Ich war in meinem Leben nicht wenig unterwegs. Aufgeregt bin ich trotzdem. War ich immer. Je weiter, desto aufgeregter. Morgen gehts los. Das, was da morgen beginnt, ist etwas komplett Neues für mich. Dementsprechend ist die Nervosität. Morgen wird sich weisen, ob ich an alles gedacht habe.
Pläne
Wobei komplett neu ja nicht so ganz stimmt. Neu ist nur, dass ich nicht mehr an den Ausgangsort zurückkehre. Dass Start und Ziel jeden Tages nicht am selben Ort sind. Lange Strecken bin ich schon häufiger gefahren.
Ich habe es nicht mehr geschafft, noch eine sehr lange Zweitages-Tour zu fahren vor der langen Tour. Ich hatte die Idee, elbabwärts nach Wischhafen zu fahren, überzusetzen und dann in Glückstadt zu übernachten, um anderntags nach Lüneburg zurückzufahren. Ich hatte das für Pfingsten geplant. Die Idee war, die Endkonfiguration des Rads zu testen.
Was wirklich passierte: Ich hatte Anfang dieses Monats eine Patellasehnenreizung und mir blieb dann nichts anderes, als das Knie zu schonen, um die Fahrt am Ende des Monats (also morgen) nicht zu gefährden.
Wie auch immer: Das Knie scheint zu halten, schmerzt nicht und ich bin mittlerweile echt gut beim selber Tapen. Ist aber potenziell einer der drei möglichen Gründe, die Idee in meinem Hinterkopf nicht vollständig umzusetzen. Kommen halt Voltaren-Tube und Kinesio-Tape auch mit. Wird schon klappen. Und als Backupplan ist da immer noch der Elefant.
Der Elefant im Raum
An dieser Stelle muss ich mal über den Elefanten im Raum sprechen: Mein neues Fahrrad ist ein aufgewertetes Specialized Turbo Creo 2 Carbon in einem wirklich schönen Blau, wie ich finde. Aufgewertet durch einen Carbon-Laufradsatz von Speer Laufräder (kann ich sehr empfehlen) auf Basis von Lilienthal GX Felgen, Sapim Speichen (die erwähnten Speichen mit Zulassung für Radfahrer, die ich mit einer 10er-Karte im Krankenhaus verorte) und Erase-Naben (Titanfreilauf mit Edelstahl-Ratchet, meine Hoffnung ist, dass das mit viel Pflege die Belastungen dauerhaft aushält). Der ganze Laufradsatz ist tatsächlich aus europäischer Fertigung. War mir irgendwie wichtig. Die Felgen sind durchsichtig lackiert. Man sieht also die Carbonstruktur. Sieht nicht schlecht aus.
Die Leser, die sich ein bisschen in der Produktpalette von Specialized auskennen, werden jetzt sagen “Turbo? Turbo? Turbo! Jörg, das ist ja ein Pedelec!?!?!”. Ja, nun ist es raus, ich besitze nun auch ein E-Bike. Wäre eh rausgekommen, wenn ich die Tagesetappen auf Strava oder Fatmap hier verlinkt hätte. Da steht es nämlich drin.
Das Creo 2 ist ein E-Bike für Leute, die eigentlich kein E-Bike haben wollen. Es fährt sich ganz wunderbar ohne Motor. Es wiegt knapp 15 kg. Für ein E-Bike ist das lächerlich, die Bestrafung für die Mitnahme des Motors ist also nicht ganz so hoch, obwohl das Rad immer noch doppelt so schwer ist wie das Canyon Endurace CF (das Rad ist so leicht, dass es mir tatsächlich fast in den Hamburger Hafen geweht wäre, als ich es von der autorisierten Werkstatt am Fischmarkt zum Auto geschoben habe. Auch eine völlig neue Erkenntnis für mich).
Es ist ein Rad für Leute, die nach dem E-Bike-Radfahren trotzdem duschen müssen wollen, weil man bei diesem Rad etwas tun muss, um Unterstützung vom Motor zu bekommen. Das ist so gewollt. Es ist dafür gedacht, an entscheidenden Stellen etwas Motorleistung nachzulegen. Es fühlt sich nicht wie eines dieser fast wie ein Mofa fahrenden Pedelecs an, auf dem man nur ganz leicht treten muss, damit es einen auf 25 km/h beschleunigt. Man hat nicht dieses merkwürdige wabernde Verhalten an der 25 km/h-Grenze, bei der der Motor auf jeden Fall seine Arbeit einstellt, aber sich nicht so richtig entscheiden kann. Ich kann es nur jedem empfehlen, der mit dem Gedanken an ein E-Bike hadert, sich dieses Rad mal anzugucken.
Eigentlich hatte ich mir das Rad gekauft, weil ich bei Fahrten mit meinem Bruder diesen nicht bei jeder Steigung ausbremsen wollte. Mein Bruder ist deutlich leichter als ich. Hat einen ganz anderen Körperbau als ich. Obwohl wir etwa gleich groß sind, fahre ich ein kleineres Rad. Ich bin halt Sitzriese.
Nun ist die Geschwindigkeit, mit der man eine Steigung hochfährt, nicht unwesentlich davon bestimmt, wie viel Watt man pro Kilo Systemgewicht treten kann. Fahren zwei Radfahrer den gleichen Berg hoch, haben aber ein deutlich unterschiedliches Gewicht, hat einer von beiden weniger Spaß, entweder fährt einer langsamer den Berg hoch, als er oder sie es theoretisch könnte, oder muss warten, oder einer muss deutlich mehr Leistung treten und kommt deutlich geschaffter an. Die Idee des E-Bikes war es, diesen Unterschied gegenüber Mitfahrenden auszugleichen.
In der Praxis geht das natürlich auch in die andere Richtung: Mitfahrer sind natürlich auch nicht blöd und nutzen den Motor eines mitfahrenden E-Bike-Fahrers mit, indem man derjenige in der Gruppe ist, der die Teile mitnimmt, die man nur einmal in der Gruppe braucht. Muss nicht jeder eine Luftpumpe mitschleppen. Wasserflasche? Kann mit aufs E-Bike.
Als ich mein Fahrrad final für die Tour aufbauen musste, habe ich mich sehr schwergetan, mich für das Cannondale Topstone oder für das Specialized zu entscheiden. Bio vs. elektrisch. Meine Patellasehne hat das dann für mich übernommen.
Ich plane allerdings, den Motor meistenteils ausgeschaltet zu lassen. Auf dem platten Land macht es eh keinen Unterschied. Da fährt man selbst mit reduzierter Leistung am Ende mehr als 25 km/h ohne Unterstützung. Die Strecke, die bei mir im Hinterkopf rumgeistert, besteht zudem vornehmlich aus flachen Etappen, entweder weil es dort keine Erhebungen gibt oder weil sie an mittleren und großen Flüssen entlanglaufen, die naturgemäß so allgemein eher keine größeren Steigungen haben — okay, von Wasserfällen mal abgesehen. Ich fahr halt lieber hundertfünfzig Kilometer flaches Land als hundertfünfzig Höhenmeter. Das ist eben norddeutsche Fahrradsozialisation. Mehr Langstreckendiesel als Bergziege.
Ein Gutes hat das alles: Die Entscheidung, ein E-Bike zu fahren, ermöglicht mir nun eine letzte Etappe zu planen, die ich ohne Unterstützung nicht wagen würde (warum, ist eine Geschichte, die hier nicht hingehört, ich habe ein Limit bei der maximalen Wattleistung, die ich treten möchte. Sie ist recht hoch, aber trotzdem da). Auf dieser letzten Etappe wird es nicht ohne gehen, da ich das Fahrrad mit Gepäck die Strecke wohl nur mit niedrig einstelliger Geschwindigkeit den Berg hochgewuchtet bekomme. Aber es wird vermutlich die schönste Etappe.
Es ermöglicht mir auch, an bescheidenen Tagen mit viel Gegenwind, gefühlt waagerechtem Regen, lockenlosen Schafen und berghoch abends noch fit genug zu sein, um mich abends mit Freunden zu treffen, ohne gleich einzuschlafen. Und das ist in der Hauptsache eigentlich die ganze Idee an der Tour. Freunde wiederzusehen, die ich schon viel zu lange nicht gesehen habe.
Und damit habe ich mich genug für ein Pedelec entschuldigt.
Definitionssache
Der Preis für die “größte Haarspalterei Q2” (und starker Anwärter für den Gesamtjahressieg) geht an die Deutsche Bahn. Wobei sie recht haben mit ihrer Aussage. Das gestehe ich ihnen zu.
Ich fahre ja keine große Runde, sondern komme mit der Bahn zurück. Ich habe mir eine Verbindung gesucht, die ohne Umstieg nach Lüneburg auskommt. Nun kann man ein Fahrrad stehend und hängend in der Bahn transportieren. Ich präferiere es nun sehr deutlich, mein Fahrrad stehend abzustellen, da ich keine Lust habe, das Rad auf den Haken zu wuchten. Und was das mit dem schönen Sichtkarbon macht, weiß ich auch nicht.
Das war mir beim Fahrkartenkauf aber nicht so klar. Also stand ich da mit meinem reservierten Platz und wollte mehr über den Platz wissen. Ich habe also bei der Hotline per Mail gefragt, welcher Art ein bestimmter Fahrradstellplatz im Zug ist, da ich ein E-Bike mitnehmen möchte. Antwort sinngemäß: “Sie dürfen leider keine E-Bikes mitnehmen, nur Pedelecs. Hoffen, dass wir Ihnen helfen konnten.” WTF?
Ich habe ja durch den YouTube-Channel von @peterlesky gelernt, dass bei der Bahn alles sehr genau definiert und geregelt ist. Es hilft, das im Umgang mit der Bahn im Hinterkopf zu behalten.
Es kommt nämlich hier anscheinend auch sehr genau auf die Definition an. Nun, ich habe gelernt, dass man in der Bahn nur “Fahrräder mit Tretunterstützung durch Elektromotor bis 25 km/h” transportieren darf, nicht aber ein S-Pedelec oder ein E-Bike. Ein E-Bike scheint in der Definition der Bahn nunmehr ein Fahrrad zu sein, das ohne Tretunterstützung fährt, und ist damit nicht zulässig, weil ein mitnahmeberechtigtes Fahrrad eine Tretunterstützung haben muss. E-Bike ist also anscheinend keine Sammelbezeichnung für S-Pedelec und Pedelecs, sondern eine eigene Klasse Fahrräder. Ich hoffe, dass ich das so richtig verstanden habe.
Argghhhh!
Wenn also jemand auf einer Webseite schreibt “E-Bike mitnehmen ist in der Bahn kein Problem”, ist das so nicht richtig. Wobei das auf den allgemeinen Sprachgebrauch gemünzt wahrscheinlich in 90 % aller Fälle auf “Passt scho —” hinausläuft.
Mein Rad ist als Pedelec eingestuft. Ist also mitnahmeberechtigt. Ich weiß übrigens bis heute nicht, ob der Platz stehend oder hängend ist. Das ist in den Systemen der Bahn anscheinend nicht hinterlegt. Sollte jemand wissen, welcher Art Stellplatz 151 in einem Bpmmdz285 ist, wäre ich für die Information sehr dankbar.
Übernachten
Es wird im Übrigen kein Trip mit dem Zelt. Seitdem ich die Langfristvorhersagen gesehen habe und die Wahrscheinlichkeit eines trockenen Junis gegen 0 geht, ist die Option vom Tisch. Ich habe ohnehin eine Campingabneigung aus meiner Kindheit, sodass mir das ganz gelegen kommt.
Da das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, etwa zwei Monate nach meiner Einschulung fertig wurde, hat meine Familie für wenige Wochen in einem Campingwagen gelebt, um mir einen Schulwechsel zu sparen. Damals fand ich das super. Heute finde ich Camping, Campingwagen, Zelten und alles, was damit zusammenhängt, einfach nur doof.
Die Reise ist also kein Bikepacking, sondern ich fahre von Hotel zu Hotel, was es zu einer Radreise macht. Ich kann da die Bett+Bike-Liste des ADFC nur sehr empfehlen. Hat mir die Planung der Tour deutlich vereinfacht, wobei manche Hotels dort nicht drinstehen. Beispielsweise sollen die Premier Inns sehr fahrradfreundlich sein. Ich bin gespannt, ob sich das wirklich so herausstellen wird.
Es lohnt sich übrigens, bei manchen Hotels einfach nachzufragen, wie es mit dem Rad aussieht. Das funktioniert in beide Richtungen: Ich habe einige Hotels, die sich selbst als fahrradfreundlich bezeichnen, wieder storniert, nachdem ich herausgefunden habe, dass man sein Rad irgendwo in der Tiefgarage unterstellen kann, die weitestgehend von jedem betreten werden kann. Das ist mir mit dem neuen Fahrrad zu heiß. Für mich heißt sichere Abstellmöglichkeit ein abgeschlossener Raum oder mit aufs Zimmer (ja, es gibt Hotels, die das erlauben), nicht letzte Ecke im Parkhaus.
Ein anderes niedliches kleines Hotel — offiziell nicht besonders fahrradfreundlich — hatte mir gegenüber angeboten, das Rad in der Garage vom Chef unterzustellen. Schade, dass das nicht geklappt hat, da ich keine drei Tage bleiben wollte.
Die Schutzblech-Saga
Das Schutzblech schien sich noch als Problem herauszustellen. Ich hatte es zwar montiert, aber es rutschte immer wieder in seiner Halterung weg. Ich hatte schon überlegt, diese zu kleben, zu schweißen, dem Verkäufer auf den Tisch zu werfen mit der Aufforderung, er möge doch seinen Mist einfach behalten. Es war kein Halt für das Blech zu finden.
Aber manchmal hilft es echt, sich die Anleitung noch mal ganz genau anzugucken. Es stellte sich heraus, dass in der Verpackung des Schutzblechs noch zwei sehr unscheinbare und sehr dünne Klebestreifen waren. Diese waren der Durchbruch. Das Schutzblech hält nun bombenfest.
Stand sogar in der Dokumentation, dass man die braucht, wenn auch sehr klein geschrieben und versteckt. Ich kam mir selbstredend sehr dämlich vor. Jaja, RTFM — aber selbst nicht richtig gucken können. Ich hatte die Streifen für Rahmenschutzfolie gehalten und dafür hatte ich eigene durchsichtige Streifen. Am Ende waren es Haftvermittler für die Montagehalter. Kleber ist nur auf einer Seite. Sie halten das Schutzblech einfach nur dadurch, dass sie da sind. Der entscheidende halbe Millimeter zwischen lose und passt.
Letzter Tag
Ich habe gestern weniger geschafft, als ich wollte, und so ist heute mehr auf dem Zettel, als ich mir gewünscht habe. Ich werde jetzt mal den Tag beginnen. Es regnet gerade draußen. Mist.