Ich bin heute das erste Mal seit längerer Zeit wieder mit Musik auf den Ohren gefahren. Ich habe eine Sonnenbrille, die gleichzeitig ein Bluetooth-Kopfhörer ist, aber die Ohren freilässt. Ich höre also noch alles um mich herum. Alles andere wäre auch mehr oder weniger verrückt. Ich mochte schon mit Kopfhörern nicht laufen.
Irgendwie sind eine ganze Menge Dinge seit dem letzten Sommer musikalisch an mir vorbeigegangen. Tesseract hat ein neues Album herausgebracht: War of Being. Hatte ich im September letzten Jahres völlig übersehen. Ich war doch sehr für einige Monate meiner Komfort-Musik, meinen Komfort-Filmen und meinen Komfort-Serien verhaftet.
Als Teaser würde ich Legion empfehlen. Man hört ganz deutlich Tesseract heraus, aber bei den Vocals beschreibt es “großartig” für mich nicht ausreichend. Naja, man muss natürlich Prog mögen —
Aber zurück zur Fahrt: Ich kenne mich wirklich gut aus rund um Lüneburg, da ich viele Straßen rund um Lüneburg tatsächlich schon mal mit dem Rad entlanggefahren bin. Ist ja bei mir die andere Gamification-Komponente, mit der ich mich so oft wie möglich aufs Rad bringe. Möglichst alle Straßen langzufahren. Ich sammle halt Straßen hier wie andere Leute Pokémon. Das hat außerhalb des Radfahrens ganz deutlich den Vorteil, dass ich eigentlich so gut wie immer eine Ausweichmöglichkeit weiß, wenn irgendwo wieder die Straßen aufgerissen worden sind. Eigentlich erkenne ich daher recht früh, wenn mich die Navigation irgendwie nicht auf einem in etwa richtigen Weg leitet.
Holzweg
Nur: Verlässt man seine angestammten Radfahrgründe, merkt man erst viel zu spät, dass man eine völlig falsche Strecke fährt. Der Kilometerzähler des Radcomputers passt dann irgendwann überhaupt nicht mehr zur gedanklichen Navigation.
Ich hätte bei Kilometer 45 längst wieder in bekannten Gefilden sein müssen, stattdessen war ich irgendwo südlich von Amelinghausen. Irgendwas passt da gerade nicht. So überhaupt nicht. Kurzum: Es erschien so, als wäre ich auf dem Holzweg.
Holzweg
Nein, nicht diesen. Dieses Foto ist südlich von Dahlenburg aufgenommen worden und schon etwas älter. Heute wars nur der sprichwörtliche Holzweg. Ich würde sagen, das Bild ist so um die 50 km östlich von dem Ort entstanden, an dem ich endlich mal die Navigation infrage stellte.
Was war passiert: Ich hatte die heutige Etappe eigentlich fürs Wochenende geplant. Da habe ich immer etwas mehr Zeit, weil üblicherweise der erste Termin des Tages der Wocheneinkauf mit den Eltern ist. Und der ist äußerst variabel. Heute in der Früh kam ich aber auf die Idee, dass ich da heute schon gerne langfahren würde. Um mit dem reduzierten Zeitbudget heute auszukommen, hatte ich die Route etwas verkürzt — so um die 15 km verkürzt.
An sich wahrscheinlich keine schlechte Idee, man muss ja nicht unbedingt kurz auf knapp planen. Nur muss man diese Änderung dann auch vor der Synchronisierung abspeichern, damit sie der Fahrradcomputer auch übernehmen kann. Wenn nicht, fährt man dann halt die alte, längere Strecke und wird sich sehr stark bewusst, dass der Spruch „Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen” auch für Radfahrer gilt.
Fällt es einem dann irgendwann doch mal auf, kann man versuchen, so gut wie möglich das im selben Zeitraum zu schaffen, den man eigentlich für die kürzere Strecke eingeplant hat. Nur holt man 15 km nicht mal so einfach raus. Vor allen Dingen nicht auf einem Fahrrad. Und vor allen Dingen, wenn man eigentlich im Grunde schon am weitesten von zu Hause entfernten Punkt ist.
Ich hab einen recht guten Sinn für die Himmelsrichtungen, die Fahrt kam mir schon etwas früher merkwürdig vor, aber hier schlug dann wohl blinde Technologiegläubigkeit zu. Möglicherweise wollte mich dieser Baumstamm so low-tech wie möglich genau darauf hinweisen, indem er sich einfach mitten in meinen Weg gelegt hat.
Hindernisse
Ich war am Ende deutlich länger unterwegs, als ich dachte. Es war ein Glücksfall, dass ich keine Termine hatte, die deswegen ins Rutschen gekommen wären. Ich hätte sonst den „Call of Shame”-Anruf machen und mich von meinen Geschwistern abholen lassen müssen. Ich hätte einen Kundencall schließlich schlecht auf dem Rad annehmen können, nicht zuletzt wegen unflätiger Flüche in Richtung Autofahrer. Gerettet hat mich vor diesem Anruf dann endgültig der Duschpuffer, den ich für eine ordnungsgemäße Wiederherstellung der Zivilisationsfähigkeit nach dem Radfahren einplane.
Also saß ich hier in einem Zoom-Webinar, wollte eigentlich duschen, konnte aber nicht und mampfte mein Müsli missmutig vor mich hin, meine aktive Rolle in diesem Webinar — von der ich nicht wusste, dass ich sie haben würde — sollte sich auf eine Aufzeichnung beschränken. So saß ich ungeduscht, aber wenigstens satt an meinem Rechner. Strafe muss wohl sein.
Süsing
Wo hatte mich all das nun hingeführt? Es gibt hier um Lüneburg herum einige größere Waldgebiete. Etwas weiter weg von Lüneburg ist der Staatsforst Göhrde, da war ich vergangenes Wochenende. Heute war der Süsing dran. Der Süsing liegt südwestlich von Lüneburg und ist ebenfalls ein recht großes Waldgebiet.
Waldweg
Der Wald hat einen anderen Charakter als die Göhrde. Wenn man etwas genauer guckt, sieht man links und rechts vom Weg recht häufig Wild. Zuweilen versucht das Wild, vor einem in dieselbe Richtung wegzurennen, und so fährt man parallel zu einem Reh den Weg entlang.
In solchen Momenten wünscht man sich eine Kamera, die ständig mitläuft und 360 Grad um sich herum aufnimmt. Egal wie greifbar das Mobiltelefon ist, es ist nicht greifbar genug. Es bleiben dann immer nur Fotos, die im Grunde genommen nur die Landschaft zeigen.
Im Wald
Ich hadere noch mit mir selbst, mir eine solche zu kaufen. Es gibt welche und mittlerweile sind sie auch im Consumerbereich so hoch aufgelöst, dass man mit gereframeten Fotos auch was anfangen kann (denn 4K-Video klingt nach viel, ist es aber nicht, wenn die 4K nicht nur für den üblichen Bildausschnitt reichen müssen, sondern eben für deutlich mehr). Es gibt jetzt 8K-Kameras. Immer noch nicht gut, aber deutlich besser. Das „immer noch nicht gut” lässt mich zurückschrecken.
Nicht alle Wege sind so gut. Einigen Seitenwegen sieht man an, dass erst kürzlich einige Holzlaster da durchgefahren sind. Es sind auch Kopfsteinpflasterwege mitten im Wald. Noch schlimmer. Mir ist im Grunde genommen ein Feldweg ohne alles lieber als Kopfsteinpflaster. Nach zwei Kilometern Kopfsteinpflaster habe ich spätestens Kopfsteinpflasterkopfschmerzen.
Kopfsteinpflaster und Felgen — natürliche Feinde
Mein Rad hat eine gefederte Gabel (naja, genau genommen ist nicht die Gabel gefedert, sondern der Lenker kann etwas nachgeben, das System nennt sich FutureShock und ist oberhalb des Steuerrohrs angebracht). Sie absorbiert also einen großen Teil der Stöße, aber dennoch gehen die Schläge des Kopfsteinpflasters letztlich in die Handgelenke. Die Gabel kann halt schlussendlich auch keine Wunder vollbringen, zumal ich in solchen Situationen nicht auf dem Sattel bin, sondern mehr oder minder auf den Pedalen stehe. Ich finde, dass „im Sattel fahren” auf Kopfsteinpflaster absichtliche Materialvernichtung ist — sowohl am Rad als auch bei den Bandscheiben. Das bedeutet wiederum, dass man weiter vorne auf dem Rad ist und mehr Gewicht auf dem Lenker hat, also auch auf den Handgelenken. Zudem sind meine Felgen auf maximale Stabilität getrimmt. Viel „flexen” dürfte da nicht in der Felge sein.
Betzendorf
Letztlich kam ich dann deutlich nach der Zeit, die ich eingeplant hatte, wieder durch Betzendorf. Ich mag diesen Ort. Naja, genau genommen eigentlich die Kirche, die in diesem Ort steht. Von allen Kirchen, die hier in der Gegend stehen, finde ich, dass sie mit eine der schönsten Kirchen der Gegend ist. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass ich den Turm ganz besonders mag, er sieht eben nicht aus wie die herkömmlichen Kirchtürme. Denn dieser Kirchturm hat Schießscharten!
In Betzendorf
Die Peter und Paul Kirche ist schon wirklich alt. Ich meine damit nicht Schwarzweiß-alt, sondern Prä-Buchdruck-alt.
Ich habe im Netz einige teilweise widersprüchliche Angaben dazu gefunden. Eine Seite führt aus, dass der Turm kurz nach 800 gebaut worden ist, das Kirchenschiff nach 1300 und 1450 eine Erweiterung vorgenommen worden ist. Die Wikipedia führt aus:
Der romanische Rundturm gehört zu den wenigen dieser Art im weiten Umkreis, er stammt aus der Zeit um 1250, eine genaue Bauzeit ist nicht urkundlich belegt. Er wurde als Wehr- und Rundturm errichtet …
und
In der Nordwand der heutigen Kirche sind noch Reste des Mauerwerkes aus der Zeit um 1350 erhalten, das damalige besaß vermutlich ein niedriges Dach und eine flache Holzdecke, sowie eine Altarnische an der Ostseite. Bei der Erneuerung zwischen 1450 und 1460 wurde das Gebäude unter Beibehaltung der Außenmauern erneuert.
An anderer Stelle wird angemerkt, dass der Bau von einem solchen einem Wehrturm ähnlichen Kirchturm eine Mode der Zeit um 1400 war. So wie die Welt momentan drauf ist, habe ich auch die Befürchtung, dass diese Mode wiederkommen könnte.
Am Ende sei es wie es sei, die Kirche gefällt mir in ihrem Bau und darin, dass sie in einem kleinen Ort südwestlich von Lüneburg ein wenig versteckt ist. Sie ist klein und hat nicht ganz die erschlagende Anmutung anderer Kirchen.
Übrigens: Um die Zeit, die auf der Uhr angezeigt worden ist, wollte ich eigentlich schon wieder in Lüneburg sein, das hat aber nicht geklappt, wie man sieht.
Heimweg
So musste ich mich ein wenig beeilen auf dem Rückweg. Mittlerweile war auch die Sonne endlich durchgängig am Himmel. Nur keine Zeit, dies auch dementsprechend mit weiteren Bildern zu würdigen. Ein Foto habe ich dennoch gemacht, als ich endlich, ohne halb auf dem Feld zu stehen, ein Foto vom wachsenden Getreide schießen konnte.
Ähren
Das Ergebnis am Ende: Ziemlich exakt 75 km statt geplanter 62 km, etwa 1750 verbrauchte Kalorien. Das Ganze in relativ genau 3 Stunden.
Die Planbarkeit der Strecke, die man schafft, ist aus meiner Sicht bisher der größte Vorteil des E-Bikes. Ich kann ziemlich gut davon ausgehen, mindestens 22–25 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit zu schaffen und danach noch genügend Energie für einen Arbeitstag zu haben, ohne dass sich meine Beine von mir scheiden lassen wollen. Auch wenn alles schlecht läuft.
Ich plane daher etwa mit dieser Geschwindigkeit bei der Planung der Radreise, wenn ich weiß, welches Zeitbudget ich habe. Klappt auch ganz gut, wenn man sich nicht total bei der Strecke versieht und man mit seinem Budget von 2,5 Stunden nicht mehr ganz hinkommt.
Für die geplante Radreise sind das alles wesentliche Erfahrungen. Es sind vielleicht nicht die Höhenmeter am Stück, die ich mir hier jetzt zusammenfahre, aber ich bekomme ein immer besseres Gefühl dafür, womit ich planen kann.
Damit schließe ich dann diesen Text mal und: Bis bald!