Wie erklärt man seinen Eltern, beide über 75, wie ein LLM funktioniert? Oder anderen Menschen, die sich nicht mit der Materie beschäftigen. Mit Adriano Celentano. Und seinem Lied „Prisencolinensinainciusol”.1
Er schrieb das Lied, um zu zeigen, wie ein Lied auf Englisch klingt – für jemanden, der kein Englisch kann. Er wollte zeigen, das man in jener Zeit nur irgendwas singen musste, das wie Englisch klingt, um Erfolg zu haben. Und die Chartplazierungen gaben ihm recht. Nehmen wir also an, Adriano Celentano kann kein Englisch, hat aber ein Supergehör für Sprache.
Er hört sich ein paar Lieder an und bekommt ein Gefühl für die Sprachmelodie, für die Aussprache. Und was man häufig zusammen hört, das reiht man später auch selbst häufig aneinander. Er nimmt die englische Musik und singt einfach weiter. So entsteht „Prisencolinensinainciusol”. Es ist kein Englisch, es ist Kauderwelsch. Aber es klingt wie Englisch. Und für viele ist es von Englisch nicht zu unterscheiden, weil sie selbst kein Englisch können. Für sie ist es gut. Und so kommt Adriano Celentano in die Charts.
Jetzt hört der Celentano in unserem Beispiel anders als der reale Celentano aber nicht nach diesem Hit auf, Lieder auf diese Art zu singen. Er hört noch mehr englische Musik und bemerkt mehr Zusammenhänge. Ihm fällt auf, dass „I”, „lo”, „ve” und „you” sehr häufig vorkommen. Je mehr englische Musik er hört, desto besser kann er Silben aneinanderreihen, desto mehr Muster lernt er. Er wird immer besser darin, diese Muster zu finden, und er findet immer mehr davon, je mehr Musik er hört. Für ihn ist das alles immer noch Kauderwelsch.
Er versteht immer noch nicht, dass Elvis gerade darüber singt, dass man auf Verdächtigungen keine Träume bauen kann. Aber er kann die Silben irgendwann so gut aneinanderreihen, dass das Lied selbst für jemanden, der der Sprache mächtig ist, Bedeutung hat.
Ihr sagt, ihr hättet gerne ein Liebeslied, und singt ihm die erste Strophe vor: „Wise men say / Only fools rush in.” Adriano antwortet mit „So I walk in, wanting to live with you.” Singe ich ihm dieselbe Zeile noch einmal vor, kann beim nächsten Mal etwas ganz anderes herauskommen: „However I don’t care, wanting to watch TV with you.” Es ist immer ein wenig Zufall dabei, was er als Nächstes singt. Denn er entwirft nicht das ganze Lied, sondern hängt Silbe an Silbe, Note an Note – während er singt. Und ganz selten kommt dabei auch mal „But I can’t help falling in love with you / Shall I stay?” heraus.
Es hängt auch davon ab, was man Adriano überhaupt zu hören gibt. Füttert man ihn nur mit den Dialogen schlechter 70er-Jahre-Erotikfilme, kommt wahrscheinlich „Now I storm in, wanting to go in bed with you” heraus. Bekommt er dagegen nur Shakespeare und die Musik seiner Zeit, dann klingt die Antwort eher so:
Sweet lady, whose faire eyes my fortune keepe, I looke, I love, and loving lose my sleepe.
Auch das ist Kauderwelsch – nur eben Kauderwelsch im Kostüm. Versmaß stimmt, Reim stimmt, die alte Schreibweise stimmt. Gesagt wird nichts. Und wer aussucht, was Adriano zu hören bekommt, entscheidet damit, wie er singt. Zu demjenigen kommen wir gleich noch.
Nun ist in der Kunst alles erlaubt (naja, fast alles). Wer Trio gehört hat, weiß das. Erlaubt ist, was gut klingt und die Seele berührt. Bei Fakten gelten andere Ansprüche. Der Mechanismus bleibt aber derselbe: Adriano ändert sein Verfahren nicht. Er sucht weiter das, was am besten klingt. Das LLM weiß nicht, dass 333 bei Issos Keilerei war. Es weiß nicht, was 333 ist, was Issos ist und was eine Keilerei ist. Es weiß nur, dass auf die Frage „Wann war die Keilerei bei Issos?” die 333 besser klingt als jede andere Zahl. Weil sie millionenfach so in den Texten steht.
Damit das nicht bloß eine Behauptung bleibt: In diesem Text steckt ein Beispiel. Für den Shakespeare-Absatz wollte ich zuerst eine echte Zeile nehmen und habe ein LLM danach gefragt. Es lieferte prompt einen Zweizeiler: „Where both deliberate, the loue is slight: / I lookt, I lou’d, and lou’d at the first sight.” Klingt großartig. Die erste Zeile gibt es tatsächlich – allerdings nicht bei Shakespeare, sondern bei seinem Zeitgenossen Christopher Marlowe. Die zweite gibt es überhaupt nicht. Bei Marlowe folgt an dieser Stelle die berühmte Frage, wer denn je geliebt habe, ohne auf den ersten Blick zu lieben. Der erfundenen Zeile fehlt dabei nichts: richtiges Versmaß, alte Schreibweise, sauberer Reim auf „slight”. Sie klang einfach am besten. Das ist die 333, live, mitten in diesem Text.
Und er wird immer besser darin, englische Songs zu schaffen – je mehr Songs er hört, je mehr Text er liest. Irgendwann hat er alle Songs gehört und alle Texte gelesen. Dann kann er nicht mehr wachsen. Er kann nur noch durch mehr Übung besser werden, aber es kommt nichts Neues mehr dazu.
Weil er so gut ist, fragen immer mehr Leute Adriano Celentano nach englischen Liedern. Für englische Songs ist er kein Bob Dylan, kein Lennon und kein McCartney. Aber er ist gut. Er schreibt so viele englische Songs, dass er irgendwann selbst nicht mehr erkennt, dass er dieses Lied geschrieben hat. Um weiter zu wachsen, lernt er nun auch aus Songs, die er selbst geschrieben hat. Aber damit werden seine Songs immer ein wenig schlechter. Es kommt nichts mehr von Dylan, Lennon oder McCartney dazu, das ihn besser machen würde. Und so landet er irgendwann wieder bei „Prisencolinensinainciusol”.
Um das zu verhindern, hat er jemanden, der ihm hilft. Sein Manager gibt ihm nur englische Texte, bei denen er sich einigermaßen sicher ist, dass sie nicht von Celentano stammen. Das ist mühsame Arbeit, und sie wird umso mühsamer, je mehr Text es von Celentano gibt. Aber es ist eine wichtige Arbeit. Und es ist derselbe Mann, der entscheidet, ob Adriano Erotikfilme oder Shakespeare zu hören bekommt.
Darüber hinaus erledigt der Manager eine noch wichtigere Aufgabe: Er sagt Adriano, welche Lieder gut angekommen sind und welche nicht. Adriano lernt daraus und singt danach mehr von den Liedern, die gut ankommen. Der Manager ist übrigens auch der Grund, warum Adriano überhaupt antwortet. Sich selbst überlassen, würde er einfach weitersingen: Fragt man ihn etwas, dichtet er die nächste Zeile dazu, denn auf Fragen folgen in Texten meistens weitere Fragen. Erst durch die Rückmeldung seines Managers lernt er, dass jemand, der so etwas singt, eine Auskunft will und keine zweite Strophe.
Das Irre an der Situation ist: Obwohl unser weiterentwickelter Adriano nicht weiß, was er da singt, singt er richtig gut. Obwohl er nicht weiß, was die Dinge bedeuten, liegt er mit seinen Aussagen richtig. Es funktioniert. Ich sehe es jeden Tag2.
Und das sagt vielleicht viel über unser Wissen und unsere Kreativität aus. Aber das ist ein Thema für einen anderen Nachmittag mit Kuchen auf der Terrasse.
Postscriptum
Ich hatte gestern Abend einen Gedanken, als ich diesen Text fürs Blog verfasste: Es gibt immer weniger „Bohemian Rhapsody”, immer weniger „Lose Yourself”. Dafür immer mehr Songs, deren Texte glatt klingen, nirgends hängen bleiben und so schnell vergessen sind, wie sie gehört wurden. Musikalisch scheinen wir im Zeitalter des Prisencolinensinainciusol zu sein. Nur mit Texten, die syntaktisch und grammatikalisch einen Sinn haben. Besser ist das nicht. Wer die Texte schreibt, weiß ich nicht. Ich weiß inzwischen nur ziemlich gut, wie es klingt, wenn es keiner war. Bin ich da etwas auf der Spur?
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Ich bin mir bewusst, das die die Beschreibung an manchen Stellen technisch unvollständig und vereinfacht ist. Man beachte bitte das Zielpublikum. ↩
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Mein Programm, mit dem ich momentan meine Postherzopbluesplautze versuche mir abzuhungern, ist in wenigen Tagen entstanden. Und es funktioniert super. Weitaus besser als ich es in der kürze der Zeit hinbekommen hätte. Und es macht genau das was ich will wie ich es will. Ich lebe und arbeite nicht in den Code gewordenen Ideen von jemand anders. Das macht die diese ganze Technik für mich so interessant und wird wahrscheinlich die größten Auswirkungen haben. ↩