The End of Everything (Astrophysically Speaking)

Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.

geschrieben am 27. Oktober 2026, gelesen April 2021

Wäre die Astrophysik nicht – wie der Name schon sagt – Teil der Physik und damit voller Formeln mit Buchstaben und merkwürdigen Zeichen, hätte diese Wissenschaft ja einen eindeutigen Vorteil gegenüber dem Studium der Geschichte. Während man sich in der Geschichte die Wahrheit aus vielen subjektiven und wenigen objektiven Datenpunkten zusammenpuzzeln muss,1 bedeutet Astrophysik – unter der Annahme, dass die Physik überall gleich funktioniert –, dass man nur mit einem geeigneten Messinstrument ins Weltall gucken muss, um zu sehen, ob die ganzen Berechnungen auch stimmen. Und zwar nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Vergangenheit. Und wenn man weiß, wie die Vergangenheit zur Gegenwart wurde, kann man wahrscheinlich auch eine ganz gute Prognose für die Zukunft abgeben.

Als Kind war der Gedanke, dass wir alles, was die Sonne betrifft, erst gut acht Minuten später mitbekommen – dass also jemand längst das Licht ausgeknipst haben könnte, wir es aber für alle praktischen Belange noch gar nicht wüssten –, ziemlicher Brainf*ck.

Das ist übrigens auch eines der Themen meiner Kindheit, die ich in meinem Arbeitsalltag gut gebrauchen kann. Denn gucke ich entgegen jeder Sicherheitsanweisung in eine Glasfaser, repräsentiert alles, was ich da sehe, einen Zustand des sendenden Systems aus der Vergangenheit: 0,049 Millisekunden in der Vergangenheit, wenn ich in 10 km Glasfaser gucke. 500 km Glasfaser bedeuten einen Blick von 2,45 Millisekunden in die sehr nahe Vergangenheit. Das mag nicht nach viel klingen, hat aber durchaus Bedeutung für meinen beruflichen Alltag.

Derselbe Effekt, der mir die Planung erschwert, hat allerdings einen interessanten Nebeneffekt: Eine Astrophysikerin kann alles gleichzeitig sehen. Eine Sonne von vor acht Minuten – einfach die eigene Sonne angucken. Einen Blick 13,44 Milliarden Jahre in die Vergangenheit – das Teleskop in Richtung GLASS-z12 richten (plus vier Jahre, immerhin ist es schon so lange her, dass diese Galaxie entdeckt worden ist). Und alles dazwischen. Gleichzeitig.

Wenn man dann den nächsten Brainf*ck auslösen will, muss man nur mal darüber nachdenken, dass wir nie die Gegenwart sehen, sondern immer die Vergangenheit. Denn selbst alles, was direkt auf unserer Nasenspitze passiert, braucht immer noch Zeit, um zu unseren Augen zu gelangen. Das fällt nur nicht ins Gewicht, weil unser Hirn für die Verarbeitung ungleich länger braucht als das Licht für den Weg: rund 100 Millisekunden fürs bewusste Wahrnehmen. Mehr, wenn man mal wieder auf dem Schlauch steht. Aber im Grunde genommen können wir nicht nur nicht in die Zukunft gucken. Wir sehen nicht mal die Gegenwart. Und der Gedanke ist schon sehr strange.

Ich schrieb ja eingangs von der Prognose für die Zukunft. Und damit sind wir bei einem Buch, das ich sehr gerne gelesen habe. Wie endet dieser ganze Laden (im Sinne des Kosmos und so) eigentlich? Und wann? Und warum eigentlich? Darum geht es im Grunde in „The End of Everything (Astrophysically Speaking)“ von Katie Mack.

In diesem Buch werden so viele gedankliche Brücken gebaut. Man stellt sich den Big Bang beispielsweise als Explosion in einem Raum vor: ein Punkt, da explodiert es, und das Universum dehnt sich aus. Mack beschreibt das aber sehr schön: Der Big Bang fand an jedem Punkt des Raums statt, weil außerhalb des Big Bangs kein Raum existiert. Er war keine Explosion, denn das würde ja bedeuten, dass er irgendwo hinein explodiert. Sie führt aus, dass es die Expansion von allem ist. So versteht es zumindest mein Hirn. Nicht, dass das für mich deutlich intuitiver wäre, aber zumindest kann man die Frage „Wohin ist es denn explodiert?“ abheften und weglegen. Dafür hat man jetzt dutzende andere Fragen. Vielen Dank auch, Frau Mack.

Die möglichen Enden des Universums hören sich dann auch nicht sonderlich angenehm an. Mack beschreibt Szenarien wie „Big Crunch“, „Heat Death“ oder „Vacuum Decay“. Nichts davon erscheint vergnügungssteuerpflichtig, es sei denn, man diniert im Restaurant am Ende des Universums. Aber das Gute ist: Das ist so lange hin, dass es nicht mehr mein Problem ist.2

Außer beim Vacuum Decay. Der breitet sich nahezu mit Lichtgeschwindigkeit aus. Es könnte also schon jemand das Licht im Universum ausgeknipst haben, wir wissen es nur noch nicht. Wem das noch nicht strange genug ist, der sollte noch den Gedanken obendrauf packen, dass einen die Zerstörung nie erreicht, wenn sie nur weit genug entfernt beginnt – weil sich das Universum dort schneller von uns entfernt, als das Licht reisen kann. „Der Untergang schlich uns nach, doch er erreichte uns nie.“ Also: Don’t panic.

Ich will euch gar nicht mehr über das Buch verraten, um euch nicht den Spaß am Hirnverbiegen zu nehmen. Von einem Sachbuch wäre ich enttäuscht, wenn ich nach dem Lesen weniger Fragen im Kopf hätte als vorher. Ich will neue Fragen haben, die auf dem Gelernten fußen. Und hier muss man sagen, dass das Buch wirklich geliefert hat. Für mich persönlich ist das mit das Beste, was man über ein Sachbuch sagen kann.


  1. Es gibt ja den urbanen Mythos, dass reiche Leute in London Bagger begraben lassen, weil es günstiger sei, den Bagger in der sehr tiefen Baugrube zu lassen und einzubetonieren, als ihn wieder herauszuholen. Auch wenn das wohl nicht der Wahrheit entspricht, finde ich den Gedanken amüsant, dass sich in 10.000 Jahren ein Geschichtswissenschaftler mit Tweedjacke und Flicken an den Ellbogen3 den Kopf darüber zerbrechen wird, was diese merkwürdigen Bagger-Begräbnisstätten in und um London, die der Kollege vom Archäologie-Fachbereich nebenan ausgegraben hat, bedeuten und über unsere Gesellschaft aussagen. Huldigte man hier dem lieben Herrn? ↩

  2. Wobei … im Sinne von „De is al so lang dod, de kümmt bald wedder“ möchte ich dann nicht unbedingt gerade wieder da sein. ↩

  3. Ich glaube nicht, dass sich manche Dinge je ändern werden … ↩

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