Version in English

Ich habe letzten Dezember angefangen, eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die an einem Tag im November 2018 mit einer Diagnose begann. Es sind bisher neunzehn Kapitel geworden in dem Versuch, aufzuschreiben, was seit diesem Tag passiert ist. Dies ist nun der zwanzigste Teil. Und es ist der letzte.

Die Schere an Mnemosynes Tüdelband1

Ich habe bis heute sehr lebhaft diesen fast völlig dunklen Raum vor Augen. September, der Dreißigste. Morgens, kurz nach sechs. Vor einem Jahr. Kurz bevor ich in den Vorbereitungsraum für die Operation geschoben wurde. Der Vorbereitungsraum war sehr hell. Der Schein, der durch die offene Tür strahlte, tauchte den Vorraum, in dem ich wartend lag, in ein merkwürdiges Licht.

Das Licht blendete mich ein wenig, als ich Minuten später im Vorbereitungsraum lag. Geräte neben mir. Es ist die letzte Erinnerung an das „Davor“. Ich weiß nicht mehr, welche Worte der Arzt dann noch sprach. Ob ich antwortete.

Die erste Erinnerung an das „Danach“ ist die tiefstehende Sonne an einem neblig erscheinenden Himmel, als ich auf der Intensivstation lag. Ein Moment, von dem ich bis heute nicht aus eigener Erinnerung weiß, ob er einen oder zwei Tage später war.2 Ob der Nebel in meinem Kopf war oder wirklich in der Luft.

Beide Momente rahmen ein „Dazwischen“ ein, an das ich keine Erinnerung habe. Ich habe im letzten Jahr versucht, diese Lücke zu füllen. Ohne großen Erfolg.3

Die nicht zu füllende Lücke

Einige wenige Fragmente habe ich mittlerweile zusammensetzen können. Aber das sind alles nicht meine Erinnerungen. Ich habe sie den Berichten entnommen, den Rechnungen, den Erzählungen der Menschen um mich herum. Es sind geliehene Erinnerungen. An echter Erinnerungen statt.

Im Jahr seit der Operation habe ich mehrfach die Berichte zur Hand genommen. Um noch etwas Neues zu finden, das mir bisher vielleicht nicht aufgefallen war. Um der Lücke wenigstens eine Struktur zu geben, wenn sie schon nicht zu füllen ist. Aber auch als Kontrast zum Heute, um zu sehen, wie weit ich tatsächlich gekommen bin in diesem Danach. Ich habe diesen Versuch mittlerweile aufgegeben, da ist nichts mehr hervorzuholen.

Ich musste sehr aufpassen, dass fremde Erinnerungen nicht zu meinen wurden. Dass Bilder, die man in Videos gesehen oder auf Webseiten gefunden hat, nicht plötzlich ins eigene Erinnern eingebaut werden, weil der Kopf versucht, eine Lücke zu schließen, und sich alles greift, dessen er habhaft werden kann.4 Die Natur verabscheut ein Vakuum, das Gehirn anscheinend erinnerungslose Leerstellen.

Meine eigenen Erinnerungen an dieses „Dazwischen“ sind unwiederbringlich weg. Nein, sie sind nie entstanden. Und das hat mich im vergangenen Jahr mehr mitgenommen als fast alles andere. Die Anzahl der bewussten Tage ist endlich, und mir fehlen zwei … oder vielleicht drei.5

Ich weiß natürlich, dass diese Lücke durch die Narkosemedikamente entstanden ist. Dass diese Lücke sogar eine wünschenswerte Folge der Narkose ist. Man muss sich in diesem Zusammenhang nicht an alles erinnern. Dadurch wird aber die Lücke nicht leichter zu akzeptieren.

Die Ironie ist, dass ich gleichzeitig bei mindestens einer Erinnerung froh bin, dass ich sie nicht habe. Die Extubation nach der Operation wird als sehr unangenehm beschrieben. Das mag sein. Ich weiß es nicht. Weil ich mich nicht erinnern kann. Auch ein Jahr später wurde ich nicht durch eine Erinnerung daran überrascht. Und für diese eine Lücke bin ich dankbar.

Danach

Die Erinnerungen an die ersten Tage nach der OP sind lückenhaft. Ich erinnere mich noch, wie eine ganze Gruppe Ärzte plötzlich vor meinem Intensivbett stand. Der Moment, in dem ich vom Hemiarch erfuhr. Ich weiß, dass das meine Erinnerung ist, weil ich in dieser Erinnerung eine Sprechrolle hatte. Ich habe einige wenige Worte gesagt. So vollständig setzen meine Erinnerungen erst ein bis zwei Tage später wieder ein. Aber vielleicht habe ich auch den Rest der Zeit einfach geschlafen.

Dieses Danach ist nicht einfach. Vielleicht, weil die Zeit mit einer Katastrophe für einen anderen Menschen6 begann. Aber: Ich habe zum zweiten Mal in zwölf Monaten gesehen, wozu die Medizin fähig ist. Und ich bin genauso wie beim ersten Mal dankbar dafür.7

Dabei war mein eigener Weg auch so schon verschlungen genug. Wenn ich zurückblicke, lässt sich das Jahr in vier Abschnitte aufteilen. Jeder etwa drei Monate lang. Jeder mit seiner eigenen Überschrift. Die ersten drei Monate waren die Zeit der körperlichen Heilung, der Reha, meiner Arbeitsunfähigkeit.

Die nächsten drei Monate waren eine Phase des Begreifens, dass die Operation nun tatsächlich hinter mir liegt. Ich hatte mir auch diese drei Monate gegeben, um wieder in den Rhythmus meiner Arbeit zu kommen. Damit war mein Plan, den ich mir in den Wochen vor der OP gemacht hatte, erfüllt.

Doch dann verbrachte ich weitere drei Monate in einem Tal, das sich ebenso überraschend wie erwartbar auftat. Überraschend, weil ich nach der Operation und der völlig unauffälligen Nachsorgeuntersuchung nicht damit gerechnet habe. Erwartbar, weil die Auseinandersetzung mit einer so existenziellen Situation nicht ohne Spuren bleiben kann. Und diese kommen genau dann zum Vorschein, wenn sie nicht mehr von der Last der vergangenen Monate verdeckt werden. Ich hatte keinen Plan für diese Zeit, weil ich nicht glaubte, einen zu brauchen.

Dieses Zwischenhoch mit anschließendem Tal erkennt man auch sehr gut an diesem Blog. Die ersten drei Monate dieses Jahres waren im Blog von einem fast – aber auch nur grenzwertig fast – wahnhaften Output geprägt. Ich konnte zu der Zeit nicht schlafen und hatte viele wache Stunden. Die nächsten drei Monate wurde es sehr ruhig hier im Blog. Ich war mehr mit mir selbst beschäftigt und damit, auf dem Niveau, das ich primär von mir selbst erwartete, im Beruf zu funktionieren, als mit dem Blog. Oder dem restlichen Leben.

Wenn ich einen letzten Rat in dieser Serie geben darf: Lasst euch Zeit nach einer solchen Operation. Es ist unrealistisch, nach einer solchen Erfahrung einfach wieder leichtfüßig durch die Welt zu tanzen. Es ist unrealistisch, zu denken: „Drei Monate Heilung, drei Monate Wiedereingliederung, und dann ist schon wieder alles okay“. Nein. Ist es nicht. Man braucht Zeit, um das alles zu verarbeiten und zu verstehen. Der Tanz durchs Leben ist zunächst mal ein langsamer. Er wird erst mit der Zeit schneller. Mein Kopf hat sich die Zeit genommen, ob ich wollte oder nicht. Seid nicht zu überrascht, wenn euer Kopf dasselbe fordert.

Die letzten drei Monate waren dann endlich der erhoffte und nunmehr fassbare Aufbruch in diese neue Zeit. Ich nahm einen langen Urlaub im August, von dem ich erst am Ende so richtig gemerkt habe, wie notwendig er war.

Auch wenn es so klingen mag, war das kein plötzlicher Prozess. Weder war in den Monaten davor alles schlecht, noch wurde alles aus heiterem Himmel einfach gut. Man muss den Weg aus dem Tal heraus schon noch selbst laufen und zur Spitze ist es noch ein gewisser Weg. Aber ich sehe sie. Vor mir. Gefühlt schon zum Greifen nah.

Folgen

All das blieb nicht ohne Auswirkungen auf mich. Die Schwierigkeiten und Sorgen dieser Zeit führten mich allzu häufig zur geöffneten Kühlschranktür. Irgendwann war ich bei 134,6 kg8.

Ich habe bis Juli dieses Jahres gebraucht, um einen Weg daraus zu finden. Ich danke Brendan Fraser dafür, dass er mir vor Augen geführt hat, welchen Weg ich da eingeschlagen hatte. Es war der 8. Juli. An jenem Abend habe ich mir den Film „The Whale“9 angesehen. Am folgenden Tag begann das Abnehmen.

Wie nötig das war, habe ich gesehen, als ich Mitte August meinen neuen Personalausweis abgeholt habe. Oder wie das kleine Plastikkärtchen bei mir auch heißt: das Mahnmal. Ernsthaft … ich habe das nicht alles überstanden, um mich jetzt in den gesundheitlichen Verfall und anschließenden Tod zu fressen.

Ich habe wie immer einen Tritt in den Hintern gebraucht, um etwas zu ändern. In diesem Fall habe ich einen Film gebraucht, um zu merken, dass mein Handeln im Grunde selbstzerstörerisch war.

Mein Ausbruch aus dieser Spirale war bisher erfolgreich. Wieder in der mir eigenen Art. Extrem. Meine erste Operation konnte nicht einfach ein Blinddarm sein. Oder ein gebrochener Knochen. Es musste gleich die Aorta werden.10 Das große Besteck medizinischer Kunst. Ich konnte nicht einfach ein bisschen Radfahren. Es mussten zehntausende Kilometer werden in den Jahren vor meiner Operation. Ich konnte jetzt nicht einfach nur langsam mein Gewicht reduzieren. Es mussten 20 kg in knapp drei Monaten werden.

Ich bin bei 113,9 kg. Es liegen immer noch weitere 20 kg vor mir. Aber wenn ich so weitermache wie bisher, bin ich wahrscheinlich ausgerechnet zum großen Weihnachtsfressen11 dort, wo ich sein will. Wo ich schon mal war, etwa zehn Monate nach jenem November 2018, in dem ich die Diagnose erhielt.

Wo ich wieder sein werde.12

Wie geht es dir?

Wie geht es mir ein Jahr nach der Operation? Das ist eine schwierige Frage, wenn man sie vollständig beantworten will. Ich möchte sie zunächst zusammenfassend beantworten: Es geht mir gut. Kann man nicht anders sagen. Höchstens ein leises Jammern auf sehr hohem Niveau.

Dieser Teil der Antwort ist einfach. Aber da fehlt so manche Nuance. Ich schrieb am Anfang der Serie, dass ich eine Krankheit habe, die andere nicht sehen können und die ich nicht merke. Das Merkwürdige ist: Ich hatte eine Operation und merke davon ebenfalls nichts. Ich gehöre zu jenen Menschen, die diese Operation bis jetzt sehr gut überstanden haben. Nicht selten, aber ganz und gar nicht selbstverständlich.

Ja klar, ich weiß natürlich rational, dass ich eine Rohrprothese im Körper habe. Es ist immer noch die Narbe, die mich jeden Tag, meist am Morgen, an die Operation erinnert. Vor dem Spiegel beim Zähneputzen nach dem Duschen. Ich weiß, dass mich diese Narbe bis an mein Ende an diese Operation erinnern wird. Sie wird vielleicht noch ein wenig verblassen, aber sie wird bleiben.

Ich denke aber kaum daran, dass ich jetzt einen Implantatausweis mit mir rumtrage. Ich denke eigentlich gar nicht darüber nach – na ja, fast. Ich kann ja durch die Rohrprothese nicht mehr oder weniger als vorher. Ich verfluche sie genauso wenig, wie ich sie preise. Es geht einfach weiter. Sie ist da. Mehr nicht. Und dass man jetzt einen Dacron-Schlauch in sich hat, ist etwas, das als Gedanke so seltsam ist, dass ich ihn kaum habe. Er stellt sich beim Versuch, ihn zu denken, quer.13

Da meine Aortenklappe weiterhin ein Originalteil ist, erinnert mich auch kein Klicken an diese Operation, das jene Wochen im Herbst des letzten Jahres immer wieder hervorholen würde. Klick. Du bist operiert worden. Klick. Du bist operiert worden. Klick. Ich bin aus tiefstem Herzen dankbar, dass dieser Kelch an mir vorübergegangen ist.

Ich habe das Risiko, an einer Ruptur zu sterben, durch die Operation ausgeschaltet. Aber Risiken kann man nicht anfassen, sie sind nicht greifbar. Sie sind unbestimmt. Eine Drohung für die Zukunft. Wegen des Aneurysmas, das 2018 gefunden wurde, werde ich wohl nicht mehr vor meiner Zeit von der Bühne abtreten. Damokles hat das Schwert über ihm eingepackt, hat Feierabend gemacht und ist von dannen gezogen.

Die Operation rückt für mich immer mehr in den Hintergrund. Und das ist gut so. Auch wenn es sich komisch anfühlt, dass etwas so Großes plötzlich einen so kleinen Raum im Denken einnimmt. Sieben Jahre lag sie unausweichlich in der Zukunft. Nun ist sie in der Vergangenheit. Vielleicht auch, weil sich die Sorgen um andere Menschen an diesen Platz gedrängelt haben. Vor allem aber, weil etwas, das lange Zeit einen großen Teil meines Denkens eingenommen hat, jetzt schon ein Jahr hinter mir liegt und ich nun loslassen möchte.

Veränderung

Aber irgendwas muss sich doch verändert haben? Ja, hat es. Ich habe mich verändert. Wieder einmal. Ich schrieb, dass mich die Angst zwischen 2018 und 2025 verändert hat. Dass mich alles, was in diesen Jahren passiert ist, für lange Zeit geprägt hat. Mehr von anderen als von mir bemerkt. Nicht unbedingt zu meinem Vorteil, wie mancher Mensch merken musste. Jene Veränderungen durch die Angst sind immer noch da, noch sichtbar, aber sie verblassen zunehmend wie die Narbe.

Ich werde nie wieder der sein, der ich vor 2018 war. Ich vermutete das schon letztes Jahr im Dezember, als ich anfing, den Bericht über meine persönliche Reise zu veröffentlichen. Doch heute weiß ich es sicher.

Denn auf den Fundamenten des Alten entstand und entsteht wieder jemand Neues. Der eigenen Endlichkeit bewusster. Aber auch mit weniger Angst, viel weniger Angst. Mit all den Erfahrungen der letzten, jetzt fast acht Jahre seit der Diagnose, die zum Teil sehr existenziell waren. Ich habe Perspektive gewonnen, manches ist auf ein realistisches Maß geschrumpft, anderes hat mittlerweile den Platz bekommen, den es von vornherein verdient gehabt hätte.

Es ist der Verlust des Gefühls der Selbstverständlichkeit, der einen verändert: dass man nichts voraussetzen darf. Nicht einmal das Leben selbst. Ich existiere im Gewebe meiner Beziehungen zu anderen Menschen. Ich bin darauf angewiesen, selbst wenn ich von mir behaupte, dass ich auch gut alleine durch die Welt komme.

Wenn wir ganz unten sind, wenn wir uns nicht mal selbst die Hände waschen können, wenn wir nicht einmal Erinnerungen aufbauen können, wenn sogar die Bettkante ein Ort ist, den wir nur mit Hilfe wieder für uns einnehmen können, sind es andere Menschen, die uns wieder aufbauen. Familie, Freunde, Krankenpfleger*innen, Therapeut*innen, Kolleg*innen, Ärzt*innen. Das nicht nur rational zu wissen, sondern auch emotional in dieser rohen und existenziellen Weise zu erfahren – das ist die größte Veränderung, die einem eine solche Situation schenkt. Ja, schenkt. Denn es ist eine wertvolle Erfahrung.

Ansonsten bin ich weiterhin Jörg, ich mache mir weiterhin an mancher Stelle viel zu viele Gedanken. Das war auch schon vor der Operation so. Und ist auch so geblieben. Ich wurde schließlich an der Aorta operiert, nicht am Kopf. Die Gedanken gelten heute nur anderen Dingen.

Und nun? Wohin geht es? Auch eine gute Frage. Weiter! Aber das ist Stoff für jene Artikel, in denen ich auf das vergangene Jahr zurückblicken werde. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass alles Weitere einen besonderen Platz benötigt. Oder haben sollte.

Ich werde in Zukunft nicht mehr so häufig zum Arzt müssen. Einmal pro Jahr zum Kardiologen für einen Ultraschall, alle paar Jahre mal für eine Computertomographie ins Krankenhaus, in dem ich operiert wurde. Um zu gucken, ob noch alles sitzt, wo es sein sollte. Nicht mehr das Hangeln von Ultraschall zu MRT zu Ultraschall in jedem Jahr. Jedes Mal mit der Sorge, dass es jetzt so weit sein könnte. Mein nächster Termin ist tatsächlich erst im Sommer nächsten Jahres. Viel Zeit ohne bohrende Gedanken bis dahin. Das Gefühl, ein Stück weit auf geliehener Zeit14 zu leben, ist vorübergegangen.

Und sonst so? Ich lasse mich nicht mehr zu jedem Tanz auffordern. Nur noch zu jenen, die für mich wirklich eine Bedeutung tragen. Viele andere Tänze, die mir groß und wichtig erschienen, sind für mich heute nichtig und klein.15 Ich hätte mich unter den gleichen Umständen heute nicht mehr auf den Weg nach Koblenz gemacht.

Ende dieser Reise

Als ich im November 2018 die Diagnose bekam, dachte ich vor dem Krankenhaus, dass nun alles zu Ende sei. Dann erwachte mein Trotz. Die Jahre bis zur Operation waren schwierig, ich war schwierig.16 Aber es war auch eine Zeit voller schöner Momente. Der Höhepunkt der Geschichte war nun vor einem Jahr.

Bei allem, was passiert ist, bei allem, was heute ist, bei allem, was war, ist es aber noch schwieriger, eines im Kopf zu halten.

Jenen Satz, den meine Hausärztin sagte: „Sie sind noch da!“ Und das habe ich im November 2018 nicht als gegeben angesehen. Als diese Reise begann. Vor dem Krankenhaus in Koblenz.

Tolkien sagt durch Bilbo: „Es ist eine gefährliche Sache, Frodo, aus deiner Tür hinauszugehen. Du betrittst die Straße, und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.“

Nein. Wissen konnte man es nicht. Nur stellte sich nach all dem das Gefühl ein, dass trotz allem auch ein solcher Weg Schönes und Wichtiges beinhaltet und am Ende der Reise genügend passiert ist, dass es wert ist, erzählt zu werden.

Mit diesem letzten Text dieser Geschichte lasse ich diese Reise jetzt hinter mir. Euch allen, die ihr die ganze Reihe gelesen habt, danke ich dafür, dass ihr mich auf diese Weise begleitet habt. Ich werde auch in den nächsten Jahren den 30. September feiern. Aber nicht mehr die überstandene Operation, sondern die Freude, dass mir Familie und Freunde beigestanden haben.

Eine andere Reise startet jetzt. Sie kann starten.

Denn ich bin noch da.


Nachwort

Seufz, so ganz konnte ich dann doch nicht die Finger von diesem Text lassen. Das ist vielleicht normal für einen Text, an dem man recht lange gearbeitet, gefeilt und poliert hat.17 Weil man in einem letzten Text einer Serie alles richtig sagen möchte. Weil immer noch Gedanken darum streiten, es in den Text zu schaffen.

Es gibt Momente in Filmen und Serien, die einen in besonderer Weise berühren. In denen man sich seltsam verstanden fühlt. In denen man hofft, dass die Autoren einer fiktiven Figur wohlgesonnen sind. Einen solchen Moment hatte ich mit „The Pitt“.18 Ich mag diese Serie wirklich sehr.19

Wer die Serie noch nicht gesehen hat und keinen Spoiler zu zwei Nebensträngen lesen will, sollte nun aufhören zu lesen. Die großen Dinge werde ich aber nicht verraten.

In der zweiten Staffel gibt es den mit Dr. „Robby“ Robinavitch befreundeten Patienten Duke, der, wie sich im Laufe der Folgen herausstellt, ein thorakales Aortenaneurysma hat.20 Mehr oder minder also mein Problem, nur dass meines asymptomatisch war. Dukes Aneurysma wird bis zum Ende der Staffel nicht operiert. Obwohl ich natürlich weiß, dass das kein echter Fall ist, frage ich mich ab und an, wie es mit diesem Menschen in der nächsten Staffel weitergeht.

Ich würde mir wünschen, dass dies nicht den typischen Serien-Klischees folgt. Die heldenhafte Operation einer Empfangskraft, die in ihrer Heimat Polen eigentlich eine Gefäßchirurgin war. Der bemühte Arzt, die brillante Ärztin, die es doch nicht schaffen, den Patienten zu retten. Sondern wie es meistens in der wirklichen Welt bei einer elektiven Operation ist: ein Duke, der nach acht Stunden Operation einige Tage später auf seinem Bett liegend Eis isst.

Ich beende Texte gerne mit einem Verweis auf Musik. Musik ermöglicht es, Dinge zu sagen, die man nicht selbst ausdrücken kann oder möchte. Das Lied, mit dem die zweite Staffel endet,21 ist „Thousand“ von Rosie Carney feat. Lisa Hannigan. Es endet damit, dass es Gründe gibt zu gehen, aber tausende, um zu bleiben. Amen!22

Die Szene, in der dieses Stück gespielt wird, ist eine der schönsten Szenen, die ich in einer Serie gesehen habe. Dr. Robby hört ein Kind schreien, das von seiner Mutter zurückgelassen wurde. Er löst den Krankenpfleger ab, legt sein Telefon, auf dem das Stück läuft, neben das Kind, nimmt es hoch und tröstet es. Mit Worten, die genauso für ihn gelten könnten. Er sagt dabei unter anderem: „Sollen wir dich noch mal einmummeln? … Ich wünschte, mich würde auch jemand so schön einmummeln.“ Und wenn man all das, von dem ich in den letzten zwanzig Teilen geschrieben habe, hinter sich hat, blickt man auf den Fernseher, verfolgt diese wunderschöne Szene und denkt sich: Ja, genau. Manchmal schon.

Auch wenn man eigentlich längst aus der Einmummelzeit raus ist.


  1. Die Moiren hatten ihre Brillen nicht auf und dieses verworrene Tüdelband gekappt statt meines Lebensfadens. Puh. Gute Sache, das. Finde ich. ↩

  2. Die Rechnung für meinen Krankenhausaufenthalt verortet mich für den 1.10. bereits auf der Normalstation und nicht mehr in der Intensivpflege. Ich gehe daher davon aus, dass es einen Tag nach der Operation war und die aufgehende Sonne mir da ins Gesicht schien. Die Richtung würde passen. Sicher? Sicher bin ich mir nicht. Aber ich glaube nicht, dass ich bereits am selben Tag auf die Normalstation gekommen bin. ↩

  3. Ich hoffe nur, dass ich während des Aufwachens nichts allzu Peinliches23 gesagt habe. ↩

  4. Ich frage mich seitdem, inwieweit die Berichte „Ich kann mich an Dinge erinnern, die passierten, während ich im Koma lag“ nicht Erzählungen von Angehörigen sind, die wie eigene Erinnerungen integriert wurden. Genauso wie ich nicht sicher unterscheiden kann, ob Erinnerungen an die früheste Kindheit meine Erinnerungen sind oder Erinnerungen meiner Eltern, die zu meinen wurden. ↩

  5. Wenn man es positiv sehen will – Zeitreisen sind möglich: Du bekommst eine Infusion. „Tadaaa“ … schon bist du zwei Tage in der Zukunft. ↩

  6. Es ist ein Mensch in meiner näheren Umgebung, keine nur entfernt bekannte Person. Mehr möchte ich dazu nicht schreiben. Es ist nicht meine Geschichte. ↩

  7. Ich bleibe dabei: Krebs ist ein Arschloch! Selbst wenn die Medizin ein Todesurteil in Lebenslänglich umwandeln kann: chronisch krank, aber am Leben. Auch wenn es vielleicht nur für eine Zeit ist. Ich hoffe so sehr, das es für geraum Zeit ist. Ich wurde durch meine Krankheit zu einem Laienexperten für Aortenprobleme. Mittlerweile weiß ich viel zu viel über den Krebs, der das Leben jener Person verändert hat. Noch mehr Wissen, das ich nie haben wollte. ↩

  8. Was selbst größenkorrigiert (Trefethen-Verfahren) einem BMI von 34,26 entsprach. Und das war auf keinen Fall mehr haltbar. ↩

  9. Ein hervorragender Film über einen Menschen, dem sein Leben nach einem Schicksalsschlag völlig entgleitet. Er gerät ins ungezügelte Essen. Mehr mag ich nicht verraten. Emotional äußerst schonungslos. Ein Film, auf den man sich einlassen muss. Was vermutlich notwendig ist, wenn man verstehen will, warum ich so heftig darauf reagiert habe. ↩

  10. Wobei … ich habe mir das verdammt nochmal nicht ausgesucht. ↩

  11. Das habe ich mir dann aber auch verdient. Nicht weil ich mich damit belohnen will. Sondern weil ich bei diesem Fest an meine Familie und Freunde denken will. An jene Menschen, die mich getragen haben in dieser Zeit. Aber auf keinen Fall daran, doch jedes Fitzelchen in Kaloriendingens einzutragen. ↩

  12. Jener Zeit, in der ich mich trotz des in mir schlummernden Problems in meinem Körper so wohl gefühlt habe wie nie zuvor. Wer darin einen Sinn findet, möge ihn mir erklären. Ich finde keinen. ↩

  13. Ich bin froh, dass ich mir nicht vorstellen muss, dass ich mit einer medizinischen Version des Tip-Top-Flickzeugsets repariert werden musste. Mit so ’nem schwarz-rot-orangen Flicken. ↩

  14. Ich mag den Begriff der geliehenen Zeit. Ich habe ihn das erste Mal in den 80ern als Titel des Computerspiels „Borrowed Time“ gesehen. Als ich einige Jahre nach Erscheinen das Spiel in den Händen hielt, war es für mich ein großartiger Titel für eine Detektivstory. Aber je älter ich werde, desto mehr Bedeutung gewinnt er für mich. ↩

  15. Ja, ich habe mich hier hemmungslos und ohne jedwede Scham bei Reinhard Mey bedient. Manche Sätze sind so richtig, dass man sie nicht neu erfinden muss. ↩

  16. Einer der Menschen liest mein Blog wahrscheinlich nicht mehr, ein anderer Mensch hat es nie gelesen. Den Kontakt verloren. Trotzdem an dieser Stelle – falls ihr doch mal über diesen Text stolpert: Ein zutiefst empfundenes „Es tut mir leid!“ ↩

  17. Ich habe im Git nachgesehen. Über 60 Commits über fast einen Monat alleine auf diesen Text. In Word ohne Git würde er jetzt „part-20-final-final-final-jetzwirklichfinal-nuisschlussmitaenderungen-korrekturversion-finalkorrekturv3.docx“ heißen. Üblicherweise sind das deutlich weniger. Und viele Commits fassen eine ganze Reihe Änderungen zusammen. Bei diesem Text fiel es mir extrem schwer, ihn als fertig zu bezeichnen, liegen zu lassen und einfach am 30.9. durch den automatischen Prozess zu veröffentlichen. ↩

  18. Ich habe oft gelesen, dass das Emergency Room 2.0 wäre. Das wird der Serie aber nicht gerecht. Ja, Noah Wyle spielt hier den Leiter der Notaufnahme Dr. Robby, nachdem er in ER Dr. Carter gespielt hat. Aber „The Pitt“ ist aus meiner Sicht Größenordnungen besser. ↩

  19. Ich bin der Meinung, dass jeder seinen oder ihren persönlichen Dr. Abbott haben sollte. ↩

  20. Irgendwie hatte ich schon früh eine Ahnung, worauf die Geschichte von Duke hinauslaufen würde. Ich sollte recht behalten. ↩

  21. Okay, okay, streng genommen ist es „You Oughta Know“ von Alanis Morissette. Aber das ist Post-Credits. Das zählt nicht so recht. Irgendwie. ↩

  22. Man verzeihe mir diese Aneignung als Atheist. ↩

  23. Ist wieder so ein Designfehler im Menschen. Anscheinend fährt beim Shutdown zuerst die Firewall für peinliche Döntjes runter und dann erst die Kommunikationsfähigkeit. Aber immerhin mit wenig zeitlichem Abstand. Beim Booten ist es andersrum. Das Startup dieser Firewall dauert deutlich länger. Vielleicht ganz gut, dass man sich an nichts erinnert. Meine nächtliche Videothek der Pleiten, Pech und Pannen meines Lebens braucht nicht noch eine Kassette. ↩

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Written by

Joerg Moellenkamp

Personal opinions, observations, and thoughts