Musik. Ich habe wieder die Kopfhörer auf meinem Schädel. Vorm Rechner. Musik hörend. Schreibend. Gedanken zusammenfassend. Dies ist der erste Text, der aus der Dekonstruktion der immer weiter ausufernden Niederschrift eines Gedankens entstand.

Musik hat für mich immer eine große Bedeutung gehabt. Von daher fand ich die Idee der autobiographischen Sortierung der Plattensammlung des Protagonisten in Nick Hornbys High Fidelity bestechend, da ich selbst mit jeder Musik immer auch die Zeit verbinde, in der ich diese kennengelernt habe.

Ich hatte 2023 und 2024 eine ziemliche „Moderat“-Phase. Vielleicht, weil die Texte mich so sehr abgeholt haben. Mein Leben ließ sich in jenen Jahren sehr gut damit zusammenfassen, dass es sich die Jahre nicht in die Richtung entwickelte, die ich wollte. Die Konsequenz der Entwicklung nicht das was, was ich im Kopf hatte. Ja, die letzten beiden Sätze sind ein stark verfremdetes Zitat aus einem ihrer besten Lieder: Bad Kingdom.

Und so kommt mir gerade vieles auch vor. Mein eigenes kleines Königreich, das mich umgibt, macht nicht den Eindruck, als würde mir jemand ein Pferd dafür geben. Einen Maulesel eher … einen sehr störrischen. Allenfalls. Es ist vielleicht kein schlechtes Königreich, aber eines das mit der Zeit viele Gebrauchspuren bekam und auf gar keinem Fall sich dem Plan entsprechend entwickelt hat, mit dem das Königreich einmal seinen Anfang genommen hat.

Ich bin 2025 eher bei Kiasmos, das bei mir in Dauerrotation läuft. Wahrscheinlich wird mir die Musik nächstes Jahr aus dem Hals hängen. Bis dahin habe ich mit Sicherheit etwas Neues gefunden.

Es wird sich weisen, welche Musik im Jahr 2026 meinen Weg begleiten wird.

Rotation

Dauerrotation. Rotation. In Bezug auf Musik auch so ein archaisches Wort. Musik rotiert immer weniger. Von der Spirale als musikbringender Struktur auf der Langspielplatte über andersrum drehende Spirale einer CD bis hin zum linearen Prozess des Auslesens eines Files.

Selbst dort konnte man lange Zeit noch sagen, dass sich etwas dreht. Anfang des Jahrtausends habe ich deswegen den Begriff „rotierender Rost“ verwendet, wenn ich von Datenspeicherung auf Festplatten sprach. Aber in Zeiten von Solid State war da keine Bewegung mehr. Keine Rotation. Der Begriff hatte sich überlebt. Und war eigentlich auch schon bald nicht mehr wirklich amüsant.

Und seit der Musik nur in den geliehenen Datenströmen irgendeines Anbieters bei uns ankommt, ist da nur noch völlige Linearität. Es gibt kein Medium, das explizit die Musik trägt. Nur einen Datenstrom, der die Musik völlig entkörpert und seriell über unsere Verbindung ins Internet zu uns schickt.

Eigentlich entfernt sich die Musik damit immer weiter vom Leben, das in Kreisprozessen lebt. Von jenem Leben, das die Musik beschreibt. „From lost to love and back again“ wie Sascha Ring in Moderat’s „More Love“ singt. Käptn Peng textet „Von oben fliegt die Welt einen elliptischen Kreis“ in „Sie mögen sich“. Peter Gabriel beschreibt in Secret World (einem der großartigsten Lieder, die ich kenne) „Oh the wheel is turning spinning round and round“, wenn er dem Gedanken über die um sich herum zusammenbrechende Beziehung zu seiner Frau Ausdruck verleiht.

Eine meiner besten und langjährigsten Freundinnen sagte mal, dass Musik im Grunde genommen nur drei Themen hat: Etwas suchen, etwas haben, etwas verlieren. Und dieses Etwas ist meist Liebe, kann aber im Grunde genommen alles sein. Liebe suchen. Zu lieben. Liebe verlieren. Freiheit suchen. Freiheit leben. Freiheit verlieren. Auf Liebe verlieren folgt wieder Liebe zu suchen. Auf dem Verlust von Freiheit folgt der Schrei nach Freiheit. Kreise, die unser Leben dominieren.

Das Kreisen lag lange dem Hören von Musik zu Grunde. Ganze kulturelle Phänomene lagen diesem zugrunde. Plattencover beispielsweise, die ein rundes Medium in einer Welt handhabbarer machen sollte, die von geraden Flächen geprägt ist.

Es gibt eine Doku über die Geschichte der Firma Hipgnosis, die einige bis heute sehr bekannte Plattencover geschaffen hat. Für Pink Floyd („Nein, Autocorrect, ich meine nicht Ping Floyd. Wirklich nicht.“), das Prisma, die ersten drei Peter Gabriel-Alben, als diese nur selbsttituliert waren (wahlweise von Fans als 1-3 oder „Car“, „Scratch“ und „Melt“ bezeichnet). Die Doku trägt den Namen „Squaring the Circle“ und ist von Anton Corbijn (ja, der Corbijn, der auch das Video zu „Enjoy the Silence“ geschaffen hat).

Das „Runde in das Eckige“ ist ja hier leider schon eine Sportart belegt, würde aber ähnlich gut passen. In der Musik war die Quadratur des Kreises eben doch nicht unmöglich, sondern notwendig. Denn so sehr der Kreis das Leben in seinem Lauf repräsentiert, so ist er doch unpraktisch, um die Kreis gewordene Musik zu lagern.

Irgendwann wird man den Titel dieses Films genauso erklären müssen, wie „auflegen“ (sowohl im Sinne von Telefonhörer als auch Platte), wenn Kinder Musik niemals in einer physikalischen Inkarnation gesehen haben.

Dies wird aber noch etwas dauern, dafür haben wir viel zu oft immer noch unsere Sammlungen mit CDs und Platten stehen, die unsere Nachkommen irgendwann entsorgen werden. Und damit auch ein Teil unserer Leben.

Wenn diese physikalischen Datenträger, die wir im Laufe unseres Lebens angesammelt haben, irgendwann verschwinden, wird zwangsläufig auch unser Leben als Erinnerung verschwinden. Denn mit Schallplatten war Musikhören auch stets ein Prozess der Zerstörung. Egal wie vorsichtig man die Nadel auflegte, sie beschädigte immer leicht das Medium und damit die Musik.

Das Musikhören war auch stets ein Prozess des Verlustes. Mit jedem Hören ein kleines bisschen. Dadurch war es einfach auch nach vielen Jahren noch zu erkennen, ob eine Musik für uns bedeutsam war. Mit dem Verschwinden des Gegenständlichen aber kratzt sich der Liebeskummer, den man versucht hat mit dem wiederholten lauten Spielen immer des gleichen Lieds nicht mehr ins Medium.

Zwar berührte bei der CD das Abspielen nicht mehr das Medium, aber unser Umgang mit dem Medium hat dies weiterhin verändert. So galt das eben gesagte mit Einschränkungen sogar dieses Medium. Man konnte zwar nicht mehr erkennen, welches Lied wichtig war. Doch sah man an den leichten Kratzern im Medium, ob die Musik für einen Menschen besonders und damit oft gehört wurde. Ob die Musik nach einem ersten Interesse ungehört in einem Regal schlummerte, oder mit auf Reisen genommen wurde. Bedeutung manifestierte sich im physikalischen.

Ich schrieb vor vielen Jahren, dass Musik Gefühle in kleinen Dosen ist, die bei Bedarf einzunehmen sind. Ich schrieb damals auch, dass keine keine Nebenwirkungen bekannt seien. Genau genommen stimmt das aber nicht. Denn selbst wenn das Hören von Musik keine physikalischen Folgen mehr für das Medium hat, so verändert uns die Musik. Musik vermag zu trösten, Musik vermag uns voranzutreiben. Musik gibt uns Ruhe. Musik ist ständiger Begleiter, während wir uns durch unser Leben bewegen.

Aber die Entkörperlichung der Musik verändert diese Musik. Die eine entkörperlichte Musik muss nicht vor der Umwelt geschützt werden. Die ehedem selbst kleinen Kunstwerke darstellenden Plattencover werden überflüssig. Die Möglichkeit einen Menschen durch den Blick auf seine CD-Sammlung einzuschätzen geht verloren. Kein Schämen mehr für den Besitz von Kuschelrock 1-4356. Keine Möglichkeit, ein Gespräch über einen gemeinsamen Musikgeschmack zu beginnen, wenn man seine Lieblingsmusik im Regal gefunden hat.

Im Grunde genommen gilt dies für jedes Kulturgut, das durch die technische Entwicklung entkörperlicht wird. Der Blick ins Bücherregal beschreibt einen Menschen zunehmend schlechter, wenn jedes neue Buch nur noch als digitale Version auf einem Tablet vorliegt.

Die Entkörperlichung der Kultur ist in vielen Bereichen unumgänglich. Wir werden sie nicht verhindern können. Wir gewinnen viel dadurch, auf die gesamte musikalische Kultur unserer Welt mit mobilen Endgeräten zugreifen zu können. Wir müssen uns aber auch bewusst machen, was wir dadurch verlieren: Ein Medium, das die Bedeutung, die eine Musik für uns hat, physikalisch repräsentiert.

So sitze ich weiter an meinem Schreibtisch. Schreibe. Und die Musik, die ich in diesem Moment gehört habe, wird vergessen sein.

Written by

Joerg Moellenkamp

Grey-haired, sometimes grey-bearded Windows dismissing Unix guy.