Ich bin bei meiner Bücherwahl nie irgendeinem Kanon gefolgt. Reich-Ranicki würde bei meinem Bücherregal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wahrscheinlich berechtigt. Beim literarischen Quartett würde ich hoffnungslos verlieren. Einige einzelne Bücher würden mich wohl von einem allzu vernichtenden Urteil retten. Aber ich bin kein Mensch mit einem Meter Goethe. Keine gebundene Werkausgabe von Schiller. Meine Auswahl ist extrem. In meinem Regal lebt Schund neben Fachbuch neben Sachbuch und Bildungsbüchertum fröhlich und glücklich nebeneinander.

Dieses Halbwissen besitzt eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Verhältnis zu klassischer Musik.

Irgendwann hat man ein Repertoire von Stücken, die man einfach kennt. Selbst, wenn man eher selten diese Musik hört. Aber wenn ein anderes Stück vom selben Komponisten im Radio gespielt wird? Völlig aufgeschmissen. Keine Ahnung. Nicht mal die nebligste Idee. Als Gelegenheitsklassikhörer hat man auch so gar kein Gespür, wer das wohl sein könnte.

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die das können. Das ist wie bei Weinkennern. Château Reibach, 1899, am Südhang gereift. Kürzlich für 5.049,98 Euro versteigert. Ich würde nur Rotwein schmecken. Neunte. Von Karajan dirigiert, als er einen Schnupfen hatte. Und die erste Geige eine Sehnenzerrung. Am Mittelfinger. Woher nur? Ich würde nur sagen: „Klingt gut!”

Man muss eh schon aufpassen, dass man sich vor Kennern der Materie nicht damit blamiert, dass man das Köchelverzeichnis bei Beethoven verortet. Berlioz und Bizet verwechselt. Klassische Musik ist eine reiche, aber irgendwie auch geschlossene Welt, die für den Unkundigen viele Fallen bereitstellt. Ich mag klassische Musik. Auch wenn es, wie eine Bekannte von mir mal sagte, mittlerweile „Musik von Toten für bald tote Leute” geworden ist. Sie spielt eben diese Musik. Es ist ihr Beruf. Auf höchstem Niveau. Aber ich bin dem Versuch nie erlegen, zu suggerieren, ich hätte eine irgendwie geartete Ahnung von dem Thema.

Es verhält sich ähnlich in der Literatur: Es gibt Zitate, die immer wieder genutzt werden. Als gäbe es irgendwo ein Buch mit Zitatrezepten. Zitate für jede Lebenslage. Man hört sie dadurch ständig. The greatest hits.

Yeats ist da so ein Kandidat. Richtig gelesen habe ich Yeats vor etwa 20 Jahren. Zufallsfund in einem eher kleinen Buchladen. Den ich selbst auch eher zufällig in einer fremden Stadt fand. Der Laden machte den Eindruck, als wäre hier jedes Buch vom Besitzer einzeln gelesen und für seine Räume würdig befunden. Es war ein heller und freundlicher Laden. Nichts erinnerte an die Räume von Herrn Koreander. Aber ich vermutete, dass den Besitzer die gleiche Liebe zum Buch verband. Vielleicht der geistige Enkel vom alten Koreander? Der Laden hinterließ mich später verunsichert, ob ich den richtigen Beruf gewählt hatte. Der Händler sah zufrieden aus.

Unsicher, welches Buch ich mitnehmen würde, griff ich immer wieder wahllos in die Regale. In manchen las ich kurz, meist am Anfang. Manchmal auch in der Mitte. Nie am Ende.

Irgendwann hielt ich die Werke von Yeats in der Hand. Ich kann mich nicht erinnern, warum ich länger in diesem Buch blätterte. Viele andere Bücher hatte ich schon nach dem Klappentext wieder weggelegt.

Dann fand ich die Zeilen in dem Buch, die mich schon viel länger begleiten. Es waren jene berühmten Zeilen aus „Second Coming”: „Things fall apart; the centre cannot hold”.

Ich kannte diese Zeilen allerdings schon lange vorher. Der von Ed Harris in „The Stand” gespielte General, dessen Arbeit die Welt vernichten würde, spricht diese Zeilen aus. Kurz bevor alles in den Abgrund rutscht. Kurz bevor er sich selbst umbringt.

Auch wenn ich dieses Buch gelesen habe, sind es doch die Greatest Hits, die im Kopf bleiben und sich bei passender Situation in den Vordergrund drängeln.

Die Gelegenheit bot sich heute: Ich hatte am Morgen mein tägliches Quantum Nachrichten. Man will Sprachmodelle der Künstlichen Intelligenz mit grenzenlosem Appetit nach Inhalten und Energie in Waffensystemen einsetzen. Fühlt sich an wie ein Germanist am roten Knopf. Während das Klima eskaliert, feiert der Boulevard das Einreißen eben jener Mauern, mit denen wir uns dagegen gestemmt haben. Und wo wir schon beim Thema Mauern sind: Die Brandmauern wirken zunehmend wie jene Mauer in Berlin. Nach 89.

Es fühlt sich so an, als wäre Mitte schon eine Weile aus. Kommt auch erst mal nicht wieder rein. Die Welt sammelt sich an den Extremen. Und droht zu kippen.

Ich nehme dann zu meinem Weltuntergang einen Château Reibach, mit Samuel Barbers Adagio for Strings. Vielleicht noch selbst filetierten Kugelfisch. Ist ja auch egal. Und lese auf einer Sonnenliege Yeats und beobachte die Pilze aufsteigen. Ich bin dann mal weg … mit der Druckwelle.1

















  1. Eine Anmerkung an den besorgten Leser: Auch wenn der Text mit einer sehr negativen Note endet: Das ist die Stimmung, die mich ereilt, wenn ich meine tägliche halbe Stunde Nachrichten zu mir genommen habe. Aber eben auch nur dann. Üblicherweise reicht eine Tasse Tee. Stark, wie er in Ostfriesland getrunken wird. Und weiter geht es, bis zu den nächsten Nachrichten. Einkaufen. Käfig sauber machen. Leben. 

Written by

Joerg Moellenkamp

Personal opinions, observations, and thoughts