Normalerweise findet die Wahl für den Wahlbezirk, in dem ich am Sonntag als Wahlhelfer eingesetzt war,1 in einer Kirche statt. Oder vielmehr in Räumen der Gemeinde, die direkt an die Kirche angeschlossen sind. Diese Räume werden aber momentan renoviert. Das nächste öffentliche Gebäude, das genügend Platz bietet, ist die Igelschule – die Grundschule hier im Stadtteil. Ich bin da schon häufiger vorbeigefahren, war aber nie in dem Gebäude. Warum auch?2

Mir ist ja schon als Wähler aufgefallen, dass Grundschulen einen ganz wesentlichen Nachteil als Wahllokal haben. Die Möbel sind schlichtweg nicht für Menschen gedacht, die etwas größer sind. Ist ja auch klar, hier lernen kleine Menschen. Im Stehen wählen bedeutet da oft, sich weit runterzubeugen. Sitzen bedeutet, sich hinter diesen Tisch zu klemmen.

Als Wahlhelfer? Die Hölle, wenn man da für Stunden sitzt. Viel zu kleine Tische, viel zu kleine Stühle. Und man wartet einen halben Tag, dass die Wähler kommen.3 Ich habe irgendwann den Stuhl der Lehrkraft gesehen und ihn mir geschnappt. Welch Wohltat für den Allerwertesten.

Gleichzeitig fühlt man sich in die Vergangenheit zurückversetzt. An einer Tafel steht „Mathe dannundann“. Ich hatte für einen Moment den Geruch des muffigen Tafelschwamms in der Nase, obwohl diese Schule mit diesen neumodischen Smartboards ausgestattet ist. Wir waren dort zu Gast, haben uns den Raum von den Schülern für einen Tag geliehen.

Am Rande

Mehr Leute als beim letzten Mal haben sich diesmal bei uns dafür bedankt, dass wir als Wahlhelfer da waren. Keksschachteln sollte man nicht auf den Tisch stellen. Scheint als Einladung zu wirken. Niemand, der versuchte, eine politische Diskussion anzuzetteln, den wir darauf hätten hinweisen müssen, dass diese an dem Ort deplatziert ist.

Alles viel komplizierter

Ich habe ja zur Bundestagswahl letztes Jahr viel geschrieben. Beispielsweise, wie es war, das erste Mal nicht nur zu wählen, sondern auch zu helfen. Oder wie ich das Konzept wahrgenommen habe, mit dem die Integrität der Wahl gesichert wird. Und all das gilt ja immer noch.

Eingesetzt war ich als Schriftführer. Unter anderem also den ganzen Tag Leute auf einer Liste abhaken. Und immer mit der Sorge, nicht in der falschen Reihe jemanden abzuhaken. Das macht einen wirklich ein wenig nervös.

Denn ein solcher Fehler macht die möglicherweise folgende Situation meines Wissens gelinde gesagt „komplex“. Ich hatte mir schon vorher dazu Gedanken gemacht und es mir diesmal angewöhnt, dass wir (die Wahlhelferin, die die Identitätskontrolle gemacht hat, und ich4) im Vier-Augen-Prinzip aufs Abhaken geguckt haben und ich sowohl vor als auch nach dem Haken die Nummer des Wählers im Wählerverzeichnis genannt habe. Ich glaube, das hat sehr zuverlässig dieses Problem vermieden.

Trotzdem gab es diesmal Neues für mich als Helfer: Es war eine Kommunalwahl. In Niedersachsen heißt das, dass man kumulieren und panachieren kann. Normalerweise gilt ja das pythonische Dogma „Und jeder nur ein Kreuz …“ für eine Wahl. Gegebenenfalls sind auch zwei Wahlen auf einem Zettel (bspw. Wahl für einen Direktkandidaten und Wahl für die Liste wie bei der Bundestagswahl).

Bei der Wahl zum Kreistag und zum Gemeinderat hat man in Niedersachsen drei Stimmen. Und die kann man halt kumulieren und panachieren. Kumulieren heißt nichts anderes, als alle drei oder auch nur zwei Stimmen einer Liste oder einer Person zu geben. Panachieren ist die Verteilung der Stimmen auf verschiedene Listen oder Personen. Also eine Stimme für Herrn A, eine Stimme für Frau B und eine Stimme für die Partei „Befreit den Nordpol vom Packeis“.

Das bedeutet, man sitzt vor einem möglicherweise sehr dicken Stapel etwa zeitungsgroßer Stimmzettel und zählt diese aus. Nicht MoPo-Format. Das wäre ja noch nicht viel. Der Zettel ist deutlich größer. Etwas kleiner als das Nordische Format, also „Die Zeit“ beispielsweise. Weil man auch drei Kreuze bei einer Liste oder einem Kandidaten machen kann, gibt es bei jedem dieser Einträge drei Kreise für die Kreuze. Und diese Kreise sind nicht eben groß. Man muss höllisch aufpassen, dass sich da nicht noch ein viertes, fünftes oder wasweißichstes Kreuz irgendwo versteckt. Nach 200 dieser Zettel wird’s zäh. Nach 300 Zetteln anstrengend.

Aber was jammere ich: Ich musste mir wenigstens nicht mit völliger Ernsthaftigkeit Papierschnitzel angucken, die von Lochkarten herunterhingen.5 Es geht immer noch deutlich schlimmer. So schlimm, dass ich schon wieder davon schreibe, dass ich mich damit nicht auseinandersetzen musste.

Du hast drei Stimmen

Ich hätte da einen Hinweis: In Niedersachsen gilt, dass ein nicht gemachtes Kreuz eine verschenkte Stimme ist. Ein Kreuz meinetwegen bei der Partei „Bündnis bibeltreuer Anarchisten“ bedeutet genau das. Ein Kreuz, eine Stimme, zwei Stimmen verfallen. Der Stimmzettel ist nicht ungültig. Das wird er erst bei null Kreuzen oder mehr als drei Kreuzen.6

Aber das ist – man verzeihe mir den Ausdruck – die wohl unfreiwilligste Art, einer anderen Partei einen Vorsprung zu geben, wenn das Verfallenlassen nicht die Intention des Wählers war. Man kann das machen. Aber man sollte sich der Konsequenzen bewusst sein, wenn man Stimmen verfallen lässt. Ob das wirklich der Wille ist, den man als Wähler ausdrücken möchte. Wir haben von Gesetzes wegen genau eine Möglichkeit, das zu zählen.

Drei Kreuze zu machen sollte eigentlich immer gehen.7 Zur Not halt alle Stimmen für einen Kandidaten. Ihr habt drei Stimmen. Nutzt sie. Ich habe mir vorgenommen, das beim nächsten Mal in fünf Jahren jedem kurz zu sagen.8 So im Sinne von „Sie haben drei Stimmen. Bedenken Sie, dass wir stur Kreuze zählen. Ein Kreuz, eine Stimme. Zwei Kreuze, zwei Stimmen. Drei Kreuze, drei Stimmen.“9 Ich hege nämlich die Vermutung, dass diese Spezialität des Wahlrechts nicht jedem bekannt ist. Aber das ist ja meines Wissens erst 2031 wieder so weit. Viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

Nächstes Mal

Ich schrieb ja schon „nächstes Mal“. Nächstes Jahr ist Landtagswahl. 2029 sind sowohl die nächste Bundestagswahl als auch die Europawahl. Wobei ich mir bei Ersterer momentan nicht so sicher bin, dass das noch so weit in der Zukunft liegen wird. Es gibt da so ein unbestimmtes Grummeln in der Magengegend, dass spätestens 2028 eine Neuwahl anstehen wird. Ich werde definitiv dabeibleiben und auch dann zusagen, dass ich bei der Wahl helfen werde.

Jetzt ist allerdings erst mal die Stichwahl. Ich werde in knapp zwei Wochen wieder viele Stunden auf einem viel zu kleinen Stuhl hinter einem viel zu kleinen Tisch sitzen. Ich hoffe, dass ich mir nächstes Mal wieder den großen Stuhl greifen kann. Ich habe mir schon überlegt, wie ich dann die Liste führen werde, um Fehler zu vermeiden. Vielleicht notiere ich einfach die vorgelesene Wählernummer auf einem Schmierblatt. Als zusätzliche Kontrolle.10

Postscriptum

Gespendet habe ich meine Wahlhelferentschädigung (also known as Erfrischungsgeld) wieder der Kindertafel Lüneburg.

Zum Wahlergebnis äußere ich mich nicht in diesem Artikel. Wer mich kennt, weiß, wie ich das sehe.


  1. Es war derselbe wie bei der Bundestagswahl. 

  2. Ich glaube, das letzte Mal, dass ich in einer Schule war, war zur Feier meines Abiturs. Ich habe den Horror der Elternsprechtage und Elternvertreterwahlen nicht mitmachen müssen. 

  3. Ihr Wähler, ihr Wähler,
    kommet doch rein.
    Macht eure Kreuze
    und werfet sie ein.11 

  4. Es gibt quasi eine Pipeline. Vereinfacht: Wahlbenachrichtigung überprüfen und ID-Kontrolle → Wahlberechtigung anhand der Liste prüfen und abhaken → Stimmzettelausgabe → Beobachtung des Wahlraums, ob alles richtig vor sich geht (und das schließt ein, darauf zu achten, dass bei vier verschiedenen Stimmzetteln jeder Zettel in die richtige Urne gelangt). 

  5. Hach, wer erinnert sich nicht an die „hanging chads“ floridianischer Ausprägung um die Jahrtausendwende. Es gab auch noch die Geschmacksrichtungen „dimpled“, „pregnant“ und „swinging door“. Ich wäre nach drei oder vier Stunden wahrscheinlich einfach rausgerannt und hätte „Hasch mich!“ geschrien. 

  6. Wir haben keine Möglichkeit herauszufinden, welche drei deiner Kreuze du gezählt wissen möchtest. Fragen können wir dich nicht. So von wegen „geheime Wahl“. Es ist so auch in § 30a im niedersächsischen Kommunalwahlgesetz vorgegeben: „Enthält ein Stimmzettel mehr als drei Stimmen, so sind alle diese Stimmen ungültig.“ Four crosses and you’re out …12 

  7. Immerhin gelten drei Kreuze als Handzeichen analphabetischer Personen, das unter bestimmten Umständen bis heute als Unterschrift gültig ist. 

  8. Notiz an mich selbst: Dran denken! 

  9. Ich werde das natürlich mit dem oder der Wahlvorsteher*in meines Bezirks vorher absprechen. Ohne dessen oder deren „Okay“ mach ich erst mal gar nichts. 

  10. Auch hier wieder: „Nich ohne meinen Wahlvorsteher.“ 

  11. Ja, ich hatte am Sonntag das erste Mal dieses Jahr Spekulatius. Merkt man das? Ich muss noch auf einem Zimt-Kardamom-High sein. 

  12. Ja, es gibt allerdings eine Ausnahme im selben Paragraphen: „Werden jedoch bis zu drei Stimmen für eine Bewerberin oder einen Bewerber oder mehrere Bewerberinnen oder Bewerber derselben Liste und weitere Stimmen für diese Liste abgegeben, so sind nur diejenigen für die Liste abgegebenen Stimmen ungültig, durch die die Gesamtzahl von drei Stimmen überschritten wird.“ Es bleibt also auch in diesem Fall bei drei Stimmen, auch wenn mehr als drei Kreuze auf dem Stimmzettel sind. 

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Written by

Joerg Moellenkamp

Personal opinions, observations, and thoughts