Eine Tasse steht viel zu nah an der Tischkante. Kaffee ist unverschämt teuer geworden. Ich verzichte mittlerweile auf Kaffee, ich bin sowieso eher ein Teemensch. Aber das Ritual der Tasse Kaffee am Morgen ist notwendig, wenn ich nicht die Geister meiner Profession verärgern möchte. Allerdings werden die schon nicht so genau nachgucken, dass der Inhalt der Tasse wie Kaffee aussieht, in Wahrheit aber nur der Extrakt eines Kaffeesurrogats ist.
Wenn ich nicht aufpasse, stürzt sich diese Tasse gleich in die Tiefe. Ich frage mich, welche Farbe die Laminatfugen wohl annehmen, wenn sich die blaue Farbe des gefallenen Tintenglases von vor einigen Wochen mit der braunen Farbe des Kaffees vereinen würde.
Wenn ich so drüber nachdenke, möchte ich doch nicht wissen, was das für eine Farbe ergibt. Ich habe die Tasse gerade vom Abgrund genommen.
Remix
Wann fing es eigentlich an, dass sich alles so anfühlt, als würde man selbst an einem Abgrund stehen? Ist das eine neue Entwicklung? Oder kommt uns das nur so vor, weil wir uns an die Vergangenheit nicht mehr vollständig erinnern?
Vor einer Weile schrieb ich auf Mastodon, dass alles, was wir heute erleben, ein Remix dessen ist, was schon in der Vergangenheit passiert ist. In meinem Regal befindet sich eine Art Zeitkapsel.
Bücher
Mein Vater hat vor vielen Jahren meinem Opa (der zeitlebens überzeugter SPD-Wähler war) einen Band zum hundertsten “Geburtstag” des Vorwärts geschenkt. Dieser enthält eine kuratierte Auswahl von Zeitungsseiten aus dem Vorwärts von 1876 bis 1976. Mein Opa lebt schon lange nicht mehr. Das Rauchen hat ihm am Ende das Leben gekostet. Über einige Umwege ist das Buch bei mir gelandet.
Ich habe sogar, weil das Original (im Sinne von der 1976 geschenkten Version) einige Zerfallserscheinungen aufwies (die Bindung vermochte irgendwann ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht zu werden), in einem Online-Antiquariat eine neue Version erworben, die ich heute zusammen mit dem Original lagere. Dieses Buch erinnert mich an meinen Opa, so wie mich das Buch irgendwann auch an meinen Vater erinnern wird.
Das Buch mit den Ausgaben des Vorwärts ist deswegen so interessant, weil es wenige Jahre nach meiner Geburt endet. Es ist eine Sichtweise auf die Dinge, die vor mir passiert sind.
1976
Im Rahmen dieses Textes ist allerdings die kurze Überschneidung meines Lebens mit dem von diesem Buch erfassten Zeitraum bedeutsam. Ich habe, nachdem ich das Buch damals erhalten habe, natürlich auch wieder ein wenig darin geblättert, bevor ich es zu der geschenkten Ausgabe gelegt habe. Mein Hirn ist dort an einem Artikel hängen geblieben.
In der Ausgabe vom 14. Juni 1976 findet sich der Artikel „Deutschland und die Sozialisten“. Der Autor Greiffenhagen führt hierbei aus, dass die politische Rechte aufgrund einer langen historischen Tradition die demokratischen Werte Freiheit und Gleichheit gegeneinander ausspielt. Dadurch fällt es ihr bis heute leicht, Wahlkämpfe nach einem seit dem 19. Jahrhundert bekannten Muster zu führen, indem sie Freiheit betont und Sozialismus ablehnt.
Man muss diesen Artikel mit dem Hintergrund verstehen, dass 1976 die CDU unter anderem mit dem Slogan „Freiheit statt Sozialismus“, die CSU nutzte „Freiheit oder Sozialismus“. Das war auch in der CDU damals eine hochumstrittene Kampagne.
Man mag politisch rechts oder links stehen. Ich möchte das hier gar nicht bewerten. Was mir auffiel, war, wie sehr sich 50 Jahre später die Themen gleichen. Wie sehr sich die politische Auseinandersetzung immer noch um diese Dichotomie rankt, wie sehr sie argumentationsgleich geführt wird. Gedanklichen Fortschritt ist schwer zu erkennen. Und dies ist nicht nur in Deutschland zu beobachten.
Ja, ich verstehe durchaus, dass man Wahlkampf nicht mit „Jo, im Grunde wollen wir das Gleiche, nur mit leichten Abwandlungen“ macht, sondern mit Gegensätzen. Ich glaube aber wirklich, dass der politische Diskurs in den Demokratien und die Herausforderungen, vor denen wir stehen, durchaus mal neue Themen vertragen könnte. Neue Diskussionsstrukturen. Neue argumentative Dichotomien. Und damit meine ich nicht das Wiederaufgreifen von Ressentiments gegenüber Schwächeren. Wiederaufgreifen sagt es nämlich schon: Das sind keine neuen Themen.
Vielleicht muss man auch, um die Anmerkungen von Greiffenhagen zu verstehen, im Hinterkopf halten, dass das politische Spektrum 1976 völlig anders konstruiert war. Der Autor bezeichnet die Unionsparteien als rechts. Man hatte die SPD als links verortet. Und in der Mitte war dann irgendwo die FDP. Die Grünen sollten erst einige Jahre später gegründet werden, auch wenn die Entwicklungen, die dazu geführt haben, schon im vollen Gange waren.
Ist die Vergangenheit so anders?
Während das Gelesene sich in meinem Kopf mit meinen Gedanken vermischt, kam bei mir die Frage auf, ob die Zeit meiner Jugend, meines frühen Erwachsenenseins, wirklich so anders war. Und war sie wirklich besser? Und ich habe mir so ein wenig Gedanken zu dem Thema gemacht, was eigentlich früher passiert ist.
Schulzeit
Ich brauche noch nicht einmal dieses Buch, welches so viele Jahre in die Vergangenheit geht. Ich habe mal einen Zettel und einen Füllhalter genommen und überlegt, was mir ohne Rückgriff auf Wikipedia so einfällt. Ich wählte diesen analogen Ansatz, um nicht dann doch ins Netz zu gucken, sondern um zu prüfen, an was ich mich ohne Recherche erinnere.
Ich nehme nur mal die Jahre, in denen ich groß geworden bin. Mein Abitur habe ich 1992 gemacht. Das Ende meiner Schulzeit ist nun 33 Jahre her. Ich war zu dem Zeitpunkt mit Sicherheit nicht erwachsen, ich glaube, niemand ist es zu diesem Zeitpunkt.
In meiner Kindheit und Jugend ist viel passiert. Einige der vielen Rambo-Filme. Bruce Willis hatte zweimal das Pech, zu Weihnachten am falschen Ort zu sein. Ich bin mir bis heute nicht so völlig sicher, ob Rocky IV wirklich ein Rocky-Film war, sondern eigentlich eher in die Rambo-Kategorie gehört. Stallone schlägt die Sowjetunion im Alleingang. Genauso wie er in Rambo III den Afghanistankrieg gewann. Schlecht gealterter Film, sehr schlecht. Wie auch immer. Denn es gab in beiden Reihen viel zu viele Filme für viel zu wenig Handlung. Rocky (der erste) war ganz gut. Rambo (der erste) war auch ganz gut. Der Rest … naja … das, was damals als Popcorn-Kino durchging.
Aus dem heroischen Kampf gegen die Unbill der Weltraumerforschung wird in Alien das „occupational hazard“, dass man auch mal Brutstätte für ein säureverspritzendes Monster werden kann, während man seiner Arbeit als Weltraumfernfahrer nachgeht. Die entsprechende Meldung bei der Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswesen wäre sicherlich interessant zu lesen. Und Erinnerungen vergehen wie Tränen im Regen, wenn eine Maschine das Ende ihrer vorgesehenen Lebenszeit erreicht hat. Ein Android, der am Ende noch die Größe besitzt, demjenigen das Leben zu retten, der ihn eben noch versuchte umzubringen. Jemand vom Abgrund zu ziehen, der im Auftrag handelt. Jemanden, der selbst nicht weiß, was er ist.
Wesentliche Beiträge zur filmischen Science-Fiction verloren den utopiehaften Fortschrittsglauben. Sie zeigten eine Welt, in der sich die Technik verändert hatte, nicht aber die Strukturen. Es waren keine Dystopien, sondern unsere Zeit in die Zukunft gedacht mit all ihren Problemen. Diese Filme waren Remixe unserer Gegenwart, keine neuen gesellschaftliche Entwürfe.
Magnum hatte ein erhebliches Problem mit seinen Erlebnissen in Vietnam. Das habe ich damals als Jugendlicher nicht so richtig mitbekommen. Dieser Teil wurde in Deutschland entfernt. Ich habe erst später davon erfahren. Murray Bozinski prägte mein Bild von Nerds. Und ich wollte nie so werden. Wenn ich aber auf die letzten 40 Jahre zurückblicke, plagt mich das ungewisse Gefühl, dass es genauso gekommen ist. Ich kann nur deutlich besser damit leben. Dallas. Denver. Miami Vice. Unsägliche Klamotten in Pastellfarben. Mit Polster in den Schultern. Was hat sich die Welt damals nur gedacht?
Peter Gabriel war nie besser als zwischen 1986 und 1992. So und Us. 1992 brachte Tori Amos ein wirklich geniales Album mit „Little Earthquakes“ heraus und hat mein Crushschema für viele Jahre beeinflusst. Und ich erinnere mich an viele Tapes mit Musik, auf denen immer mindestens eine war, bei denen die Aufzeichnung durch den Hinztriller ruiniert wurde. Oder durch den in die Musik reinrutschenden Moderator.
Mal ernsthafter
Um das Ganze mal ein wenig von der ernsthafteren Seite zu betrachten. Es gab in den 80er Jahren eine Vielzahl von Kriegen: Golfkrieg. Der Erste, Schiiten, Sunniten, Irak, Iran. Beschäftigt man sich das erste Mal damit, Afghanistankrieg. In einer Reihe von Ländern tobten Bürgerkriege. Manche von ihnen schwelen bis heute. Falklandkrieg. Großbritannien gewinnt. Argentinien verliert. Für das Selbstverständnis von Großbritannien so wichtig wie für die Position Thatchers.
Wir hatten gegeneinanderstehende Machtblöcke, deren noch harmloseste Auseinandersetzung der gegenseitige Boykott der Olympischen Spiele war, die jeweils in den dominierenden Ländern der Blöcke ausgetragen wurden. Auch wenn sich vermutlich die meisten nur noch an den Typen mit dem Raketenrucksack erinnern werden. Mit Able Archer 83 hatte eine Übung des einen Machtblocks das Potenzial, alle in die Luft zu jagen, weil der andere Machtblock diese für den Ernstfall hält.
Es war aber auch die Zeit, in der sich Entwicklungen abspielten, die den Blockkonflikt erst einmal entspannen sollten. Glasnost. Perestroika. Ich habe in den Nachrichten gesehen, dass Reagan und Gorbatschow in Reykjavik ihre Verhandlungen immer weiter in die Länge zogen, um dann doch keinen Durchbruch zu erzielen. Der INF-Vertrag wurde beim nächsten Gipfel unterschrieben.
In meiner Lebenszeit war kein Mensch auf dem Mond. Obwohl ich noch eine gewisse Hoffnung habe, dass sich das in meiner Lebenszeit ändert. Den ersten Shuttlestart sah ich damals im Fernsehen. Mein Vater ließ mich damals bei der NASA anrufen, als bei einem Shuttlestart angeboten wurde, dass man darüber den Kommunikationsfeed zum Spaceshuttle abhören konnte. Teuer. Sehr teuer.
Von der ersten Shuttle-Katastrophe hörte ich, als ich auf dem Rückweg von der Nachhilfe (meine schulische Achillesferse bedurfte einer deutlichen Stärkung) war und auf meinen Bruder traf, der mir wissend um mein Interesse für alles rund um den Weltraum davon erzählte.
Wir hatten ein Loch in der Ozonschicht. Es war Blei im Benzin. Saurer Regen zerstörte unsere Wälder. 1976 Seveso. 1984 Bhopal. Ich erinnere mich noch daran, dass ein Feuer in einem Chemiewerk in der Schweiz den Rhein über weite Strecken rot färbte und bis Koblenz entaalte. Ah … verdammt … da ist wieder Koblenz.
Aber auch: Gorleben. Wackersdorf. Tschernobyl. Betreten des Rasens in der Schule verboten. Für mehrere Wochen. Die Diskussion um Milchpulver, das niemand haben wollte, und schlussendlich auf dem Gelände des AKW Emsland gelagert wurde. In Frankfurt wird sich um eine jahrelang geplagte Startbahn geprügelt. Die Auseinandersetzung endet erst, als geschossen wird und Menschen sterben.
Wir hatten die Erste Intifada. Die Hamas wurde in der Zeit gegründet. Seitdem harrt die Gegend da einer Lösung. Und es sieht nicht aus, als wären wir dieser auch nur einen Schritt weiter gekommen.
Wir hatten das Oktoberfestattentat Anfang der 80er Jahre. Davon bekam ich nichts mit. Davon habe ich erst gegen Ende der 80er Jahre gelesen. Rechtsextreme zündeten damals eine Bombe auf dem Oktoberfestgelände. Über Lockerbie stürzt ein Flugzeug auf eben jenes Dorf ab, nachdem eine Bombe explodiert. Irgendwo werden auf irgendeinem Platz irgendwelche Proteste gewaltsam beendet. Ein koreanisches Flugzeug wird abgeschossen.
In Südafrika herrscht immer noch die Apartheid. Nelson Mandela war noch nicht gewählt worden. Aber der Schrei nach Freiheit ist deutlich zu hören.
HIV und AIDS wurden bekannt. Es war die große Epidemie, die in den 80er Jahren in unser Bewusstsein geriet. „Tina, was kosten die Kondome?“ ist tatsächlich auch schon aus 1989. Ich bin bis heute der Meinung, dass jene Werbekampagne kontraproduktiv war. Niemand will derjenige sein, für den Tina die Preisauskunft aufruft. Zumindest nicht mit 16. Und nicht als männlicher Heranwachsender.
Was war noch passiert? Der Schrei der Menge, als die Ausreise der Menschen in der Prager Botschaft genehmigt wurde, ist mir bis heute im Ohr. Die Mauer fiel, als ich gerade in die Oberstufe kam. Die Wiedervereinigung folgte, als ich in der 12. Klasse war.
Zweiter Golfkrieg fiel auch in meiner Schulzeit. Ich saß in der Klasse radiohörend, was wohl nun passieren würde. In großer Sorge. Ging auf meine erste Demonstration.
Wir hatten unsere Lebensmittelskandale: In Fisch waren Würmer drin, wie uns der Monitor mitteilte. Meine Oma meinte damals nur sinngemäß: „Ja und? Deswegen isst man manche Fische aus der Ems auch nicht mehr nach einem bestimmten Tag.“ Österreichischer Wein enthielt Glykol.
Neue Zeit
Dann kamen die späten 90er. Ich war mittlerweile über 20 Jahre alt geworden. Und in den späten 90er Jahren fühlte sich die Welt wirklich kurzfristig so an, als könnte sie besser werden. Der Kalte Krieg war vorbei.
Besser, nicht gut. Längst nicht gut. Denn an Schrecken waren auch die 90er reich. In den 90er Jahren war da der Jugoslawienkrieg. Srebrenica kommt mir da sofort in den Kopf. Wenn ich es darauf anlegen wollte, den ganzen Mist der 90er Jahre aufzuzählen, wäre meine Liste eben so lang wie jene meiner Kindheit und Jugend.
Dennoch, die Zeit fühlte sich nach Aufbruch an. In Deutschland endeten die erstarrten Jahre unter Helmut Kohl. Tony Blair gewann in Großbritannien. Mit Bill Clinton war ein Demokrat Präsident. Es war die Zeit der Flasche Bier, von Cool Britannia und dem Saxophon. Es war der erste Neuanfang nach dem Ende des Kalten Krieges. Heute bewerten wir all die Politiker dieser Zeit anders. Es sind heute andere Begriffe, die sich mit jenen Politikern verbinden.
Dann endete das Jahrtausend. Die Welt ging nicht unter. Die Leute sprachen von einem Hoax, vergessend, wie viele Leute sich über Jahre damit beschäftigt haben, den Weltuntergang zu verhindern. Ich saß am 31.12.1999 um 23:59 in einem Büro in Oldenburg und wartete auf einen Crash, der nicht kam. Ich hatte an jenem Silvester meinen ersten DVD-Player gekauft, um nicht völlig gelangweilt den Abend zu verbringen.
Es waren seltsame Tage, aber nicht so seltsam, als dass wir es vermochten, unsere Wahrnehmungen aufzuzeichnen. Das wir diese Technik auch 25 Jahre später nicht entwickelt haben, ist wahrscheinlich ein Segen. Ich kann das ohne technische Hilfe gut genug, Erinnerungen nicht zu vergessen und mich damit zu kasteien. Da brauche ich nicht noch Nachhilfe in Farbe und Technicolor.
Die Welt ging Ende 1999 nicht unter. Aber sie sollte sich tiefgreifend verändern. Etwas mehr als anderthalb Jahre später. Das wussten wir zum Jahrtausendwechsel nicht. Zuerst barst die Blase des .com-Booms, danach die Blase, dass sich die Welt mit dem Ende des Kalten Krieges entscheidend ändern würde.
Und ihr Ende
Die Hoffnung endete für mich 2001. Als ich in einem Büro in Hamburg saß und neben den zwei Türmen auch meine Hoffnung in sich zusammenstürzte, dass meine Welt auf dem Weg in die roddenberryische Utopie irgendwann einen Schritt weiterkommen würde.
Nach den stürzenden Türmen kam der dritte Golfkrieg, ein weiterer Afghanistankrieg, diesmal auch mit deutscher Beteiligung. Denn die Freiheit wurde angeblich auch am Hindukusch verteidigt.
Und seitdem sind wir durch die Subprime-Krise gegangen. Wir hatten eine Pandemie. Und was nicht alles sonst noch passiert ist. Wie viele Katastrophen, die uns als einmalig in einer Lebenszeit beschrieben worden sind, sind seitdem einfach nur ein weiterer Montag.
Was blieb?
Was davon übriggeblieben ist? Nicht viel würde ich sagen. Ich hätte gerne Herrn Picard als Chef gehabt. Ich hatte zwei Chefs, in denen ich das Potenzial dazu sah. Dass ich das erste Halbjahr 2001 gerne in 52 Wiederholungen gehabt hätte. Sonst wird doch auch alles wiederholt.
Was bleibt, ist der Gedanke an dieses Lied, das auch in jene Zeit fiel. Es ist aus 1989. Wir singen es nur mit unserem eigenen Text und unserer eigenen Stimme. Unser persönliches „We didn‘t start the fire“.
Schmidt. Ölkrise. Reagan. Breschnew. Afghanistan. Kohl.
Schröder. DotCom-Bust. Bush, der Jüngere. Irak und Afghanistan. Merkel.
Scholz. Inflation. Trump. Ich muss nicht mehr sagen, ich denke jeder hat seine Meinung dazu. Merz.
2025 erscheint irgendwie enttäuschend
Ich bin im Heute. 2025 liegt gerade hinter uns. Es ist 2026. Das Jahr ist noch jung. Auch wenn bereits viel geschehen ist. Von „Yay … 80 Zeichen pro Zeile“ sind wir bei 8k angekommen. Die Atomkraftwerke haben wir mittlerweile stillgelegt, auch wenn das einige Menschen immer noch nicht verknusen können. Ich glaube, es geht da schon lange nicht mehr darum, was gut ist, was uns weiterbringt. Es geht scheinbar nur noch um Recht haben.
Aber: Hoverboards haben wir immer noch nicht. Sich selbst schnürende Nikes nur prototypisch. Dafür haben wir sprechende Statistikprogramme, in deren Antworten wir Intelligenz sehen, weil wir es auch im Jahr 2026 nicht geschafft haben, die für 2001 versprochenen mordenden Computer zu bauen. Und 2010 ist auch keine zweite Sonne am Himmel aufgegangen, die unseren Planeten in Frieden gestürzt hätte.
Apropos Frieden und Supermächte: In der Ukraine tobt ein Krieg, von dem auch ich gedacht habe, dass dieser nur einige Tage dauern würde. Und bei dem ich immer noch kein Ende sehe.
Wirklich alles besser? Alles anders?
Wenn also jemand sagt: „Früher war alles besser! In die Zukunft durch die Vergangenheit!“ dann ergeben sich zwei Fragen: „War es wirklich besser?“ Und „War es wirklich anders?“. Wenn ich mir so ansehe, was ich geschrieben habe, kann ich die erste Frage mit einem klaren Nein beantworten. Was bitte schön war früher besser? Insbesondere wenn ich meinen Blick auf die Welt und nicht nur auf meinen westdeutschen Tellerrand beziehe. Oder gar meinen Tellerrand mit dem ostfriesischen Zwiebelmuster.
Man kann sich sehr berechtigt fragen, was sich eigentlich geändert hat. Nichts … so im Grunde genommen. Namen haben sich geändert, Orte haben sich geändert, Beteiligte haben sich geändert. Aber der Tanz ist immer noch der selbe.
Und ja. Mir ist auch klar, dass das da oben stark vereinfachend ist. Aber die Grundzüge meiner Vermutung, dass die Geschichte immer nur ein Remix des Vergangenen ist, scheinen da nicht so fern.
Same challenges, different decade
Vielleicht ist es dieses Gefühl, sich in einem immer wiedergehenden geopolitischen Groundhog Day zu befinden, dass die Leute nach Auswegen suchen lässt. Irgendwas muss sich doch ändern. „Ich will das alles nicht“. Nur um dann noch mehr in die Vergangenheit zurückzustreben.
Es fühlt sich fast so an, als hätten wir für jede Dekade einen etwa gleichen Ablaufplan. Wir können uns nur aussuchen, mit welchen Farben wir diesen ausmalen.
Wenig Gutes
Ihr merkt, ich verbinde wenig Gutes mit der Zeit. Vielleicht habe ich es daher auch deutlich einfacher, diese Zeit loszulassen. Vielleicht vermag ich aus diesem Grunde auch diese Zeit nicht in gefühlter Schönheit zu verklausulieren.
Das mag damit zusammenhängen, dass ich in den 80er Jahren meine ganz persönliche Katastrophe hatte. Mobbing ist keine Erfindung unserer Zeit. Wir haben sie nur mittlerweile digitalisiert und unausweichbar gemacht.
Ich bin aber auf eines stolz in dieser Zeit: Ich habe nie die Kontrolle verloren und versucht, mit wirklicher Gewalt das Problem zu lösen. Ich trage bis heute eine kleine Narbe unter meiner Unterlippe, weil ich nicht mal zurückschlug, als ich von einem Mitschüler geschlagen wurde. Ich wollte nicht auf das Niveau dieser Menschen fallen. Auch wenn ich so zwischen 20 und 30 regelmäßig auf die Frage, was ich gegen den Ort meiner Jugend hatte, mit „nichts wirklich dauerhaft Effektives“ geantwortet habe.
Ich habe mehrfach über die Jahre gelesen, dass Mobbing keine postraumatische Belastungsstörung erzeugen kann. Ich kann euch nur sagen: Das fühlt sich sehr anders an. Ich habe die Zeit gehasst. Und deswegen fehlt mir die rosarote Brille, mit der viele Menschen ihre formativen Jahre sehen, so völlig.
Kalter Krieg
Und dann kommt ohnehin der Punkt, dass die Zeit bis 1989 und noch ein wenig später ungewöhnlich war.
In dieser Zeit war der Kalte Krieg für mich stets unterschwellig da. Aus meinem Zimmer konnte ich in der Ferne blinkende Lichter sehen, die Flugzeugen helfen sollten, einigen Türmen auszuweichen.
Es war damals noch nicht die Zeit allgegenwärtiger Windkraftanlagen. Growian war gerade im Scheitern begriffen beziehungsweise schon gescheitert. Wobei hier scheitern vielleicht auch nicht das richtige Wort war. In vielerlei Hinsicht. Zum einen sollte Growian scheitern. Growian ist gescheitert, und damit nicht gescheitert, und am Ende doch gescheitert. Das mag total verwirrend klingen, ist es aber nicht. Growian war dazu gedacht, uns von der Atomkraft zu überzeugen. Hat nicht so recht geklappt. Technisch ist Growian gescheitert. Und damit hatte Growian sozusagen sein Ziel erreicht. Nur hat es uns nicht von AKWs überzeugt. Und Growian wäre heute eher ein Mittelklasse-Modell.
Es konnten damals noch nicht irgendwelche Windkraftanlagen sein. Was war also das Blinken in der Ferne? Von meinem Zimmer konnte ich den Großteil der Masten der Marinefunkstelle Rhauderfehn sehen. Auch wenn sie bei uns nur „Die Türme“ oder „Ramsloh“ nach dem nahegelegenen Ort hießen. Das letztere ist in Saterland, das andere in Ostfriesland. Es sind mehr Türme in Ostfriesland als im Saterland, also eben Rhauderfehn. Von hier aus konnten U-Boote durch die besondere Ausbreitung von Längstwellen auch unter Wasser erreicht werden.
Und Flugzeuge gab es viele bei uns in der Gegend. Ich lebte im Grunde genommen im erweiterten Einzugsbereich der Nordhorn Range, eines Bombenabwurfplatzes. Tiefflieger waren ein ständiger Begleiter in meiner Jugend.
Ich schrieb schon in meinem Blogartikel zum Thema Flugangst, dass ich schon als kleiner Stöpsel die Flugzeuge ähnlich zielsicher zu unterscheiden vermochte wie heute es Kinder mit hunderten von Pokémon vermochten. Wobei es damals deutlich schwerer war, an die nötigen Informationen zu kommen, denn was heute ein kurzer Blick ins Internet, Sekunden in der Wikipedia war, war damals ein Gang in eine Bibliothek. Und die kirchlich getragene Bibliothek des Ortes war zwar sehr gut mit Asterix- und Schlumpfcomics ausgestattet, zu Fluggeräten war die Auswahl eher sehr dünn und ein Wasistwasbuch „Tiefflieger über Ostfriesland“ gab es nicht.
Es gab bei uns in der Nähe die Fliegerhorste bei Wittmund und Oldenburg. Im Rahmen einer Projektwoche „Bundeswehr“ war ich während meiner Schulzeit damals sogar in einem Flugsimulator für die damals in Oldenburg stationierten Alphajets und bin dann sogar einige Momente (es könnten auch einige Momente mehr gewesen sein, weil ich einfach nicht abstürzte) geflogen. Ich war lange stolz, dass ich das absturzfrei hinbekommen habe, bis bei mir irgendwann der Gedanke hochkam, dass die vielleicht einfach nur die Bodenkollisionserkennung ausgeschaltet haben.
Das mit den Tieffliegern war angsteinflößend. Ich erinnere mich an einen Tag, als A10 (der Klang der Triebwerke war unverwechselbar) über unserem Dorf anscheinend Luftkampf geübt haben. Nur sehen konnte man sie nicht. Es lag dichter Nebel über dem Ort. Es ist kein gutes Gefühl, etwas nur zu hören, es aber nicht zu sehen. Etwas, das so unheimlich klang, wie die Triebwerke eines Tieffliegers.
Es gab tatsächlich die Angst, dass ein Tiefflieger mal irgendwann eine Schule in Schutt und Asche legen würde. Ich schrieb damals darüber einen Text für die Schülerzeitung, der nicht veröffentlicht wurde. Abstürze von Militärmaschinen waren in den 80er Jahren in Deutschland ja nicht eben selten. Und damit meine ich nicht nur das Unglück von Rammstein.
Gelöst hat am Ende das Tiefflugproblem das Geld: Es war zunehmend weniger Geld für Übungsflüge vorhanden, somit flogen die Flugzeuge immer seltener. Der Fliegerhorst in Oldenburg wurde geschlossen. Auch das reduzierte die Tiefflüge deutlich. Der Fluglärm wurde weniger. Die Angst, dass Ramstein oder Remscheid sich wiederholen könnte, wurde weniger.
Apropos Flugzeuge, das war auch der Grund, warum in relativer Nähe meines Wohnorts amerikanische Atomwaffen lagerten. Eine der Ideen des Kalten Krieges war es, in hochfliegenden sowjetischen Bomberströmen atomar bewaffnete Raketen zur Explosion zu bringen, um damit den ganzen oder einen großen Teil der Flugzeuge abzuräumen. Dafür gab es in Deutschland atomar bewaffnete Flugabwehrstellungen. Mit Raketen, die notwendigerweise auf damals Bundesrepublikanisches Gebiet niedergehen mussten, weil sie nur von beschränkter Reichweite waren. Mit Sprengköpfen, die dazu entwickelt waren, über unseren Köpfen zu explodieren. Für diese atomare Bewaffnung gab es ein kleines amerikanisches Kasernchen - nicht mehr als ein umzäuntes Gebäude - in dem jene Soldaten lebten, die die Sprengköpfe unter ihrer Aufsicht hatten.
Ich lebte damals also - obwohl auf dem platten Land wohnend - in einer zielreichen Umgebung. Ich habe mich damals als Jugendlicher keinen Illusionen hingegeben. Es war die Zeit, in der sich der Film und Fernsehen eindrücklich damit beschäftigt haben. Der Tag danach. Obwohl heftig, immer noch eine weichgespülte Variante. „Threads“ … Die deutlich graphischere, deutlich bessere britische Version eines Films über den atomaren Holocaust. „Wenn der Wind weht“ … im Grunde genommen die Chronologie des vom ersten Moment unvermeidlichen jämmerlichen Verreckens eines älteren Ehepaars.
Mir war auch als Jugendlicher schnell klar, dass die Gegend vermutlich zu den Ersten gehört hätte, die irgendwas abbekommen haben. Ja, das war alles nicht vergleichbar damit, direkt neben Ramstein-Miesbach oder Bitburg zu leben. Aber wie sagt Joe Huxley (gespielt von John Lithgow, den ich für völlig unterschätzt halte, nicht erst seitdem er Winston Churchill in „The Crown“ gespielt hat. Da fällt mir ein, dass ich immer noch nicht die letzten beiden Staffeln geguckt habe) in „The Day After“: There’s no “nowhere” anymore. Auch nicht in Ostfriesland.
Und das hat mir Angst gemacht.
Bundeswehr
Es ist wahrscheinlich einer der Paradoxien meines Lebens, dass ich trotz dieser Befürchtung später doch bei den Streitkräften gelandet bin.
Nicht so recht aus Überzeugung. Ich wollte keinen Zivildienst machen. Ich wollte durch das Thema Wehr/Ersatzdienst so schnell wie möglich durchkommen. Mein Studium der Informatik fortzusetzen, aus dem ich heraus eingezogen worden bin.
Ich habe seit jener Zeit ein sehr anderes Bild von der Bundeswehr. In vielerlei Hinsicht. Es ist kein typisches Bild. Den größten Teil meiner Dienstzeit bei der Bundeswehr habe ich in der Clausewitz-Kaserne in Oldenburg verbracht. Und damit weiß der geneigte Beobachter, dass ich der Stabskompanie der 11. Panzergrenadierdivision zugeordnet war. Später war ich noch für ein halbes Jahr bei der Stabskompanie des I. Korps, bevor dieses zum 1. Deutsch-Niederländischen Korps geworden ist. Man hat hier sehr viel mit Offizieren zu tun, mit altgedienten Unteroffizieren. Es ist ein völlig anderes Klima. Daher kommt vielleicht auch mein etwas anderes Bild der Bundeswehr.
Clausewitz schrieb: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Es ist der Satz von Clausewitz, den wahrscheinlich so gut wie jeder kennt.
Auch als Pazifist muss man sich die Frage stellen, wie man auf eine Politik reagiert, die die Politik mit anderen Mitteln fortsetzt. Ich bin damals zu dem Schluss gekommen und noch heute der Meinung, dass das einzig probabile Mittel ist, Krieg zu verhindern, einem Opponenten klarzumachen, dass diese Fortsetzung der Politik eine Sackgasse ist, weil es darin nichts zu gewinnen gibt. Es ist wenig hilfreich, einfach zu definieren, dass man mehr Diplomatie bräuchte, wenn die Politik eines anderen Landes längst entschieden hat, diese mit anderen Mitteln fortzusetzen, gegebenenfalls auch wenn dieses Land.
Es ist bald 200 Jahre her, dass Clausewitz starb, bevor er „Vom Kriege“ beenden konnte. Sicherlich hat sich die Kriegsführung seitdem geändert und so manches kann nicht in die heutige Zeit übernommen werden. Die grundlegenden Ideen sind aber trotz ihres Alters immer noch tragfähig. Sie sind so aktuell wie seit ihrer Verschriftlichung. Es ist wahrscheinlich ein sehr guter Anhalt, wie wenig sich im Grunde genommen geändert hat und dass der Remix nicht wenige Dekaden in die Vergangenheit zurückreicht, sondern über Jahrhunderte.
Ich glaube, es war mithin auch die Utopie der Zeit zwischen dem Ende des Kalten Krieges und den Anschlägen vom 11.9.2001, in der man wirklich so ein wenig die Hoffnung hatte, dass sich die Menschheit ein wenig von jenem Zustand entfernt hatte, der uns seit Anbeginn der Zeit verfolgt.
Die Zeit nach dem 11. September hat uns gezeigt: Im Grunde genommen hat sich nichts geändert. Wir sind nach einer kurzen Pause in den alten Tanz verfallen.
Insel der Stabilität am Abgrund
Ich weiß nicht, ob es den meisten Menschen meines Alters so wirklich klar ist, dass das, was sie in der Rückschau als Normalität und damit wünschenswerten Zustand sehen, ein hochgradig anormaler Zustand war.
Wir standen über viele Jahre auf einer Insel relativer Stabilität hier in Deutschland, aber ständig am Abgrund der Vernichtung. Durch ganz Europa zog sich ein Vorhang. Durch Deutschland zog sich eine Mauer. Wir hatten Fallkörper über den Straßen, Kanäle, die an einer Seite steiler sind als auf der anderen, Sprengschächte in Straßen und Brücken. Wir hatten Tote an diesem Vorhang. Es waren Schützen,Selbstschussanlagen und Minen an diesem Vorhang.
Von Italien bis in den hohen norwegischen Norden zog sich dieser Vorhang, durch den kaum ein Flüchtling zu huschen vermochte, und stellte damit einen geschichtlichen Sonderfall dar. Jeder, der den Rückfall in jene Zeiten möchte, muss sich vergegenwärtigen, dass dazu auch all die negativen Seiten gehörten, die sich kein Mensch zurückwünschen kann. Jene negativen Seiten, die die Entstehung dieses Zustands erst ermöglichten.
Das Wandern der Mitte
Ich schrieb, dass sich die Erde um die Sonne bewegt. Und für viele erscheint dann dieses wunderbar geordnete Bild des Tanzes der neun Planeten vor den Augen, das wir in der Schule gesehen haben. Ein Bild das vermutlich viele in meinem Alter mit dem Satz „Mein Vater erklärte mir jeden Sonntag unsere neun Planeten“ gelernt haben. Ein schönes Bild.
Aber das Bild ist unvollständig. Nicht nur weil Pluto kein Planet mehr ist, sondern weil es nur so ordentlich aussieht, wenn wir die Sonne in die Mitte des Universums stellen. Aber das heliozentrische Modell ist genauso falsch wie jenes, in dem wir die Erde ins Zentrum stellten. Die Sonne bewegt sich durchs Universum. Und von außen betrachtet scheint es eher ein Taumeln zu sein, mit dem wir uns durch den Weltraum bewegen. Weil die Mitte, um die wir uns bewegen, wandert. Von oben gesehen bewegt sich die Welt eben nicht in einem elliptischen Kreis.
Veränderung?
Alle denken: „Es muss sich was verändern“. Aber fast so viele denken auch: „Aber nicht bei mir“. Die Bahn ist zu spät. Aber die Neubaustrecke wollen sie dann auch nicht. Stattdessen soll eine Bestandsstrecke halbherzig ausgebaut werden, und in ein paar Jahren haben wir wieder die gleichen Probleme. Und dann wird wieder auf der Bahn rumgeprügelt.
Wir müssen dringend die Strecke zwischen Hamburg und Berlin renovieren, und wir machen da so viel, dass es einfacher ist, die ganze Strecke zu sperren, damit das uns nicht die nächsten zehn Jahre beschäftigt. Auch nicht gut.
Lieber 10 Jahre Mist während der stückweisen Bauarbeiten, damit man sich danach dann weiter über die Bahn aufregen kann, da wesentliche Dinge nicht in Angriff genommen werden konnten.
Der Wähler will Veränderung nur dann, wenn die Veränderung gegenüber dem Momentanen darin besteht, keine Veränderungen am eigenen Leben durchzuführen, sondern diese jemand anderem aufzuhalsen. Und wenn Wähler etwas, was nicht wollen, dann wollen es auch die Parteien nicht. So dampfgaren wir dann im Römertopf der bundesrepublikanischen Heimeligkeit der Klimakatastrophe entgegen.
Mein seit langer Zeit pensionierter Nachbar hat dieses Jahr eine Klimaanlage bekommen. Ich mache ihm da keine Vorwürfe. Ich habe schon vor einigen Jahren eine Klimaanlage zum Schutz meines Vaters an die Wand gebaut. Wir sind ja intelligente Frösche. Wir lassen uns nicht kochen. Wir kühlen unsere Töpfe, während die Küche um uns herum immer heißer wird. Aber was ist mit den Fröschen, die sich keine Topfkühlung leisten können?
Warum wir nur remixen?
Wir nutzen stets dasselbe Handlungsschema und ändern es oberflächlich, weil sich die Welt mit zunehmender Geschwindigkeit verändert. Das Wissen der Welt hat enorme Fortschritte gemacht. Wir bekamen das Internet, ubiqitäre Computer, Gentechnik, moderne Impfstoffe. Wir integrieren diese Weiterentwicklung in unser Leben, ohne das Handlungsschema fortzuschreiben. Im Grunde sind wir wahrscheinlich den Menschen aus der Ära von Clausewitz immer noch sehr ähnlich. Punktuell veränderte Handlungsweisen können eben nur eine entsprechend begrenzt veränderte Gegenwart zur Folge haben. Und so fühlt sich immer alles gleich an. Unser Beharrungsvermögen steht etwas wirklich Neuem im Weg.
Es wird besser
Viele kleine punktuelle Änderungen bedeuten am Ende aber auch eine Entwicklung zum Positiven. Wir sehnen uns nach dem einen großen Schritt und bemerken dabei die Entwicklung nicht.
Vielleicht ist der Tanz der Planeten eine wunderbare Allegorie für das, was auf der Welt passiert. Wir als Menschheit in der Mitte. Mit all unseren Herausforderungen, Problemen, Fehlschlägen, aber auch großartigen Momenten. Wir kreisen darum. Ständig. Befinden uns manchmal vor dem Mittelpunkt, um den sich alles dreht, manchmal dahinter. Es hat immer Zeiten gegeben, in denen alles besonders dunkel erschien. In denen wir uns am Abgrund wähnten. In denen wir die Dunkelheit über andere Menschen gebracht haben.
Die Demonstrationen letztes Jahr haben mir gezeigt, dass wir uns im Grunde genommen mit dem Mittelpunkt in die richtige Richtung bewegen, auch wenn sich wieder alles so anfühlt, als würde sich alles in die Vergangenheit zurückbewegen.
Wir werden nicht verhindern können, dass die Welt sich so anfühlt, als würde sie sich zurückbewegen. Das geht nicht. Das liegt in der Natur der Sache. Aber wir können dafür kämpfen, dass sich die Mitte von allem in die richtige Richtung entwickelt.
Um den Absturz der Tasse zu verhindern, musste ich selbst tätig werden. Im Großen ist es genauso. Wir haben gegenüber unserer Zukunft die Verantwortung. Es ist unsere Aufgabe, unsere Gesellschaft vom Abgrund zu entfernen. Und Stück für Stück den Mittelpunkt des Kreises, um den sich die Welt bewegt, in Richtung einer für alle lebenswerten Utopie zu verschieben. Wer soll das machen, wenn nicht wir selbst?