Mit 14 kann man also mit sozialen Netzwerken umgehen? Einfach so? So von einem Tag auf den anderen? Halte ich für eine gewagte These.
Ich bin kein Vater, werde auch keiner mehr werden. Ich gebe zu, dass mir die schwierigen Seiten der Erziehung fremd sind. Aber ich bin Onkel. Ich habe Augen. Vor allen Dingen aber: Ich kenne die Schattenseiten sozialer Dynamiken unter Jugendlichen aus eigener Erfahrung. Schmerzhafter eigener Erfahrung. Ich stand auf der schmerzhaften Seite dieser Dynamiken. In einer Zeit, als es noch keine sozialen Netze gab. Ich kenne die Folgen aus Beobachtung. Ein Mitschüler, den ich seit meinem ersten Schuljahr kannte, brachte sich damals um. Es hieß gleich danach, es war ein Unfall. Ich glaube das bis heute nicht. Und so denke ich viel über dieses Thema nach.
Der Tag, an dem Du 14 wirst, ändert also alles? Ein Tag vor dem Geburtstag bist Du nicht in der Lage, soziale Netzwerke zu ertragen? Nur einen Tag später kann die ganze Wucht der Netze auf Dich einprasseln? Ohne Vorbereitung, ohne Begleitung? Ich weiß nicht …
Man kann nicht Auto fahren, nur weil man den Führerschein mit 18 ausgehändigt bekommen hat. Man kann nicht mit Alkohol umgehen, nur weil der vergangene Geburtstag den Konsum erlaubt. Man weiß nicht automatisch mit 18, dass Pornographie ein verzerrtes, teils menschenverachtendes, immer aber unrealistisches Bild von Intimität zeichnet. Es braucht Einsicht, dass der gefühlte sozialintegrative Effekt des Rauchens nicht die massiven lebenslangen Folgen aufwiegt. Aber diese Einsicht entsteht nicht automatisch mit 18.
Ich bin manchen Menschen begegnet, denen ich eine gewisse Reife selbst mit über 30 absprach. Ich kann bis heute nicht wirklich gut ein Fahrzeug durch die Gegend bewegen.
Manche Diskussion in Foren unter Erwachsenen lässt einen Schulhof zivilisiert erscheinen. Wie erklärt man einem Jugendlichen, dass polemische, teils verletzende Kritik nicht in Ordnung ist, wenn am Abend die neuesten Entgleisungen des politischen Aschermittwochs ins Wohnzimmer gespült werden? Wie erklärt man einem Jugendlichen, dass Fatshaming nicht okay ist, wenn man gleichzeitig über bemerkenswert unwitzige Witze über eine Politikerin schmunzelt? Wie erklärt man einem Jugendlichen, dass Gewalt nicht okay ist, ein Galgen im Fernsehen aber ohne wirkliche Konsequenz bleibt? Wie lehrt man Gleichberechtigung, wenn man Politikerinnen nur mit ihrem Vornamen schreibt?
Das ist die Welt, die Erwachsene Jugendlichen vorleben. Und wir wundern uns, dass Jugendliche das übernehmen?
Ich bin nicht per se gegen Altersgrenzen für soziale Netze. Ich bin aber dagegen, sie alleine dastehen zu lassen. Wenn man sich mit diesen Grenzen Zeit erkauft, muss man diese auch nutzen. Damit, wenn dieser Tag da ist, Jugendliche wissen, dass auch digitales Mobbing nicht okay ist. Dass dies sehr reale Folgen hat, sehr finale Folgen haben kann.
Das bedeutet: Vorbild sein. Heranführen an soziale Netze. Achtung und Achtsamkeit zeigen im Umgang mit dem Medium.
Aber auch dem eigenen Kind unmissverständlich klar machen, dass es Folgen hat, wenn es Grenzen überschreitet. Und auf dieses Verhalten nicht nur mit “Sind halt Kinder …”, “War in meiner Jugend genauso …” oder völliger Indifferenz oder völliger Hilflosigkeit zu reagieren. Das hätte ich mir gewünscht. Vor vielen Jahren.
Einfach nur ein Mindestalter festlegen ist nicht einmal die halbe Antwort. Es ist ein allein untaugliches Antwortfragment.