Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes

geschrieben am 18. Oktober 2026, gelesen Februar 2019

Ich gebe es gleich zu Anfang zu: Ich habe das Buch nur aus einem Grund gekauft. Ich hatte den Film „Arrival“ gesehen und sofort gemocht. Der Film basiert auf Ted Chiangs Erzählung „Geschichte deines Lebens“, die Teil des Buches „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ ist. Als ich das erfuhr, wollte ich sie natürlich lesen. Meiner Erfahrung nach sind Verfilmungen selten besser als die Vorlage, auf der sie basieren. Wenn mir aber die Verfilmung schon so sehr gefallen hat, wie sehr würde mir dann erst Chiangs Erzählung gefallen?

Im Buch ist „Geschichte deines Lebens“ eine sehr viel leisere, aber aus meiner Perspektive auch schönere Geschichte als der Film. Es gibt darin die Fabel vom Buch der Zeit, und man wünscht sich, Chiang würde darüber schreiben. Spätestens wenn man das Ende gelesen hat, weiß man, dass man es gerade gelesen hat. Und wenn man sich dann im Sofa zurücklehnt, merkt man, dass man es die ganze Zeit unbewusst wusste.

Überrascht hat mich (ich hatte vorher noch nichts von Chiang gelesen), wie gut auch die anderen Geschichten dieser Sammlung sind.

Die Erzählung „Der Turmbau zu Babel“ aus demselben Sammelband ist für mich vor allen Dingen eine Geschichte darüber, wie eine Frage zur nächsten führt und man mit der Antwort wieder am Anfang steht. Man meint, beim Verstehen der Welt vorangekommen zu sein, aber in Wahrheit weiß man nur eine Sache mehr, hat dafür aber unendlich mehr Fragen. Und die Leute um einen herum verstehen nicht, warum man verzagt.

Für mich als Atheisten ist die Titelgeschichte „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ ein wenig schwer zu lesen, aber die Prämisse dahinter ist recht interessant. Was ist, wenn man weiß, dass es einen Gott gibt, dieser aber weder immer gut noch immer gütig ist, sondern einfach nur launisch, und dem zuweilen auch alles egal ist, insbesondere der oder die Gläubige? Und wenn seine Engel als Heerscharen des Chaos daherkommen, die nicht darauf aus sind, alles besser zu machen, sondern einfach nur verändern? Was ist, wenn man dieses spekulative Wesen höherer Art aus der Gleichung herausnimmt und direkt durch einen Gefolgschaft fordernden religiösen Führer ersetzt? Ich möchte behaupten, dass in einem solchen Universum der Himmel die Abwesenheit Gottes wäre. Der Protagonist sieht das nach all dem, was ihm widerfährt, trotzdem noch anders. Und das ist vielleicht der Punkt, an dem diese Geschichte ihre wichtigste Frage stellt: Was bedeutet es eigentlich, wenn die Liebe zu diesem Gott nicht schwindet, selbst wenn offensichtlich wird, wie gleichgültig er ist? Eine wirklich gut geschriebene Geschichte. Mir war trotzdem zu viel Gott darin.1

Das Buch hält noch zwei weitere Erzählungen bereit, „Der Kaufmann am Portal des Alchemisten“ und „Ausatmung“, die ich für ebenso gelungen halte. Ich bin für „Arrival“ gekommen und für die anderen Geschichten beim Buch geblieben. Den Schwesterband „Das wahre Wesen der Dinge“ habe ich mir dann gleich danach bestellt.

Ich möchte aber auch gleich eine Art Warnung aussprechen: Wer nach dem Film „Arrival“ spannungsgeladene Science-Fiction im herkömmlichen Sinne erwartet, wird enttäuscht werden. Vieles aus dem Film kommt in der Erzählung schlicht nicht vor. Dafür wird man aber mit sehr viel Gedankenfutter belohnt.


  1. Wobei, ich habe die Bibel auch von Anfang bis Ende gelesen. Aber wie sagt der von Stephen Fry gespielte Gordon Deitrich in der Verfilmung von „V for Vendetta“: „Man muss kein Muslim sein, um diese Bilder wunderschön und diese Poesie bewegend zu finden.“ Genauso wenig muss man Christ sein, um die Bibel wichtig zu finden. ↩

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Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.