Man möchte ja „Herzlichen Glückwunsch” sagen. Aber kann man einem Milliarden-Dollar-Konzern das sagen? Sollte man es sagen? „Herzlichen Glückwunsch” zu einer Firma zu sagen erinnert mich so sehr an die Geschenke an Mom’s Robot Corporation in Futurama. Und soweit sind wir in der realen Dystopie dann doch nicht1. Apple ist zwar eine Firma, die den Personenkult lange gelebt hat, aber sie ist keine Person. Es ist auch kein Handwerksbetrieb, in dem drei Generationen Schweiß und Herzblut stecken. Familie Jobsens feinste Rechenknechte. Wozniaks wundervolle Workstations. Gegründet 1976. Auch wenn die ersten Rechner so aussahen.
Zur Nutzerschaft von Apple bin ich erst gekommen, als der Macintosh auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hatte. Die 8-Bit-Zeit verbrachte ich weitestgehend in der Mehrheitsgesellschaft der C64-Besitzer. Mein MSX-Computer hatte mir sehr eindrücklich gezeigt, welch ausgrenzende Wirkung es hatte, keinen Commodore zu besitzen. Wenigstens schützte es mich davor, nachschulisch irgendwelche urheberrechtlichen Illegalitäten zu begehen. Es gab schlicht niemanden, mit dem ich sie begehen konnte. Ich war ausgegrenzter als ein Schneider CPC-Besitzer.
Meinen ersten, neuen Apple hatte ich tatsächlich 2001. Es war ein Powerbook G4. Das TiBook. Das „one more thing”-Ding. Nie war der “haben will”-Reflex größer. Ich ging kurz danach auf zwei Langstreckendienstreisen2 und wurde auf das Gerät mehrfach angesprochen. Nach heutigen Maßstäben war das Gerät prähistorisch. Aber es ist ja dieses Jahr auch 25 Jahre alt. Es war ein Firmennotebook. Als ich die Firma verließ, musste ich auch das Notebook zurücklassen. Aber damals? Ein Traum. Und selbstverständlich wollte man differently denken. Über die unendliche Schleife schmunzeln.
Einen Außenseiter-Rechner zu besitzen, war damals deutlich weniger ausgrenzend. Das Internet hatte den Schulhof globalisiert, der monatliche Zufluss monetärer Einheiten ermöglichte den Kauf von Software.3
Bis zum nächsten Apple-Rechner sollten einige Jahre vergehen. Zwischenzeitlich hatte ich bei meinem Start bei Sun4 ein Toshiba-Notebook als Firmennotebook erhalten. Gutes Gerät, lief mit Windows, aber wirklich glücklich wurde ich damit nie.
Bis irgendwann die Firma (immer noch Sun) entschied, dass Apple-Rechner ja eigentlich doch ganz cool sind. Mit dem Gerät habe ich lange gearbeitet. Auch weil die Firma Apple-Rechner später für eine Zeit wieder uncool fand und ein Ersatz doch wieder Windows bedeutet hätte. Ich nutzte den Apple, bis es wirklich nicht mehr ging. Und ich eine externe Tastatur bei einem Vortrag in Siegburg verwenden musste. Aber bis dahin war es eine lange Zeit.
Man mag über die Rechner sagen, was man will, aber sie funktionieren in der Praxis auch dann noch, wenn andere Rechner längst in Fetzen liegen und Gelenke den Bildschirm kaum noch in Position halten. Es gibt viele Leute, die viel – meist Negatives – dazu sagen, weil es aufmerksamkeitsökonomisch vorteilhaft ist, über die Firma zu meckern. Für “Eigentlich läuft der Mist eigentlich ganz gut” gibt es halt keinen goldenen Play-Button. Meine Erfahrung war eine durchweg gute.
Eine Kollegin brachte mir dann das erste iPhone mit. Für mich war das Smartphone erst einmal ein ziemlich teurer, dafür bemerkenswert smarter iPod. Es dauerte einige Monate, bis ein Jailbreak auch deutsche SIMs erlaubte und der artgerechte Einsatz des Geräts möglich wurde. Bis auf ein einzelnes Android-Telefon habe ich nie wieder etwas anderes besessen.
iPod … einen iPod besaß ich auch. Den mit der großen Festplatte und Farbdisplay. Ich habe auch gesagt, dass Jobs spinnt, als er behauptete, das Gerät würde die Welt revolutionieren. Es revolutionierte auf jeden Fall Apple. Der Anfang des Wandels zum Content-Unternehmen war gemacht.
Aber bei meinem Musikkonsum war das Gerät auf Reisen schon sehr großartig. Ich habe das Gerät 2009 auf einer Urlaubsreise in Kalifornien in einem Hotel vergessen und es ward nie wieder gesehen.
Ich verwende glaube ich seit 2003 oder 2004 durchgängig Apple-Rechner. Ich kann mich sicher erinnern, dass ich in der damaligen Sun-Geschäftsstelle auf Mac OS X Panther geupgraded habe. Zu Eple von Røyksopp. Ich bin Apple von PowerPC nach Intel gefolgt, auch die Umstellung auf Apple Silicon habe ich mittlerweile mitgemacht. Mac OS 9 auf Mac OS X bin ich auch mitgegangen und seitdem jedes einzelne verdammte Update. Den Verlauf der Zeit sah man auch am steten Inkrementieren der Minor Release Number. Deswegen nehme ich Apple auch den Umstieg auf Jahreszahlen übel. Sie zeigen nur noch das Wann, wo das alte Schema noch den Verlauf zeigte.
Ich verwende iPads als Smarthome-Displays, meine Fernseher werden nicht kraft eigener Intelligenz smart. Dieser Intelligenz traue ich bis heute nicht. Apple TVs erledigen das. Und auf dem Sofa liegt ein iPad Pro für alle Arbeiten, für die ein Notebook einfach zu unhandlich ist. Selbst meine Uhr bootet mit einem Apple-Logo5.
Ich habe mit der Zeit einfach die Lust daran verloren, meine Heim-IT zu troubleshooten. Dafür zu sorgen, dass alles irgendwie miteinander tickt. Mein Netzwerk rein von Ubiquiti, mein NAS eine Appliance, meine Computer rein von Apple. Und der Schiet arbeitet einfach zusammen.
Um nicht völlig an den finanziellen Herausforderungen der privaten Rechnerlandschaft aus Cupertino zugrunde zu gehen, bin ich mittlerweile beim Kauf gebrauchter Hardware angekommen. Nur bei meinem privaten Hauptnotebook nicht. Da bin ich krüsch.
Das Ganze war auch Selbstschutz. Ich konnte seitdem bei Windowsproblemen immer sagen: „Hmm, ja, ich seh das Problem. Aber keine Ahnung, was das sein könnte. Ich benutz kein Windows.” Das mag sich vielleicht etwas snobistisch anhören, war aber nach einer harten Arbeitswoche ein recht sicherer Schutz davor, als Angehöriger der Generation Home IT Support nicht noch den Samstag eines Elternbesuchs mit dem Bugfixing einer Windows-Version zu verbringen. Florian – einer meiner Brüder – kannte sich damit weit besser aus. Meine Eltern waren natürlich auch nicht blöd und haben rasch die Absicht dahinter erkannt. Seitdem in meiner Familie zunehmend Rechner von Apple auftauchen, funktioniert das allerdings immer weniger.
Windows war immer eine gehasste Notwendigkeit. Ich gehöre sogar zu den Leuten, die lange Zeit versucht haben Windows mit OS/2 Warp zu umgehen. Ich weiß, was es bedeutet, für ein Prinzip Kompromisse einzugehen. Daher bin ich dem Trend meiner Profession, Linux als Desktop6 einzusetzen, nicht dauerhaft gefolgt. Ich hab’s versucht. Wirklich. Ich verlor irgendwann die Lust an den Kompromissen. Wohl weil ich alt geworden war.
Funktioniert hat das alles nur, weil mein Heim-IT-Workload eine Last nicht kennt: Ich spiele schon lange kaum mit Computern.7 Und Spielen ist bis heute eine Domäne, in der Rechner von Apple genauso kompromissbehaftet sind wie Linux auf dem Desktop.
Wenn man so will, bin ich das geworden, was man damals in meinem Schulhof als Markenschwein bezeichnet hat.8
Und auch wenn man einem Unternehmen vielleicht nicht gratulieren sollte, kann man ihm Danke sagen: Ich begleite Euch in etwa die Hälfte Eures Lebens. Danke für 25 Jahre relativ unproblematische IT. Danke für 25 Jahre einfach funktionierenden Schiet. Und vielen Dank für 25 Jahre der Illusion, wie Millionen anderer Apple-Kunden anders zu denken.
PS: Das Teaserfoto habe ich 2001 auf der erwähnten Dienstreise in die USA aufgenommen.
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Auch wenn ich die Befürchtung habe, dass wir irgendwann Präsidentenköpfe im Glas haben werden, die immer noch Wahlen gewinnen. ↩
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Einmal San Francisco und Boston, einmal Singapur. ↩
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Jaha, liebe Kinder, man konnte Software mal kaufen und musste ihre nutzbringende Gunst nicht jeden Monat erneut mit einem Geldopfer erringen. ↩
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Ich hatte sozusagen beim Bechtolsheimer angefangen, handgeklöppelte IT-Architekturen zu schrauben. ↩
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Meine zweite Uhr gekauft, kurz vor der OP, aus persönlichem Trotz gegenüber dem, was mir bevorstand. ↩
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Ich meinte wirklich als Desktop. Nicht für den Browser des geringsten Misstrauens und Textverarbeitung. Mir ist schon klar, dass das ganz gut geht. Aber auf meinem Rechner läuft weit mehr. ↩
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Naja, so ganz stimmt das nicht. Es gibt eine Art von Spielen, die ich ab und an mag: Wuselspiele wie Civilization. Aus vermutlich dem gleichen Grund, warum ich die Star Trek Voyager Folge “Blink of an Eye” so mag. Und Civ gibt es für den Mac. Aber ansonsten langweilen mich Spiele schnell. Das Fliegen mit dem Flugsimulator sehe ich nicht als Spielen, dazu ist es im Grunde dann doch zu eintönig. Es ist mehr Erfüllung eines nie realisierten Traums. ↩
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Aber wehe, man tauchte in Schuhen von Deichmann auf … Victory waren ein Todesurteil für die Reputation. Aber in einer Großfamilie war halt Nike für alle keine valide Option. Zumal die genauso schnell kaputt und zu klein waren. Meine ersten Nike stehen heute im Museum of Modern Art. Ich habe sie gesehen. Naja, nicht dasselbe Paar, aber das gleiche. ↩