Ich bin mir ziemlich sicher, dass Politiker eher selten den Herrn der Ringe gelesen haben1. Denn wie könnte man sonst ein Produkt einer Firma mit dem Namen Palantir2 kaufen wollen?

Eigentlich würde ja schon der Konsum der Extended Edition reichen. Man muss ja nicht mal zu den drei grünen Büchern greifen. Man muss dazu nur einmal gucken, wer im Herrn der Ringe einen Palantir benutzt hatte. Sauron hatte einen. Er benutzte ihn, um andere Benutzer zu manipulieren. Beispielsweise Saruman. Nach einer Palantírkonferenz (beim Gedanken, dass Sauron sagt „Kann man mich hören?” und Saruman antwortet „Du bist noch auf Mute”, muss ich mehr schmunzeln, als mir lieb ist) hebt dieser eine Orkarmee aus und gestaltet Isengart und umzu so um, dass später die Ents sehr deutlich ihre Meinung dazu äußern. Dann haben wir Peregrin Tuk. Von Gandalf nicht ganz unbegründet gerne auch närrischer Tuk genannt, obschon er am Ende in sein Heldentum gestolpert ist.3 Er stand nach dem Blick in den Palantír für kurze Zeit auf der Most-Wanted-Liste von Sauron und wurde zu seinem eigenen Schutz nach Minas Tirith zu Denethor gebracht. Denethor II. Der Tomaten essende Denethor. Nunja. Denethor wird durch den Palantír so verzweifelt, dass er am Ende versucht, Faramir auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen und später selbst durchs Feuer (oder den folgenden Sprung) ums Leben kommt. Bringt ja eh alles nichts mehr.

Der Einzige, der unbeschadet in einen Palantír blickt, ist Aragorn. Der setzt den Palantír quasi als Waffe der psychologischen Kriegsführung ein: Guck mal, hier ist Andúril. Und nun gibt’s was auf die Kauleiste. Konnte ja keiner ahnen, dass Aragorn mit Saurons Mund zunächst einmal die Kauleiste überhaupt treffen würde.

Ich habe das ganz dumpfe Gefühl, dass jene Menschen, die gerne in den realen Palantir gucken würden, eher an Viggo Mortensen und seinen Aragorn denken als an den närrischen Tuk. Und sowieso schon mal gar nicht an die drei Palantír-Nutzer, die die Auseinandersetzung um einen Ring nicht überleben.


  1. tagesschau.de veröffentlichte im März 2026 einen Artikel über die Neigung, sich durch Aneignung von Tolkien auf die „gute Seite” stellen zu wollen. Das erinnerte mich daran, dass ich meinen Gedanken, den ich Mitte letzten Jahres im Fediverse schrieb, noch auf mein Blog holen wollte. Dies sei hiermit geschehen. 

  2. Die Firma wird tatsächlich mit i und nicht mit í geschrieben. 

  3. Ich bin mir aber sicher, dass sich Diamond sehr lange jede Nacht anhören durfte, wie Pippin im Schlaf über eine gar gruselige Kugel sprach. Postpalantírische Belastungsstörung. 

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Joerg Moellenkamp

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