Nun ist er also gestorben. Herr Norris. Wie zu erwarten, rauschte eine Welle von Chuck-Norris-Witzen über uns weg. Ich habe mich auch eines solchen schuldig gemacht. Genauso war jene Welle von Kommentaren zu erwarten, die berechtigterweise anmerkten, dass Chuck Norris ein ziemlicher Unsympath war.1 Beides lässt nur eins außer Acht: Im Sinne des Memes war Chuck Norris längst nicht mehr Carlos Ray Norris. Chuck Norris war bereits eine absurde Abstraktion, auf die die Memes noch mal eine dicke Schicht Absurdität aufgetragen haben.
Anders als andere Protagonisten des - völlig unironisch - im Jahrestakt die Welt rettenden 80er-Jahre-Kinos, wurde die Abstraktion nie gebrochen. Könnte man sich Norris als Turbo-Man in „Jingle All the Way” vorstellen? Als Gegenentwurf zu Danny de Vito in Twins? Oder als Polizist in Copland? Vielleicht sogar in „Stop! Or My Mom Will Shoot”2? Könnte man sich ihn im Doppelrippunterhemd barfuß vorstellen, der zweimal zu Weihnachten am falschen Ort war? Schwarzenegger und Stallone haben es geschafft, sich im Verlauf ihrer Karriere vom 80er-Jahre-Archetypen des unüberwindlichen Actionhelden zumindest zeitweise zu distanzieren. Willis war von Anfang an als Jedermann angelegt, der durch die Umstände in die Rolle des Retters gerät. Norris tat das nie. Er blieb absurd.
Gerade deswegen funktionierten die Memes. Sie brauchten eine Projektionsfläche, der jedwede Ironie fehlte. Sie brauchten nicht den Menschen, der die Rolle des Chuck Norris gespielt hat. Jenen Menschen, der jetzt eben gestorben ist.
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Man soll nicht schlecht über gerade verstorbene Menschen reden, aber bei seinen politischen Ansichten (und beim Kreationismus) ist bei mir endgültig Schluss (siehe Wikipedia). Allerdings muss man auch im Hinterkopf halten, dass das, was uns in Europa völlig absurd erscheint, möglicherweise im politischen Spektrum der USA deutlich weniger randständig ist. Beispielsweise: Um die 35% aller Amerikaner glauben an Kreationismus. Etwa 29% aller Amerikaner lehnen gleichgeschlechtliche Ehen ab. Das legitimiert nicht die Positionen, setzt sie aber in einen gesellschaftlichen Kontext. ↩
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Was für ein ausnehmend schlechter Film …. ↩
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