(Ein wichtiger Hinweis: Ich bin medizinischer Laie. Ich habe nur lange mit meiner Krankheit gelebt. Ich kann alles medizinische hier falsch verstanden oder falsch wiedergegeben haben. Jede in diesem Text wiedergegebene Information ist potentiell aus dem Zusammenhang gerissen, falsch, unvollständig. Hört auf Euren Arzt! Fehler sind meine Fehler, nicht die meiner Ärzte.Meine Erfahrungen sind anekdotisch. Eure Erfahrungen können anders sein.)
Bildgebende Magie
Ich schrieb von einer MRT-Verlaufskontrolle? Ja, ich habe wahrscheinlich in den letzten Jahren öfter ein MRT gesehen als es viele Menschen es in ihrem ganzen Leben werden. Und meine Operation wird wahrscheinlich bedeuten, dass ich bis auf Weiteres das jedes weitere Jahr machen muss. Als Kontrolle, dass weiterhin alles in Ordnung ist. Etwas, auf das ich sehr, sehr gerne verzichten würde, aber wahrscheinlich notwendig ist. Ich hoffe, dass man irgendwann sagt, da passiert nix mehr, kommen sie in 2 und später 5 Jahren wieder.
Ich finde Magnetresonanztomographie irgendwie faszinierend. Im Grunde erzeugen Magnete ein Bild. Aus dem Taumeln gleichausgerichteter Atome, nachdem man sie mit einem weiteren Feld schubst, wird ein Bild. Das hat schon etwas von Magie, auch wenn ich natürlich weiß, dass da absolut null Magie, sondern viel Technik und Mathematik sich verbirgt. Ich denke, diese Technik zählt schon zu jenen, die für einen nicht hinreichend fortgeschrittenen Beobachter wie Magie wirken können.
Das heißt aber nicht, dass ich gerne in MRT bin. Ich musste vor vielen Jahren nach einem Sturz in ein MRT. Das muss 16 oder 17 Jahre her sein. Mir war dabei etwas mulmig. Ich sollte die Augen geschlossen halten. Konnte es aber nicht. Mit jedem lauten Geräusch öffneten sich die Augen. Ich empfand das MRT nicht angenehm. Ich konnte mich einfach nicht an die Anweisung halten, die Augen geschlossen zu halten.
Das ist bis heute so. Die Augen bleiben mittlerweile zu, aber die Mulmigkeit ist geblieben. Mir ist das MRT nicht mehr total fremd. Ich musste durch meine Krankheit so häufig in ein MRT, dass ich mich frage, warum ich nicht eher beim Lied „Hallo“ von Herrn Solveig erkannt habe, dass das doch alles nach einem MRT klingt. Warum ich dafür ein YouTube-Video benötigt habe. Eigentlich hätte ich das nur einmal hören müssen dürfen, um zu erkennen, dass es sich dabei um ein MRT handelt. Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich das Lied nicht mag.
Im August 2025 waren es schon weit über sechs Jahre, in denen ich jährlich ein bis zwei Mal im MRT landete. Im Albertinenkrankenhaus in Hamburg. Am Anfang waren es zwei Mal pro Jahr. Das erste sogar mit Kontrastmittel. Später reduzierte sich das auf einmal jährlich. Ohne Kontrastmittel. Weil man sich bei Kontrastmitteln auch nicht so sicher ist, wie sich das verhält, wenn man das sehr oft nutzt. Auf jeden Fall reduzierte sich nach kurzer Zeit die Zahl der Untersuchungen. Meine Erkrankung schritt nicht schnell genug fort, um zwei Untersuchungen im Jahr zu rechtfertigen. Und ich wollte sie auch nicht. Ich sag nur: Mulmig.
Ich ging dafür immer ins gleiche Krankenhaus. Ich glaube, es war immer derselbe Umkleideraum, in dem ich mich jedes Mal erst einmal bis auf die Unterwäsche entkleiden musste, um mich zu entmetallisieren. Jedes Mal die gleiche Sorge, etwas Metallisches vergessen zu haben. Das ist aber schwer möglich, wenn man nur in Unterwäsche in den MRT-Raum geht. Es werden schon keine Trollwichtel über Nacht Metallfäden in meine Unterbekleidung genäht haben, damit mir das MRT-Gerät diese dann entreißt. Die sind schon damit beschäftigt, meine Klamotten enger zu nähen.
Wobei: Ich frage mich, warum man vorm MRT nicht mit so einem Ding abgewedelt wird, das auch am Flughafen Verwendung findet, wenn man mal wieder die Sicherheitsschleuse mit einem Knopf ausgelöst hat. Warum macht man das nicht bei einem MRT, um sicherzustellen, dass ein Patient nicht an einem durch ein sehr empfindliches Körperteil gefädelten und leider doch nicht paramagnetischen Ring gen MRT gezogen wird oder sich das Metall so aufheizt, dass es Verbrennungen gibt. Was an den entsprechenden Stellen sicherlich auch nicht angenehm ist.
Da ich keine metallenen Körperverzierungen habe und ich nicht in Gegenden weile, bei denen mit Granatsplittern zu rechnen wäre, ist die Sorge eigentlich unbegründet. Es ist aber trotzdem dieser seltsame Gedanke da: „Habe ich wirklich alles Metall abgelegt?“ Und auch wenn ich schon so oft im MRT war, wird meine Zahnbrücke halten. Dabei hat diese nie auch nur einen Pieps gemacht oder sich einen Millimeter verrückt. Sie ist nicht mal warm geworden.
Ich glaube, es war auch in den Jahren dasselbe MRT-Gerät wie in den Vorjahren. Ich weiß gar nicht, ob sie das Gerät in den letzten sechs Jahren ausgetauscht haben. Es sah immer identisch aus. Zumindest in meiner Erinnerung.
Es war immer der gleiche Arzt. Letzteres war so gewollt und der Grund, warum ich in Hamburg in einem solchen Gerät lag. Daher habe ich einen etwas längeren Weg in Kauf genommen für diese Untersuchung. MRT gibt es auch in Lüneburg. Dafür hätte ich nicht nach Hamburg gemusst.
Schon allein, weil man sich den Elbtunnel ohne Notwendigkeit nicht unbedingt geben muss. Wobei: Ich fahre die Strecke über die A7 wirklich gerne, wenn nicht gerade Stau ist. Man sieht von dort einfach alles, was Hamburg ausmacht: Elphi, den Fernsehturm, die Köhlbrandbrücke, den Hafen. Das nördliche Ufer der Elbe, wenn auch nicht die Elbe selbst. Manchmal sieht man ein Kreuzfahrtschiff. Zuweilen sogar ein Containerschiff in Richtung Containerterminal Altenwerder. Eben vieles, was Hamburg ausmacht. Ein Flugzeug, das über Hamburg an Höhe gewinnt. Von links, wenn es in Finkenwerder aufgestiegen ist, von rechts, wenn es in Fuhlsbüttel aus gestartet ist. Früher hat man hier zuweilen A380 starten sehen, seitdem dieser nicht mehr gebaut wird, muss man dafür auf die entsprechende Maschine von Emirates warten. Ich finde das großartig. Aber halt eben nicht, wenn wieder Stau auf der Strecke ist. Oder irgendein LKW die Höhenkontrolle ausgelöst hat und alle Zeitplanungen zum Teufel geschickt hat. Das hat die Fahrt zum Krankenhaus manchmal recht nervenaufreibend gemacht.
Ich bin trotzdem jedes Mal dafür nach Hamburg gefahren. Auch wenn ich manchmal Termine zur stauanfälligsten Zeit hatte. Denn in meinem Fall war das wiederholte Messen durch eine Person unbedingt sinnvoll. Es sollte damit sichergestellt werden, dass die Befundungen der Bildgebung absolut vergleichbar bleiben. Damit immer derselbe auswertende Arzt seine Einschätzung gibt. Mein erstes MRT für dieses Problem war in Hamburg im Albertinenkrankenhaus bei einem bestimmten Arzt und dabei bin ich geblieben.
Bei aller Toolunterstützung ist das Auswerten eines MRT immer noch auch eine Erfahrungssache. Ich glaube zwar, dass Radiologen als erste Arztkategorie ein Problem mit Machine Learning bekommen werden beziehungsweise bekommen haben. Aber am Ende sollte da immer noch der Mensch sein, dessen Erfahrung am Ende wirklich zählt. Und ich wollte, dass immer ein Arzt diese Auswertungen vornimmt. Außerdem muss man sagen, dass dieser Arzt einfach ausgesprochen nett und freundlich war, nichts beschönigt hat, aber auch nichts dramatisiert.
Wir sehen uns in einem Jahr
So fuhr ich einmal pro Jahr zur Untersuchung. Der Radiologe und ich haben uns schon erkannt. Man begrüßt sich mittlerweile freundlich. „Ich bin wieder“, „Wieder ein Jahr rum?“ „Ja, ein Jahr rum“. Ich setze mich wieder auf die Liege. Lege mich hin. „Liegen Sie gut“, „Ja“. Ein Kopfhörer wird mir aufgesetzt. Ich bekomme den etwas unhandlichen Signalverstärker auf die Brust gelegt. Ich bekomme den komischen Blasebalg in die Hand gedrückt, mit dem ich mich melden kann, wenn was schief geht. Bisher musste ich ihn noch nicht „im Ernst drücken“. Die Liege fährt ins Gerät. Es fühlt sich wie immer eng in dieser Röhre an. Es ist laut. Obwohl es nur die Standby-Geräusche des MRT sind. Musik wird gespielt. Und egal, was ich auf dem Anmeldezettel ankreuze, welche Musik mir gefallen würde, es scheint, es ist immer dieselbe Musik. Untermalt von den Geräuschen des Tomographen.
„Bitte die Luft anhalten.“ „Wieder ausatmen.“ „Bitte die Luft anhalten.“ „Wieder ausatmen.“ „Bitte die Luft anhalten.“ „Wieder ausatmen.“ Währenddessen verändern sich die Geräusche. Wohl andere Sequenzen, die andere Antworten bringen. Es dauert meistens so um die 15-20 Minuten. Glaube ich. Ich habe es nie überprüft.
Danach hört man wieder die Motoren der Liege, die einen wieder aus der Röhre hervorholen. Und kurze Zeit später steht der Arzt vor mir und sagt mir die Zahl des Tages. In Millimetern.
Man verabschiedet sich mit einem „Bis in einem Jahr“. Und ein paar Tage später ist der Brief da, der das Gefundene verschriftlicht. Mit dem wiederholten Hinweis, doch in einem Jahr wiederzukommen. Das war der Weg der letzten Jahre. So hätte es gerne noch einige Jahre weitergehen können, auch wenn die ganze Entwicklung der Krankheit an mir nagte.
Ich hatte im Jahr sechs mittlerweile eine gewisse Routine, meine Kontrolluntersuchungen so zu timen, dass ich in der Radfahrsaison erst im Frühjahr einen Ultraschall hatte, dann im Sommer das MRT und im späten Herbst wieder einen Ultraschall. Das verschob sich immer ein wenig, je nachdem, ob ich früh oder spät dran gedacht hatte, den MRT-Termin zu machen. Bei meinem Kardiologen habe ich irgendwann angefangen, den nächsten Termin zu machen, wenn ich aus seinem Sprechzimmer kam. Das bewährte sich. Ich hatte also über die Jahre eine sehr gute Abdeckung, um den Verlauf meiner Erkrankung zu überprüfen.
Ich finde immer noch das MRT als unangenehm. Es ist eng und es ist laut. Ich habe mich aber daran gewöhnt. Mir persönlich hilft es, vor dem „in die Röhre geschoben zu werden“, die Augen zu schließen, mich ganz weit weg zu denken und sie nicht wieder zu öffnen, bevor ich das Stoppen der Liege nach dem Herausfahren bemerke. So nehme ich die Enge des MRT kaum wahr. Gegen den Lärm hilft das so gar nicht. Egal, wie weit man sich wegräumt, egal wie weit man sich denkt, der Lärm durchdringt diese gedankliche Schale. Kein Gedanke vermag das zu verhindern. Aber es lenkt wenigstens ein kleines bisschen ab. Man kann sich auch keine Ohrstöpsel ins Ohr packen. Man muss weiterhin die Anweisungen mitbekommen.
Mein Hinweis an jene, die mit einer ähnlichen Erkrankung diesen Text lesen: Ich halte es für wesentlich, die Bildgebung über die Jahre immer beim gleichen Arzt zu machen. Damit das alles vergleichbar bleibt. Das ist beim Ultraschall nach meiner Beobachtung noch wichtiger. Ich habe den Eindruck, dass das Messen beim Ultraschall noch mehr vom Messenden abhängig ist als beim MRT. Allein, weil das MRT ja nun doch sehr automatisiert ist. Da gibt es kein falsches Halten des Messkopfes, kein „nicht lotrecht“ Messen. Da würde ich aus heutiger Perspektive noch mehr darauf achten, dass immer vom selben Arzt die Bildgebung durchgeführt wird.
Das MRT von 2025
Ich spule jetzt ein wenig vor. 2025. Auch für dieses Jahr war ein MRT geplant. Ich hatte einen Termin für den 1. August. Weitestgehend war es das wohlbekannte „Jährlich grüßt das Murmeltier“. Bis auf das Ende. Das war beim letzten Mal so völlig anders. Im Jahr 2025 fehlte dieser „Bis in einem Jahr“-Teil der Verabschiedung.
Ich kann mich zumindest nicht dran erinnern, so sehr ich es auch versuche. Vielleicht waren meine Gedanken auch gleich danach so abgetrieben, dass ich das gar nicht mehr wahrgenommen habe. Nach jener ersten Zahl, die mir der Radiologe genannt hatte, die so gar nichts Gutes verhieß.
Ich war wahrscheinlich schon in jenem gedanklichen Loch, das den Blick auf die Außenwelt verstellt, dass sich mehr mit dem „Verdammt! Was nun?“ als mit der Umgebung beschäftigt. Ich merkte, dass mein Kopf gleich anfing, die Gedanken zu beschleunigen. Das ist einem Korken, den man in einen Wasserstrudel wirf, nicht unähnlich.
Unheilvolle Post
Ich fand also wenige Tage nach diesem Tag den diesjährigen Brief des Krankenhauses in meinem Postkasten. Dieser Brief, von dem ich am Anfang sprach. Für die Rechnung war es noch deutlich zu früh. Ja, ich gebe zu, ich bin nicht in der gesetzlichen Krankenversicherung. Meine Erfahrungen sind jene eines Privatpatienten. Ich erhalte daher Rechnungen für alles Medizinisches.
Die Klinik braucht üblicherweise immer gefühlt ewig. Als würde das Krankenhaus, in dem das MRT steht, das Geld nicht brauchen. Meist kommt die Rechnung dann, wenn ich mich frage, ob sie vergessen haben, dass ich da war. Oder ob ich nach einer bestimmten Zahl von MRT-Aufnahmen eine Aufnahme umsonst bekomme. Es wird aber nie vergessen und meine MRT-Stempelkarte scheint immer noch nicht voll zu sein. Eine Rechnung kommt immer, aber halt immer spät. Es konnte demnach so kurz nach der Untersuchung nur der Befund sein.
Und damit waren wir bei jenen Briefumschlägen, die man nicht öffnen mag, weil man schon eine Ahnung hat, was der Brief darin mitteilen würde. Es gibt solche Briefe wiederholt im Leben, die man am liebsten ungelesen in den Shredder packen würde. Briefe, bei denen man denkt: „Brief, nichts gegen Dich persönlich. Aber ich werde Deinen Inhalt nicht mögen. Ich muss mich erst mal gedanklich darauf vorbereiten. Darf ich wenigstens noch meinen Tee vorher austrinken?“. Briefe einer fernen Straßenverkehrsbehörde sind in dieser Richtung so ein Klassiker. Reisemitbringsel aufgrund einer Unachtsamkeit oder Resultat von Ablenkung.
Ich rede hier von Briefen, die mehr Einfluss auf die Zukunft haben. Manche Briefe sind lebensverändernd oder bringen das Leben zumindest die nächsten Jahre völlig durcheinander. Mir kam im August 2025, vor diesem Brief sitzend, ein anderer Brief in den Sinn, den ich vor sehr langer Zeit erhalten habe.
Etwa 30 Jahre zuvor. Ein Brief des Kreiswehrersatzamtes. Ich möge mich doch bitte an einem bestimmten Tag in einer bestimmten Kaserne - die heute nicht mehr existiert - einfinden. Ich möge anfangen, meinen Wehrdienst abzuleisten. Mein sorgfältig aufgebautes Portfolio aus Befunden reichte anscheinend nicht, damit trotz festgestellter eingeschränkter Tauglichkeit die Bundeswehr davon absah, mich zum Dienst zur Bundeswehr „einzuladen“.
Ich muss auch hier zugeben: Ich wollte weder zur Bundeswehr noch Zivildienst machen und es könnte sogar sein, dass ich damals Dinge als Befunde mitgebracht habe, die teilweise relevant waren, aber teilweise auch den pathologischen Wert abstehender Ohren hatten. Aber halt gut, klangen. Ertränkt sie in Daten. Leider wussten wohl auch die Ärzte im Kreiswehrersatzamt vom Wert vieler dieser Diagnosen. Sie ließen sich auf jeden Fall nicht blenden. Ich war sicherlich nicht der Erste, der das versucht hat.
Dafür, dass ich eigentlich nicht zur Truppe wollte, lief es auch hier nicht nach Plan: Am Ende sollte ich sogar länger, nämlich zwei Jahre, bei der Bundeswehr bleiben. Ich bekam einen Orden („Ehrenmedaille der Bundeswehr“). Ich wurde zum Hauptgefreiten befördert nach sieben Monaten. Ich hatte mir überlegt, wenn ich schon mal hier bin, dann kann ich die Zeit auch irgendwie nutzen. Aber nach der Zeit reichte mir das dann auch. Länger hätte ich nicht bleiben wollen.
Meine Erfahrung hatte aber wenig mit der regulären Bundeswehr zu tun, die man sich als Wehrpflichtiger vorstellt. Zumindest entnehme ich das den Gesprächen, die ich mit Freunden später geführt habe, und die ein völlig anderes Erlebnis in ihrem Wehrdienst hatten. Ich war auf Divisions- und Korpsebene eingesetzt. Vielleicht ließ das die Verlängerung wünschenswerter erscheinen als bei einer eher normalen Bundeswehr-Erfahrung. Ich tat etwas, das ich heute als eine Mischung aus Nutzersupport und Administration bezeichnen würde. Tage in Grün waren eher selten gesät. Ich war jung und wollte dann doch das Geld.
Was ich zum Teil dazu nutzte, um mir einen wirklich anständigen Rechner für die Zeit zu kaufen. Auf dem ich erste Erfahrungen mit Linux sammelte. Eigentlich habe ich die Zeit gut genutzt, wenn ich so recht überlege. Jaaha, ich hatte Linux schon in den Fingern, als manche Leute, die mich heute am ehesten im Museum verorten würden für meine Solaris-Kenntnisse, noch nicht einmal geplant waren. Und ich komme mir gerade noch älter vor, als ich bin.
Ich habe jene Zeit auch dazu genutzt, um für mich festzulegen, was ich wirklich mit meinem Leben machen wollte. Ich habe mich damals entschieden, dass ich beruflich so wenig wie möglich mit Computern zu tun haben will. Computer als Hobby erschien mir okay. Als Beruf eher nicht.
Das ist jetzt um und bei 30 Jahren her. Und was soll ich sagen: Das hat seeeeeehr gut funktioniert. Wenn du das Universum lachen hören willst, mache einen Plan. Hatten wir schon im letzten Teil.
Als ich also damals den Brief vom Amt bekam, wollte ich ihn auch nicht öffnen. Das mag bei allen Dingen, die später noch passiert sind, eher nichtig und klein erscheinen. Ja, aus irgendeinem Grund hat sich Reinhard Mey in meine Schreib-Playlist geschummelt. Aber ich mag das Lied.
Aber man muss das aus der Perspektive eines Menschen um und bei 20 sehen. Da ist dieser Brief disruptiv. Insbesondere wenn man gerade angefangen hat zu studieren.
In jenem Umschlag konnte nur eine Sache sein. Mein Bescheid über das Musterungsergebnis war längst rechtskräftig geworden. Ich hielt es für sehr unwahrscheinlich, dass da ein Brief drin war, so von wegen „Ach wissen Sie was, Herr Möllenkamp, wir haben uns geirrt, Sie sind doch untauglich. Wir wünschen Ihnen ein schönes Restleben!“.
Warum erzähle ich Euch diesen Schwank aus meinem frühen Erwachsenenleben: Am Ende hat sich trotz des Unwillens, den Brief wahrzunehmen, alles gefügt. Zu lesen, dass ich für das nächste Jahr die Entscheidungsgewalt über mein Leben ein Stück weit entzogen bekommen würde, war damals ein ziemlicher Schlag für mich.
Trotzdem war die Zeit in der Folge bedeutsam für mich. Nur total anders als geplant. Es war halt okay. Auf seine eigene verdrehte Art und Weise war alles, was folgte, eben auch Konsequenz dieses Briefes. Und auch da möchte ich behaupten, es hat sich alles einigermaßen gefügt.
Miese Briefe sind erst mal nur das. Sie verändern. Sie fügen dem Weg des Lebens Umwege hinzu. Das mag jetzt total glückskeksig klingen, aber man weiß nicht, wozu sie gut sind. Das Buch über das eigene Leben wäre langweilig, wenn sich nicht der eine oder andere Plottwist darin verstecken würde. Die zwei Jahre beim Bund waren ein Plotwist. Doch in der IT gelandet zu sein, war auch ein ziemlicher Plottwist, obwohl der für den aufmerksamen Beobachter eigentlich schon am Anfang klar war. Und der Brief aus dem Krankenhaus versprach eben auch einen Plottwist zu beinhalten.
Ich weiß nicht, ob alles so gelaufen wäre, wie es gelaufen ist, wenn ich nicht diese wirklich blöden Briefe in meiner Vergangenheit gehabt hätte. Ob dann alles auch okay gewesen wäre. Und ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich den MRT-Befund nicht zu genau jenem Termin erhalten hätte.
Das mag jetzt alles so klingen, als würde ich an Dinge wie Schicksal glauben. Ich glaube an den freien Willen, doch das Universum hat die Neigung, ihn manchmal zu umzuschubsen. Würde ich an ein intelligentes höheres Wesen glauben, würde ich denken, dass es sich einen Spaß daraus macht, die Leute zu schubsen oder gar umzuwerfen. So ist es für mich einfach nur Zufall kombiniert mit den Konsequenzen aller früheren Entscheidungen.
Der Tag des jüngsten Briefs
Zurück zu diesem neuen Brief aus 2025. Diesen Brief mochte ich noch weniger öffnen. Ich kannte schon die Zahl des Jahres, die nichts Gutes verhieß. Auch hier hielt ich die Nachricht „Ups, wir haben uns vermessen, machen Sie sich keine Sorgen“ für sehr unwahrscheinlich.
Ich wollte nur einige zusätzliche Sekunden des Unwissens, wie die Ärzte die momentane Situation einschätzten. Bitte. Ich legte den Brief auf meinen Schreibtisch. Erledigte noch schnell etwas anderes. Machte mir einen löslichen, koffeinfreien Kaffee (von meiner 10 % Koffein/90 % Koffeinfrei-Mischung bin ich längst runter, weil ich mir sicher war, dass der aufmunternde Effekt der 10 % wahrscheinlich zu 100 % reiner Placeboeffekt war). Besuchte das Bad. Ging wieder an meinen Schreibtisch. Starrte den ungeöffneten Brief an. Und dachte „Shit!“
Ich hatte eine Ahnung, was ich gleich lesen würde. Ich hatte so eine Ahnung, dass der Inhalt einige meiner Planungen mindestens für dieses Jahr über den Haufen werfen würde. Davon war ich nach dem kurzen Gespräch mit dem Radiologen schon ausgegangen. Das ich mich noch mehr zurücknehmen musste.
Das, der Brief wirklich alle meine Planungen über den Haufen werfen würde, ahnte ich nicht. Dass die Nachricht in diesem Brief so gar nicht zu dem Wetter passen würde, das sich über mir in Form eines stahlblauen Himmels entfaltete, wenn ich aus dem Dachfenster gucken würde. Das ahnte ich ebenfalls nicht.
Es ist aber am Ende wie mit einem Pflaster. (oder wie ich mittlerweile weiß: Mit einer Klebe-EKG-Elektrode). Irgendwann muss es einfach runter. Ich fand das Elektrodenabreissen eigentlich mit am schmerzhaftesten an dieser Angelegenheit. Ich bin, was Pflaster angeht aber auch eine Memme. Auf den Inhalt meines Briefkastens bezogen: Der Brief muss auf. Der Inhalt zur Kenntnis gelangen. Fear is the mind killer.
Ein Pro-Tipp übrigens in Bezug auf Pflaster und Elektroden: Krankenhauspflaster- oder Elektrodenkleber geht nicht mit Seife ab. Geht nicht. Ich hab’s probiert. Ein Tipp einer Krankenpflegerin in der Anschlussheilbehandlung war Gold wert: Es hilft nur Waschbenzin, Nagellackreiniger geht wahrscheinlich auch. Der Kulturbeutel fürs Krankenhaus sollte irgendwas in der Art enthalten. Und wer auf die Erneuerung der Haut wartet, um die Klebespuren zu verlieren, wartet lange. Sehr lange. Ich weiß es. Ich hab’s probiert. Bis ich eben den Tipp mit dem Waschbenzin bekam.
Da war also der Brief. Nach etwas Verzögerung habe ich ihn dann auch geöffnet. Die Nachricht war aber deutlich heftiger, als ich gedacht habe. Ich hatte mit einem „Deutliche Progredienz. Verkürzung der Kontrollintervalle empfohlen.“ gerechnet. Nein, in dem Brief stand: „Vorstellung in der Chirurgie empfohlen“. Ich lehnte mich zurück. Der Tag, dem ich mich seit einigen Jahren entgegengestemmt habe, war da. Uff. Vorstellung empfohlen. Was für mich übersetzt heißt „Jörg, this is it …“. Shit.
Dieser Brief war noch lebensverändernder als jener vor vielen Jahren. Hier bestand die Option, alles zu verlieren, nicht nur ein Jahr. Ich hatte aber hier die Hoffnung, dass alles irgendwie schon okay werden würde. Weil alles okay wurde, bisher. Nicht großartig. Es hätte schöner werden können mit anderen Entscheidungen. Um Herrn Kunze leicht verändert zu zitieren: „Ich hab so viel Glück auf dem Gewissen“. Aber irgendwie halt okay.
Aber warum war dieser Brief lebensverändernd? Das ist in der Tat eine etwas längere Geschichte, die ich in den nächsten Teilen erzählen möchte.