sind eh rar geworden. Aber dieser Brief gehörte irgendwie seit einigen Jahren zu meinem Leben einfach dazu.

Ein dämlicher Plan

Es geht im Folgenden um eine Radfahrt. Warum erzähle ich in diesem Text diese Geschichte? Um zu zeigen, wie sich die Krankheit in alle Bereiche meines Lebens ausbreitete. Auch dort, wo man eigentlich keinen Zusammenhang vermutete.

Es war der linke Haken dieses Jahr. Der Uppercut sollte später kommen (siehe Coda am Ende dieser Textreihe). Meine Urlaubspläne waren nach diesem Brief, wie bereits erwähnt, nun vollkommen gescheitert. Die erste Hälfte der Planung war bereits aus anderen Gründen ausgefallen. Und rückblickend betrachtet, war das ein Glücksfall.

Was war der Plan? Ich hatte schon länger eine Idee. Ich träumte schon einige Jahre davon, diesen umzusetzen. Eine Idee, die 2022 aus praktischen Erwägungen, ob es einen notwendigen Fahrradtransports als lose Schnapsidee für die Zukunft entstanden ist. Sie wurde dann als eine Fahrt zu jemandem weitergeplant. Und irgendwann nur noch eine Idee für mich selbst, um an der Erfahrung, an der Herausforderung zu wachsen. Die Strecke erfuhr da auch eine wesentliche Änderung.

Denn in diese Idee spielte irgendwann eine weitere Erkenntnis hinein. Ich war in vielen Gegenden von Deutschland. In Schleswig-Holstein, Bayern, im Saarland, in Sachsen, in Baden-Württemberg, in Mecklenburg-Vorpommern, ich weiß nicht, wie oft ich mittlerweile in Berlin war. Hamburg und Niedersachsen sowieso.

Kurz, es gibt kein Bundesland, in dem ich noch nicht war: Von Niedersachsen als offensichtlich erstes Bundesland, weil ich dort geboren wurde, bis zum Saarland, das als letztes dazukam. Dafür musste ich nur fast 50 werden. Es gab lange einfach keinen Grund für mich, dorthin zu fahren.

Ich war in meinem Leben in vielen Städten. Entweder privat oder beruflich. Aber mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich Deutschland eigentlich nur aus der Vogelperspektive und aus der Perspektive der Autobahnen und Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken kannte. Ich kenne zudem einige Innenstädte ganz gut. Mir war auch aufgefallen, dass ich mich in der Bay Area besser auskenne als in Bayern. In San Francisco zurechtfinde ich besser als in München. Und es erschien mir einfach nicht genug für die 50 Jahre, die ich damals schon in diesem Land lebte.

Der Plan war, dies zu ändern.

Okay, das ist an sich noch keine dämliche Idee. Was hätte diese Idee in den Stand des Dämlichen erhoben? Hätte ich meinen Plan umgesetzt, wäre ich quer durch Deutschland gefahren. Oberstdorf nach Sylt. Okay, mit dem Auto kein Stunt. Der dämliche Teil? Die Idee war es, das mit dem Fahrrad zu tun! (Okay, es gibt diese Idee noch extremer. Ich habe vor einer Weile einen sehr interessanten Blog einer Frau gelesen, die diesen Weg zu Fuß angetreten hat.)

Hotels waren gebucht. Strecken in den entsprechenden Tools abgesteckt. Ich war ganz gut im Training. Hatte mich vorbereitet. Ich bin Tagesetappen dieser Länge und in der nötigen Frequenz durchaus schon häufiger gefahren.

Den Rest sollte an heftigen Steigungen mit Hinblick auf die Krankheit, die ich hatte, ein Motor erledigen. Denn seit letztem Jahr besitze ich eine Art eBike.

Das E-Bike sollte sicherstellen, dass ich auf der Tour unter 300 Watt bleiben würde. Selbst in jenen Passagen, in denen es einige Mittelgebirge Deutschlands zu überwinden galt. Leider kann man sich nur mit einem riesigen Umweg entlang des Rheins um diese Steigungen drücken. Und diese Steigungen waren halt deutlich größer als jene Sandhaufen, die hier in Norddeutschland als Berg durchgehen, aber eigentlich nur Hügelchen im Vergleich zu anderen Gegenden dieses Landes sind.

Ich hatte eine Strecke gefunden, die mit relativ wenigen heftigen Steigungen auskam. Endgegnersteigungen wären zwischen Gemünden am Main und Fulda gewesen.

Meine Krankheit ließ es einfach nicht zu, dass ich mit 600-700 Watt einen Berg hochfahre. Einer meiner Brüder kann das wahrscheinlich, ich nicht. Und mit den 2 Watt pro kg Körpergewicht und Gepäck, die ich mir zugestand, wäre die Steigung sehr zäh geworden. Also holte ich mir Hilfe.

Mit dem heutigen Wissen bezweifle ich, dass diese Idee eine gute Idee gewesen wäre. Ob sie gut war oder ob sie die blödeste Idee seit dem Turmbau zu Babel darstellte, werde ich nicht herausfinden. Ich bin nicht gefahren. Denn wie gesagt, es kam alles anders. Ganz anders.

Der dritte Versuch

Da die Idee etwas älter war, war es auch nicht der erste Versuch, diese umzusetzen. Im Frühsommer 2024, kurz nach meinem einundfünfzigsten Geburtstag, hatte mich im ersten Versuch mein Knie gestoppt. Patellaspitzensentzündung. Was zur Hölle? Ich dachte eigentlich, Radfahren sei gelenkschonend. Mein Knie ließ für zwei Wochen nicht mal vernünftig zu, dass ich meine Treppe von meiner Wohnung nach unten vernünftig benutzen konnte. Hoch ging es besser. Die Jagd nach den DHL-Boten war in jener Zeit schwierig. Als dann zur gleichen Zeit auch noch die Flüsse über die Ufer traten und Felder überflutet wurden, war ich mir sicher, dass es vermutlich auch nach der Abheilung meiner Patellasehne keine gute Idee gewesen wäre, zu fahren.

Ich war dafür beim Orthopäden gewesen. Auch wieder ein MRT, weil im Ultraschall nichts richtig zu sehen war. Ich hoffe inständig, dass nicht irgendwann herauskommt, dass einem von MRT-Untersuchungen drei Augen wachsen oder man im Alter Münzen einfach magnetisch zu sich ziehen kann. Wobei das praktisch wäre. Ich habe nur ein wenig Angst davor, was passiert, wenn das auch mit Nähnadeln geht.

Mit ein bisschen Pflege und Hege des Knies kam das alles wieder in Ordnung. Kommt davon, wenn man im vollen Training ist, aber sich nicht vernünftig aufwärmt. Hätte ich besser wissen müssen. Habe ich auch besser gewusst. Aber mich nicht so recht drangehalten. Selbst Schuld. Ich hatte dann nichts Besseres zu tun, als einen zweiten Versuch zu planen. Ich hatte immerhin einiges an Geld investiert, um mich vorzubereiten.

Im zweiten Versuch im Spätsommer 2024 war mein Knie zwar in Ordnung, aber leider ein Stellwerk in Süddeutschland kaputt. Dieser Versuch scheiterte am dementsprechend ausfallenden Zug und dem völligen Fehlen von Alternativen mit Fahrradtransport. Ich erfuhr davon um 2 Uhr morgens am Tag der Abfahrt, die um etwa 8 Uhr hätte stattfinden sollen.

Dabei war das eigentlich so großartig geplant: Es gibt (oder besser gab) einen Zug, der in Hamburg startet, in Lüneburg hält und in Oberstdorf endet. Eigentlich wie maßgeschneidert für meine Zwecke.

Hier sind wir dann auch wieder bei den Folgen meiner Krankheit. Diese Krankheit dringt wirklich in jeden Bereich hinein. Denn mit dem gerade genannten Zug hätte ich das Rad nur einmal in den Zug und einmal aus dem Zug rümpeln müssen. Was bei einem Gesamtgewicht der Fuhre nordwärts von 35 kg fertig gepackt auch eine deutliche Erleichterung gewesen wäre.

35 kg war ein Gewicht, das ich nicht mehr ohne weiteres mit meiner Krankheit heben durfte. Ich kann das heben, das ist nicht das Problem. Ich durfte es schlichtweg nicht mehr heben. Ansage vom Arzt. Weil es möglicherweise für Probleme sorgen würde, die extrem unangenehm wären.

Keine 35 kg heben bedeutete, dass ich das Rad nicht „in toto“ in den Zug packen durfte. Wäre wahrscheinlich wegen der Breite der Führe eh nicht gegangen, aber dann hätte ich nur die beiden hinteren Taschen abnehmen müssen. Hinsichtlich des Gewichts hätte ich das Gepäck für jeden Umstieg, das zwei Mal vom Fahrrad nehmen und zwei Mal wieder anbringen durfte. Gepäck hieß hier zwei Fronttaschen und drei Hecktaschen. Vor Ausstieg abbauen, nach Ausstieg anbauen, zum neuen Zug rollen, zum Einstieg abbauen, nach Einstieg anbauen. Wenn man dann für die Strecke meinetwegen in Hannover, Köln, Stuttgart und Ulm umsteigen muss, will man wahrscheinlich spätestens am Neckar das Rad in den Fluss werfen.

Das ist genau der Grund, warum diese Züge in Urlaubszeiten gerne Verspätungen aufbauen, weil irgendein Radfahrer für den Umstieg zu viel Zeit verbraucht. Um das zu vermeiden, buchte ich diesen Direktzug. Ich wäre dann am Anreisetag von Oberstdorf nach Immenstadt mit dem Rad gefahren. Mit Umweg über das südlichste Gebäude Deutschlands. So der Plan, aus dem dann nichts wurde.

Ich bin 2024 dann trotzdem lange Strecken gefahren. Nur eben nicht eine große, lange Strecke. Stattdessen fuhr ich drei kleinere Touren. Lüneburg-Staberhuk-Neustadt, Emden-Oldenburg-Brake-Bremen-Lüneburg und Berlin-Havelberg-Lüneburg. Im Grunde war das pro Woche eine Fahrt in meinem Urlaub.

Die drei Fahrten umfassten am Ende genauso viele Kilometer wie die Deutschlandtour. So Pi mal Wellenschlag. So um die 1000 km. Es wurden nur deutlich weniger Höhenmeter als geplant.

Und diese Strecken waren schön: Lüneburg-Staberhuk war eine Tour an meinem Sehnsuchtsort, Emden-Lüneburg eine Reise durch meine Vergangenheit und Berlin-Lüneburg war so ein Ding, das ich immer schon mal probieren wollte. Sie waren mehr als ein vollwertiger Ersatz.

Ich bin auf die Radfahrten ein klein wenig stolz. Auch wenn ich nicht weiß, inwieweit die Belastungen von 2024 für die Geschehnisse von 2025 verantwortlich waren. Die Messwerte geben es eigentlich nicht her, aber die Unsicherheit ist trotzdem da. Das Merkwürdige an meiner Krankheit war, dass man all das machen kann, aber am Ende mit dem Gedanken zurückbleibt: War das eine gute Idee?

Du trägst für deine Eltern etwas ins Haus, das ein wenig schwerer ist. War das eine gute Idee? Du hebst ein Kind auf eine Mauer. War das eine gute Idee? Du trägst einen etwas schwereren Rucksack durch die Gegend, weil Wertsachen in diesem sind und du diesen nicht im Auto lassen willst. War das eine gute Idee? Du hilfst dem Pelletlieferanten mit seinem Flurfördergerät dabei, die Pelletpalette mit dem Pelletpalettenflurfördergerät in die Garage zu drücken, um die Pelletpalettenlieferung zu beschleunigen. War das eine gute Idee? Du fährst von Lüneburg nach Staberhuk. War das eine gute Idee?

Ich schrieb von der ständig vorhandenen Angst. Diese Frage „War das eine gute Idee?“ ist einer der Tropfen, die den Stein höhlen. Denn man fragt sich ständig, ob man damit beim nächsten MRT zahlen muss, wenn wie ich schon schrieb, der Radiologe die Zahl des Tages als Konsequenz der letzten 12 Monate leben nennt. Man fragt sich ständig: „War das eine gute Idee?“

Ich habe nicht so sehr das Problem in der Fahrt gesehen. Sonst hätte ich die Idee überhaupt nicht versucht, anzutreten. Sondern im Drumherum. Fahrräder in Züge schleppen, beispielsweise.

Dritter Versuch

Der dritte Versuch wäre in diesem Jahr gewesen. Aber auch das hatte nicht geklappt. Er wurde von einer Magenverstimmung (ich erspare Details) schon vor dem Start jäh gestoppt. Der Tag kam, an dem ich eigentlich losfahren wollte, aber ich konnte nicht losfahren. Ich saß woanders drauf.

Verdammte Axt …

Ich hatte die Tour ohnehin zweigeteilt. Erst von Oberstdorf nach Lüneburg. Dann einige Tage warten wegen des Geburtstages meiner Mutter und wegen meines MRT-Termins für 2025 und dann weiter von Lüneburg bis nach Sylt.

Ja, okay, und zwischendrin Wäsche waschen und Knochen sortieren. Im eigenen Bett schlafen. Genau genommen also zwei Radfahrten, die auf Strava wie eine Fahrt ausgesehen hätten. Ich hatte das Fahrrad vorbereitet und gepackt. Doch dann kam das angesprochene Verdauungsproblem. Unerwartet. Heftig. Unerwartet heftig.

Im Nachhinein wollte mir mein Karma wahrscheinlich sagen: „Verdammte Axt noch mal, Idiot, begreife es endlich. Lass es einfach. Die Zeit ist nicht die richtige. Und die Idee ist eine Schnapsidee. Sie ist als Schnapsidee entstanden, sie ist auch jetzt eine Schnapsidee und wird es bis auf Weiteres bleiben. Begreife es!“

Residualstrecke

Als ich den Start meiner Tour auf dem WC verbrachte, wollte ich die Tour immer noch nicht völlig aufgeben. Ich plante, die Tour ein wenig zu verkürzen. Naja, zwei Drittel wegzuschneiden. Wäre trotzdem noch einiges an Strecke gewesen.

Ich habe immer so ein bisschen den Eindruck, dass insbesondere Leute aus Süddeutschland unterschätzen, wie viel Deutschland eigentlich noch nördlich von Hamburg kommt. Das Stück bis Flensburg. Ist ja irgendwie Küste.

Oder auch eben Sylt. Das sind einiges an Kilometern, die sich noch länger anfühlen, weil es keine Autobahn bis nach Klanxbüll gibt und die A23 irgendwo im schleswig-holsteinischen Nirgendwo aufhört. Klanxbüll wäre jener Ort, an dem man ohnehin auf die Bahn umsteigen muss nach Sylt.

Es ist auch interessant, für wie viele Leute gedanklich Hamburg nahe an der Nordsee liegt. Okay, dass Hamburg nicht an der Nordsee liegt, ist vielen klar. Wie lang eigentlich noch die Strecke ist, um von den Landungsbrücken in die Nordsee zu kommen, nicht so ganz. Die Hafeneinfahrt von der Elbemündung zum Liegeplatz in Hamburg dauert schon noch einige Stunden.

Die Idee war nun, im August nur die zweite Hälfte zu fahren. Von Lüneburg nach Sylt. Eben das ordentliche Stück Deutschland, das nach Hamburg kommt. Nach dem Geburtstag. Nach dem MRT.

Meine Hoffnung war ja, dass da beim MRT „Alles stabil“ rauskommen würde und ich somit beruhigt auf den Sattel konnte. Und dann kam eben der Brief. Und der beendete auch diesen Plan. Endgültig zumindest für dieses Jahr. Und zu diesem Zeitpunkt war es durchaus auch möglich, dass er den Plan für immer verhindern würde.

Ich frage mich seitdem mit dem Wissen aus der MRT-Verlaufskontrolle vom 1. August 2025, ob mich diese Fahrt von einem elektiven Patienten für die zu jenem Zeitpunkt sicher in meiner Zukunft stehende OP zu einem Notfall gemacht hätte. Oder vereinfacht gesagt, ob ich mich mit der Nummer umgebracht hätte. Ich weiß es nicht, ich glaube es ehrlich gesagt nicht, aber klug wäre es sicher nicht gewesen, diese Strecke mit den Messwerten, die beim MRT herauskamen, in Angriff zu nehmen.

Zukünftig

Ich weiß noch nicht, ob ich die Idee irgendwann noch einmal ausgraben werde. Ich bin mir da gerade etwas unsicher. Vielleicht ist das etwas für 2027. Wenn ich weiß, wie sich alles entwickelt. Ob sich das im Jahr 2027 hinreichend gut anfühlt. Ich habe die Operation zur Beseitigung des Problems gut genug überstanden, das es eine Chance dafür gibt.

Sollte ich mich dafür entscheiden, ist die Reise mit dem Zug direkt von Lüneburg nach Oberstdorf übrigens nicht mehr möglich. Die Bahn hat diesen Zug für den Fahrplan 2026 aus dem Programm genommen. De facto fährt der Zug schon seit Oktober nicht mehr. Und das finde ich beklagenswert.

Trotz

Mir wurde erst beim Schreiben dieses Textes klar, dass es wahrscheinlich noch einen weiteren Grund für die Planung dieser Reise gab. Es war nur die letzte in einer Reihe von Entscheidungen, die alle auf dieselbe Sturheit zurückzuführen waren: Ich wollte mich nicht von meiner Krankheit definieren lassen.

Ich reagiere auf Angst nicht notwendigerweise, dass ich mich zurückziehe. Sondern oft auch, dass ich mich der Angst entgegenstelle. Ich habe bis heute Flugangst. Nicht unerheblich Flugangst. Oder nennen wir es nicht Flugangst, sondern ein erhebliches Misstrauen gegenüber dem Konzept „Metallröhre, die fliegt“. Dennoch bin ich, seitdem ich die Flugangst überwunden habe, oft ins Flugzeug gestiegen. Ich glaube, über 500 Mal. Es war gewissermassen auch in Teilen eine Trotzreaktion darauf, dass mich diese Flugangst definierte. Dass ich an die Orte, die ich gerne besuchen würde, nicht mehr konnte, weil eben vernünftigerweise die Notwendigkeit des Fliegens im Weg stand. Ich kenne andere Menschen, die Fernweh haben, die aber ihre Flugangst nicht überwinden konnten. Die so gerne in die Ferne fliegen würden, es aber nicht können. Die deswegen Frust gegenüber sich selbst hegen. An dieser Stelle fängt diese Einschränkung an, Teile des Menschen zu definieren.

Genau das wollte ich nicht.

Die Situation bei der Flugangst hat sich daher bei dieser Diagnose quasi wiederholt. Das intensive Radfahren der letzten Jahre war ein Ausdruck dieser Entschlossenheit, sich nicht dadurch definieren zu lassen. In gewisser Weise war es aber eigentlich eine Trotzreaktion auf die Krankheit. Ich glaube, selbst meine Ärzte waren sich selbst nicht einig, ob das eine gute Idee mit dem Radfahren wird: Zum einen Abnehmen, gesunder Lebenswandel, niedriger Blutdruck. Alles sehr gut. Aber dafür auch teilweise recht extreme Anstrengungen, was wiederum nicht gut war. Wobei das alles Ausdaueranstrengungen waren, keine Kraftanstrengungen, die mit Sicherheit nicht gut mit meiner Diagnose gewesen wären. Ich hatte immer den Eindruck, meinen Ärzten war das ein wenig suspekt.

Es war Trotz gegenüber der Einschränkung. Trotz gegenüber sich zurücknehmen zu müssen. Trotz gegenüber dem Leben mit der angezogenen Handbremse. Denn meine Erkrankung bedeutete Einschränkung, Zurücknehmen und Handbremse an vielen Stellen des Lebens, wie ich im weiteren Text noch erläutern werde.

Mich hat am Ende die Krankheit verändert, und diese Veränderungen haben mir einiges gekostet. Trotz des Trotzes. Oder vielleicht gerade wegen des Trotzes. Weil ich nicht jede Herausforderung so anzugehen vermag. Denn Trotz kostet Energie. Es ist der Weg gegen den Strom, der einem durch die Vernunft vorgegeben wird. Gegen den Wind sämtlicher Ratschläge. Und gegen den Strom zu schwimmen ist nicht die effiziente Art der Fortbewegung.

Im nächsten Teil wird es um meine Erfahrungen mit bildgebenden Magneten und wie sich lebensverändernde Briefe doch am Ende positive Entwicklungen starten können.

Written by

Joerg Moellenkamp

Grey-haired, sometimes grey-bearded Windows dismissing Unix guy.