Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.
geschrieben am 20. Oktober 2026, gelesen Oktober 2026
Das neuste Buch von Robert Habeck also. Ein Grüner. Nun, lange Zeit bin ich SPD-Wähler gewesen. Ich hatte zwar durchaus eine gewisse Affinität zu grünen Themen, die Grünen wählte ich trotzdem nicht. Seit der Bundestagswahl 2021 hat sich das allerdings geändert. Ich hatte als Wähler zunehmend den Eindruck, meine politische Heimat in der SPD verloren zu haben.
Seit 2021 wähle ich Grün. Vielleicht liegt das an etwas, das mancher Mensch als Verrat an der grünen Idee bezeichnet, das für mich aber Ausdruck von Realismus ist. Während man versucht, die Welt mit Wärmepumpe und Dosenpfand1 ein bisschen besser zu machen, muss man sich halt auch um Sicherheitsbelange kümmern. Das ist für mich kein Widerspruch. Ich benutze dafür den Begriff des wehrhaften Pazifismus. Darüber habe ich schon einmal ausführlicher geschrieben. Joschka Fischer hat das aus meiner Sicht früh verkörpert, aber ich empfand ihn lange als jemanden, der seiner Partei vorausgeeilt war, die diesen Weg noch nicht gegangen war.
Als dann 2021 mit Annalena Baerbock und Robert Habeck die grünen Spitzenkandidaten feststanden, bekam die Partei von mir meine Stimme – von vielen anderen aber, so meine Beobachtung, vor allem Gülle. Wie häufig habe ich mich darüber geärgert, dass man Frau Baerbock in politischen Diskussionen in Foren, Kommentarspalten und auch im privaten Umfeld herablassend den Nachnamen verweigerte, als wäre sie ein kleines Mädchen, das zufällig an diese Stelle geraten ist. Erinnert sich noch jemand, wie man Robert Habeck an der Fähre an die Wäsche wollte und ihn als Kinderbuchautor diskreditierte? Und für das, was mit Ricarda Lang gemacht worden ist, sollten sich manche Menschen noch sehr lange zutiefst schämen. Aber an mir nagt das Gefühl, dass das genau jene Menschen waren, die der Scham nicht fähig sind. Und dieses Güllewerfen ging weiter, nachdem die aus meiner Perspektive am wenigsten bei mir Zuversicht auslösende Bundesregierung – bisher2 – die Büros bezog.
Das eigentlich Schlimme ist aber: Die Grünen hatten mit vielem recht. Ich habe in meinem Umfeld wahrgenommen, dass das mittlerweile sogar Leute zugeben, die diese Menschen massiv kritisiert und teilweise sogar ins Lächerliche gezogen haben. Vieles ist so eingetreten wie vorhergesagt. Und Herr Habeck hat sich an vielen Stellen als ziemlich hellsichtig erwiesen, was seinen Blick auf den Zustand der Dinge betrifft.
Aus diesem Grund dachte ich mir vor Kurzem: Es könnte sich ja mal lohnen, ein Buch von Robert Habeck zu lesen. Geworden ist es letztlich „Arctic Meltdown – Die Neuvermessung der Welt“.
Man vergisst ja gerne, dass anders als am Südpol unter dem arktischen Meereis nichts ist außer Wasser. Während der Klimawandel am Südpol Land zurücklassen wird, bleibt am Nordpol zunehmend offene See. Und offene See weckt Begehrlichkeiten und Befürchtungen.
Wo wir einen ertrinkenden Eisbären sehen, sehen andere eine Gelegenheit. Wo wir eine abschmelzende Polkappe sehen, sehen andere Gefährdungen für ihre Grenzen. Und schließlich: Wo wir Gletscher in Grönland sehen, die immer kleiner werden, sehen andere Raum für ihre imperialen oder geschäftlichen Fantasien.
Genau das zeigt Habeck in seinem Buch sehr gut auf. Man würde denken, im Buch eines grünen Politikers gehe es vor allem um Umweltthemen. Darum geht es hier aber nur am Rande.3 Zwar spannt er einen Bogen von der arktischen Amplifikation – der Tatsache, dass sich die Arktis um ein Vielfaches schneller erwärmt als der Rest der Welt – bis zu der Frage, inwieweit das Ende der fossilen Gesellschaften auch mit den Problemen unserer Demokratien zusammenhängt. Dazwischen aber spricht er viel über die Interessen anderer Staaten: Er erklärt, wie Russland seine Ansprüche begründet und wie China seine Interessen in der Arktis sieht, versucht zu ergründen, warum Trump Grönland will, und fragt, welche Rolle Europa spielt. Es geht um Rohstoffe, Schifffahrtswege und Sicherheitsinteressen – und darum, auf welche Weise sich hier strategische Interessen neu oder anders entwickeln.
Denn neu ist das Interesse an dieser Region nicht. Lange gab es den US-Stützpunkt in Keflavík und die akustischen Unterwasser-Überwachungsanlagen zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich; die amerikanische Basis Pituffik auf Grönland besteht bis heute. Selbst in der Fiktion haben solche Überlegungen ihren Niederschlag gefunden. Schon in Tom Clancys4 Red Storm Rising aus den Achtzigerjahren sind die Einnahme Islands durch die Sowjetunion und die anschließende Rückeroberung durch die Amerikaner ein wesentlicher Teil der Handlung, in deren Kern ein Dritter Weltkrieg steht.5
Island liegt zwar nur am Rand der Arktis. Aber man ersetze gedanklich Island durch Svalbard: Die sogenannte Bear Gap (von Habeck im Buch „Bärenlücke“ genannt), die Meerenge zwischen dem Nordkap und der Bäreninsel südlich von Svalbard, hat ähnliche Charakteristika und eine ähnliche Bedeutung. Ein Umstand, der mir erst durch die Lektüre dieses Buches deutlich wurde. Auch die vielen Implikationen, die sich aus dem besonderen Status dieser Inselgruppe ergeben (Spitzbergenvertrag), waren mir vorher nicht klar.
Was wir im Grunde erleben, ist das Wiederaufleben eines alten Konflikts mit alten Interessen. Früher war der Arktische Ozean eine weitestgehend vom Eis blockierte Wasserfläche, die allenfalls als Versteck dienen konnte. Heute bietet sie durch den Klimawandel militärischen, wirtschaftlichen und politischen Bewegungsraum, über dessen Konsequenzen wir uns wahrscheinlich noch nicht völlig im Klaren sind.
Das Auflösen des Eispfropfs am Nordende der Welt bringt uns in eine veränderte Situation. Diese haben wir durch den menschengemachten Klimawandel letztlich selbst hervorgerufen. Und das illustriert sehr gut, was Habeck am Anfang seines Buches sagt: dass Umweltschutz eben niemals nur Umweltschutz ist.
Lange als Randgebiet betrachtet, hat die Arktis das Potenzial, nunmehr zu einem wesentlichen geopolitischen Brennpunkt zu werden. Möglicherweise nicht einmal wegen der Rohstoffe: Habeck weist darauf hin, dass diese schwer zu fördern sind und sich die Schifffahrtsrouten bislang nicht rentabel nutzen lassen. Vielleicht entzünden sich Konflikte also gar nicht an ihnen. Seine Diagnose: „Aber nationalem Wahn ist schwer beizukommen. Und der ist, nicht zum ersten Mal in der Geschichte, die treibende Kraft der Konflikte“ (S. 325).
Ich möchte diesen Text mit einem Satz schließen, der mir sehr gefallen hat. An einer Stelle schreibt Habeck: „Allein, wenn die Welt eine wünschenswerte wäre, wäre sie eine andere.“ Das mag man nach der Lektüre dieses Buches, aber auch beim Blick auf die Welt im Moment durchaus unterschreiben.
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Ja, ich bin mir bewusst, dass das jetzt mit dem großen Plakatklebequast gemalt ist. ↩
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Ich habe kein gutes Gefühl, was die nächste Bundestagswahl betrifft. Und das Verhalten einer ehedem als staatstragend geltenden Partei in Bezug auf das Berliner Wahlergebnis lässt mich da nicht besser schlafen. ↩
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Er streut entsprechende Punkte an verschiedenen Stellen ein, beispielsweise die Elektrifizierung in China, von der er aber ausführt, dass sie primär der Unabhängigkeit von fossilen Energien dient. ↩
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Man mag von ihm halten, was man will, aber er hatte ein Gespür für Geschichten, die später erschreckend nah an der Realität waren. Ich erinnere an das ins Kapitol stürzende Verkehrsflugzeug in Debt of Honor (dt. Ehrenschuld) von 1994. Mit genügend Alufolie im Haus könnte man zu dem Schluss kommen, dass Clancy ein Geheimdienst-Asset war, das die Amerikaner über Gefahren in Kenntnis setzen sollte, die man der Bevölkerung anders nicht vermitteln konnte. Genau wegen dieses Gespürs erwähne ich ihn hier. ↩
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Dass dieser seinen Ausgang in der Zerstörung einer großen Raffinerie nimmt und die Auseinandersetzung im Buch eigentlich nur die Einnahme der Ölfelder am Persischen Golf vorbereiten soll, hat bei Betrachtung der heutigen Situation schon eine spezielle Ironie. ↩